Protest gegen die chilenische Regoerung in Vina del Mar am Sonntag.
Foto:  AFP/Martin Bernetti

Santiago de ChileHeute ist Donnerstag, heute passiert nichts“, sagt meine Nachbarin, als sie uns in Santiago verabschiedet. Jetzt sind Sommerferien in Chile, da finden die Demonstrationen nur freitags statt. Das soll bis März so bleiben. Dann geht es wieder richtig los. Ich winke, wir fahren zum Flughafen. Wir verlassen ein Land in Aufruhr. Die Chilenen begehren auf. Sie kämpfen gegen die soziale Ungleichheit, sie wollen eine neue Verfassung. Die Auseinandersetzungen finden in den Medien statt und auf der Straße.

Auf der Fahrt in die Stadt kommen wir am Regierungspalast vorbei. Ich erinnere mich an Bilder aus dem Jahr 1973 – an den Sturz von Salvador Allende durch den General und späteren Diktator Augusto Pinochet. Damals brannte La Moneda, der Palast. Längst steht er wieder in seiner historischen Gestalt.

Seit Wochen herrscht Verkehrschaos in Santiago, jeden Tag, viele Stunden: Bei den Protesten im Oktober 2019 wurden im Zentrum viele Ampeln zerstört. Die sind immer noch nicht repariert, aber pfiffige Chilenen sind eingesprungen. Auch Kinder sind dabei: In auffälligen Westen stehen sie auf Straßenkreuzungen, strecken ihre Arme zur Seite und drehen sich regelmäßig. Auf dieser Kreuzung hier ist es zwei Elfjährige. Langsam löst sich das Knäuel aus Fahrzeugen auf, und beim Vorbeifahren legen die dankbaren Autofahrer Pesos in die kleine Hand. Ich habe anderswo auch Vater und Sohn gesehen, die sich eine Kreuzung teilen, und Freundinnen, die sich Befehle zurufen.

Kleine Löffel reichen nicht

Nach dem Beginn der Proteste im vergangenen Oktober hat sich in Chile in kürzester Zeit eine Volksgemeinschaft entwickelt. So muss man das wohl nennen, denn es war keine Partei, die zu Protesten aufrief. Es waren Wut und Mut, die so viele Chilenen einten.

Unser Freund David, der keiner Partei angehört, ist im Oktober zum ersten Mal vor sein Haus gegangen, um gegen die Regierung zu protestieren. Er hatte kein Plakat, also ging er in die Küche, holte einen Topf und schlug draußen mit einem Löffel darauf. Sein Nachbar stand mit einer Untertasse und kleinem Löffel daneben. Nach ein paar Minuten ging der Nachbar zurück in die Küche, holte eine Kelle und eine große Pfanne und sagte: „Kleine Löffel reichen nicht.“

„Chile despertó!“ – Chile ist aufgewacht. Diesen Ruf hört man in diesen Wochen immer wieder. Als im Oktober 2019 über 1,2 Millionen Chilenen zur Plaza Italia kamen, standen dort weder eine Bühne noch ein Redner. Die Menschen hatten sich ohne die Regierung über die sozialen Medien organisiert. Sie wollten sich nicht mehr vom Rentensystem in die Armut treiben lassen.

Chile war das erste Land weltweit, das sein Versorgungssystem privatisierte. José Piñera, der Bruder des aktuellen Präsidenten Sebastian Piñera, hatte 1980 als Arbeitsminister unter Pinochet das private Rentensystem entworfen und eingeführt. Die Mitglieder der Streitkräfte und hohe Beamte im Staatsdienst haben Anspruch auf staatliche Pensionen in Höhe von mehreren Tausend Euro. Alle anderen Chilenen müssen in die private Rentenversicherung AFP einzahlen. Das System ist undurchsichtig und brutal. 50 Prozent der Chilenen, die 2018 in Rente gingen, haben jeweils Anspruch auf eine Rente von 48.000 Pesos – das sind 60 Euro.

Und die AFP ist aber nur ein Problem von vielen: Mitte Februar ging es darum, ob die Wasserversorgung wieder verstaatlicht werden soll oder privat bleibt. 24 Abgeordnete stimmten für die Verstaatlichung, zwölf für die Beibehaltung des Privateigentums. Die Zwölf haben gegen die 24 gewonnen, was die alte Verfassung auf eigenartige Weise regelt. Eben diese Verfassung will die Mehrheit der Gesellschaft ändern, und im Moment zeigt sich das in vielen Demonstrationen, Blockaden und Gewaltaktionen.

Proteste vor Schulen in Chile

Proteste gibt es auch vor den Schulen. Sie richten sich gegen die PSU, die Prueba de Selección Universitaria, das ist die wichtigste Zulassungsprüfung, deren Punktzahl entscheidet, zu welcher Universität man gehen kann. Die Ausbildungswege bis dahin sind extrem unterschiedlich: Manche lernen in einer ärmlichen Dorfschule, andere in einer teuren Eliteschule – und alle müssen dieselbe Prüfung ablegen. Man kann sich die Resultate vorstellen.

In diesem Jahr war die Wut über die Ungerechtigkeit so groß, dass die Prüfungen in allen Schulen abgebrochen werden mussten. Schüler zerstörten das halbe Mobiliar, während vor den Schulen die Eltern aufeinander losgingen. Die Lehrer waren machtlos.

Früher war das Morgenmagazin im Canal 13 eine Sendung mit Stars und Sternchen. Seit Oktober gibt es ab acht Uhr politische Diskussionen und aktuelle Reportagen. Jetzt konnte man live den Kämpfen vor den Schulen zusehen. Denn auch der nächste Versuch, Prüfungen abzuhalten, klappte nicht. Trotz Polizeikontrollen am Eingang hatten sich fremde Schüler eingeschmuggelt und boykottierten die Prüfung. Einige weinten, andere triumphierten. Nur so können wir eine Änderung erzwingen – das ist ihre Devise. Die Diskussion um die PSU gibt es seit zwölf Jahren, eine Lösung ist nicht in Sicht.

Der Matapacos

Die heutigen Proteste sind eigentlich eine Fortsetzung der Demonstrationen von 2011: Zehntausende Studenten forderten bereits die Abschaffung der hohen Studiengebühren, die unter dem Diktator Pinochet eingeführt worden waren. Schon damals reagierte die Polizei auf die Jugendlichen mit Wasserwerfern und Tränengas.      

Mitten im Chaos tauchte zwischen den Demonstrierenden immer wieder ein Hund auf – eine schwarze Promenadenmischung mit rotem Halstuch –, der die chilenischen Carabineros angriff. Schnell gewann der Hund die Sympathie der Studenten. Nass geworden durch die Wasserwerfer lief er bei vielen Straßenprotesten vorne mit und erhielt schon bald den Namen „Negro Matapacos“, was so viel wie „Schwarzer Bullenkiller“ heißt.  

Die Chilenin Maria Campo nahm ihn zu sich. Sie band ihm immer ein rotes Tuch um, bevor er morgens ins Zentrum lief und wieder in der ersten Reihe auftauchte. Im Dezember 2013 wurde eine Reportage über ihn gedreht. Wenn in diesen Tagen demonstriert wird, ist der Matapacos als große Pappmaché-Figur dabei. Bilder an Hauswänden in Santiago zeigen ihn, auf den Märkten sind T-Shirts mit seinem Bild ein Renner. Und auf den Bürgersteigen tragen plötzlich auch Pudel, Dackel oder Terrier ein rotes Tuch um den Hals.

Das feministische Bündnis 8M ruft zu Protesten auf

Das Morgenmagazin berichtet, dass im Stadtbezirk Macul junge Männer die Polizeistation mit Steinen angegriffen haben. Die Polizisten antworteten mit Tränengas, ganze Straßenzügen sind betroffen, das Tränengas ist in die Wohnungen eingedrungen. Alle sind wütend auf alle Uniformierten. Und viele auch auf die Steinewerfer.                                                                                                             

Mütter diskutieren mit der Polizei und den Journalisten, die Frauen wollen, dass die tatsächlich Betroffenen zu Wort kommen, die Familien in den Wohnungen zum Beispiel.

Überhaupt, die Frauen. Das feministische Bündnis 8M ruft für den März wieder zu verstärkten Protesten auf. Die Bewegung hat in Chile massiven Zuwachs erlebt, vor allem die jungen Frauen sind selbstbewusst.

Alejandra ist eine Vorkämpferin, eine, die den Weg in Jahrzehnten bereitet hat. Sie gehört seit ihrer Jugend zur engagierten linken Szene, wurde nach dem Putsch 1973 verhaftet und gefoltert. Ich lernte sie in der DDR kennen, dort war sie im Exil. Wir hatten gemeinsame Freunde und trafen uns beim Singen in den Peñas. Später kehrte sie nach Chile zurück.

Ich selbst kam 1990 zum ersten Mal nach Santiago. Die Berliner Mauer war gefallen, wir flogen nach Chile zur Familie meines Mannes. Wenn ich in der Stadt bin, gehört ein Abend Alejandra.

Sie wohnt in der Altstadt. Den Häusern fehlt der Putz, die Eingangstüren sind sehr schmal und vergittert. Drinnen öffnet sich   ein heller Innenhof mit vielen Pflanzen. Dieses Mal sind auch fünf Freundinnen da. Nach dem obligatorischen Cocktail Pisco Sour sehen wir uns den Film von Alejandras Hochzeit an. Schwarz-weiß, sieben Minuten, 1975: In einer Potsdamer Neubauwohnung feiern junge Leute bei Club Cola und Stierblut. Eine blonde Studentin lächelt in die Kamera. Es ist Michelle Bachelet, die spätere Präsidentin. Heute gehört Alejandra zum Frauenchor Voces de rebeldia – Rebellische Stimmen. Einmal in der Woche singen sie in einer U-Bahnstation. Manchmal bleiben die Leute stehen. Die Frauen wollen kein Geld, sie wollen reden.

Viele junge Menschen haben ihr Augenlicht verloren

In der U-Bahn hat im Oktober der Widerstand gegen die Regierung begonnen. Die Fahrpreiserhöhung war nur der letzte Funke. In der Hauptstadt sind die Fahrpreise für die Metro nach Uhrzeiten gestaffelt. Als Reaktion auf die ersten Proteste empfahl der Wirtschaftsminister, doch einfach früher aufzustehen – dann, wenn die Fahrscheine billiger sind.

In den Morgennachrichten wird eine Erhöhung des Mindestlohns zu Ende März angekündigt. Jeder soll mindestens 301.000 Pesos verdienen, das sind rund 350 Euro. Die Lebenshaltungskosten sind ähnlich wie in Deutschland. Und der März ist ohnehin ein schwieriger Monat. Das Schulgeld muss bezahlt werden, die Schuluniform, das Lehrmaterial, die Autoversicherung. Für viele ist der Kredit abgelaufen, mit dem sie ihre Weihnachtsgeschenke gekauft hatten. Und die Studiengebühren sind fällig.

Es gibt junge Leute, die ihre Ausbildung im März nicht fortsetzen können. Sie haben ihr Augenlicht verloren. Fast 400 Menschen wurde seit dem Beginn der Proteste von der Polizei in die Augen geschossen. Zwei Beispiele: Manuel Velos, 21 Jahre alt, kam von einem Bewerbungsgespräch, als ein Polizist mit einem Gummigeschoss auf ihn zielte. Natalia Aravena ist 24 und Krankenschwester, auch sie ist nun fast blind.

Barrikaden versperren die Straße

Im Hospital de Universidad de Chile gibt es inzwischen fünf Spezialisten. Das wird nicht reichen. Ana Piqué, die geschäftsführende Direktorin von Amnesty International sagt: „Was in Chile passiert, ist furchtbar. Schon seit Wochen setzt der Staat exzessive und vielfach unnötige Gewalt ein. Wir sprechen nicht von vereinzelten Vorfällen. Es gibt Tausende von Fällen, und sie geschehen praktisch im ganzen Land. “

Die Proteste werden dennoch weitergehen. Am 8. und 9. März ist ein Generalstreik geplant, der von einer Großdemonstration begleitet werden soll. Und am 26. April wird über eine neue Verfassung entschieden. Es geht um „Si“ oder „No“ und um die Form der Ausarbeitung. Soll sie von Vertretern der Zivilgesellschaft erarbeitet werden oder zur Hälfte von den jetzigen Parlamentariern? Zwei Fragen, deren Beantwortung über die Zukunft entscheidet.

Auf dem Weg zum Flughafen müssen wir einen Umweg fahren. Barrikaden versperren einen ganzen Straßenzug. Es geht um den dritten Anlauf zur PSU-Prüfung. Diesmal soll sie wirklich stattfinden. 2000 Polizisten sind dafür abgestellt. Wir liegen gut in der Zeit, als die Plaza Italia in Sicht kommt. Plötzlich quietschen Autoreifen. Von links rast ein Wasserwerfer heran, der auf junge Leute zielt, die vor uns über die Straße rennen. Jemand schreit: „Fenster hoch!“, mich trifft noch eine Spur Tränengas. Dabei ist heute erst Donnerstag.