Demonstranten in Sao Paulo.
Foto: dpa/Lincon Zarbietti

Rio de JaneiroEs ist ein bunter Mix an Menschen, der sich an diesem Juni-Nachmittag in Rio de Janeiro versammelt hat: Die brasilianische Antifa ist dabei, Fußballfans verschiedener Klubs, afrobrasilianische Aktivistinnen und Aktivisten, Frauenrechtlerinnen. „Ich bin heute gekommen, um für Demokratie und Respekt und gegen den Rassismus zu demonstrieren“, sagt die Afrobrasilianerin Marcele Oliver (33) im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Und sie ist nicht alleine. 

Zwar bilden Mitglieder der afrobrasilianischen Gemeinde an diesem Nachmittag die Mehrheit bei der Anti-Rassismus-Demonstration, doch es sind auch einige Weiße gekommen. Einige erinnern mit mitgebrachten Plakaten an die Toten von Polizeieinsätzen, andere halten das Bild der vor über zwei Jahren ermordeten afrobrasilianischen Stadträtin Marielle Franco in die Höhe.

Kein anderes Land hat die aktuellen Proteste gegen Polizeigewalt in den USA so sehr aufgewühlt wie Brasilien. Einerseits weil sich die Politiktypen Donald Trump und Jair Bolsonaro inhaltlich und stilistisch sehr ähnlich sind, andererseits weil es auch die gleichen strukturellen Probleme mit Rassismus und Polizeigewalt gibt. Auch in Brasilien sind afrobrasilianische Jugendliche deutlich häufiger von Polizeigewalt betroffen als ihre weißen Altersgenossen. Immer wieder geraten bei Polizeiaktionen auch unbeteiligte Teenager zwischen die Schusslinien und sterben.

Bolsonaro als Anheizer - schwächelnde Opposition

Das gab es zwar schon vor der Amtszeit von Präsident Bolsonaro, doch dessen bisweilen rassistischen Aussagen aus der Vergangenheit haben das Klima noch einmal zusätzlich angeheizt. Was Bolsonaro als witzig empfindet, kommt in der afrobrasilianischen Bevölkerung als Demütigung an. So fragte er jüngst einen engen afrobrasilianischen Mitarbeiter, ob er weiter sein Sklave sein wolle. Vor Jahren antwortete Bolsonaro auf die Frage, was denn geschehen würde, wenn sich einer seiner Söhne in eine schwarze Frau verliebe, das könne nicht passieren, denn sie seien ja gut erzogen. So etwas bleibt haften in dem Teil der Bevölkerung, der ohnehin strukturell benachteiligt ist und Rassismus immer wieder erlebt.

Seit anderthalb Jahren ist Bolsonaro nun im Amt. Doch während vor allem in Europa die Kritik an seinem Regierungsstil groß ist, blieben Massenproteste in Brasilien bislang weitgehend aus. Das liegt vor allem an der Schwäche der Opposition. Die lange regierende linke Arbeiterpartei (PT) um die Ex-Präsidenten Lula da Silva (2003 – 2011) und Dilma Rousseff (2011 – 2016) hat sich bislang weder inhaltlich noch personell neu aufgestellt, dabei ist das alte Personal durch Korruptionsskandale und umweltfeindliche Politik belastet. Zudem besetzen mit Lula, Rousseff, Ex-Präsidentschaftskandidat Fernando Haddad und Parteivorsitzender Gleisi Hoffmann weiße Politikerinnen und Politiker die tatsächlichen oder medial wahrgenommenen Führungspositionen der PT.

Umso spannender ist, ob sich aus dem bunten Mix, der gerade auf den Straßen in Sao Paulo oder Rio de Janeiro friedlich seinem Unmut freien Lauf lässt, eine neue Generation heranwächst, aus der neue Führungsfiguren der Opposition aufsteigen. Wie schwierig es dabei ist, den richtigen Ton zu treffen, zeigt eine Szene am Rande der Proteste. Als ein junger weißer Demonstrant die brasilianische Flagge anzündet, gibt es wütende Proteste einiger Passanten. Das was sie da tun sei eine Schande, rufen die Augenzeugen. Und sie meinten damit nicht die Politik des Präsidenten Bolsonaro.