Iranerin in Berlin: „Wir können kaum noch schlafen vor Sorge“

Eine Berlinerin hat sich in einem offenen Brief gegen den Sohn des obersten Führers im Iran gewandt. Sie setzt damit auch ihre eigene Sicherheit aufs Spiel.

Seyedeh Ala Paighambari, Autorin des offenen Briefes an den Sohn von Ali Khamenei
Seyedeh Ala Paighambari, Autorin des offenen Briefes an den Sohn von Ali KhameneiBerliner Zeitung/Paulus Ponizak

Ein Café in Charlottenburg. Unverputzte Backsteinwände, leise Klaviermusik im Hintergrund. Seyedeh Ala Paighambari trinkt einen schwarzen Kaffee. Ihr Mann stellt dazu zwei Muffins auf den kleinen Tisch, an dem sie sitzt. Ihm gehört der Laden. Ihre ganze Familie, so erzählt es Paighambari, rücke in diesen Tagen eng zusammen – jetzt, wo den Iran die heftigsten Proteste seit langem erschüttern.

Die Familie verfolge zusammen die Nachrichten, trauere um die getöteten Demonstranten. Keiner könne gerade allein sein. An ihrem Hals trägt sie eine Kette mit einer goldenen Münze, auf der ein Löwe eingraviert ist. Sie trage die Kette seit Beginn der Proteste, sagt sie. Denn im Persischen gebe es ein eigenes Wort für Frauen, die mutig und stark seien: shirzan. Übersetzt heiße es Löwin.

Berliner Zeitung: Frau Paighambari, Sie haben in der Berliner Zeitung einen offenen Brief veröffentlicht und sich darin an den Sohn von Ali Khamenei, dem Obersten Führer im Iran, gewandt. Was hat Sie dazu bewogen?

Seyedeh Ala Paighambari: Wegen der ganzen Ungerechtigkeit, die im Iran herrscht. Der Mord an Mahsa Amini, diesem wunderschönen Mädchen, das einfach nur Urlaub in der Hauptstadt machen wollte. Und das Leugnen der Regierung, schuld daran zu sein. Aber auch andere Geschehnisse, wie der Abschuss des ukrainischen Flugzeugs mit iranischen Raketen im Jahr 2020, bei dem 176 Menschen starben. Und auch da das Leugnen des Regimes. Oder so viele kleine, vielleicht banal klingende Dinge, wie, dass den Menschen einfach der Strom mitten am Tag abgestellt wird. Was dazu führt, dass Restaurants nicht mehr bedienen, Friseure keine Kunden annehmen können.

Alles im Iran ist völlig außer Kontrolle geraten. Die Regierung ist nicht mehr in der Lage, dieses Land zu führen. Mojtaba Khamenei, der Sohn, wird vermutlich der nächste Oberste Führer. Ob sein Vater noch lebt, weiß gerade keiner. Deswegen richte ich mich an ihn.

Seyedeh Ala Paighambari: „Alles im Iran ist völlig außer Kontrolle geraten.“
Seyedeh Ala Paighambari: „Alles im Iran ist völlig außer Kontrolle geraten.“Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Sie sprechen in dem Brief vor allem die Missstände im Iran an, nicht nur die Unterdrückung der Frauen. Wie schlecht geht es den Menschen dort?

Nur ein Beispiel: Als ich 2017 im Iran zu Besuch war, gab es Kinder auf den Straßen, die gebettelt haben. Als ich 2021 wieder dort war, waren nachts die Straßen voll von Kindern, die Flaschen, Becher und anderes Plastik gesammelt haben, um es auf Märkten zu verkaufen. Sie stehlen von Baustellen das Kupfer. Sowas kannte ich nur von anderen Ländern, nicht vom Iran. Im ganzen Land haben Überfälle überhandgenommen, weil die Menschen am Verhungern sind. Das Regime macht aus dem Volk Bettler, Mörder und Diebe.

Wir dürfen Ihr Foto veröffentlichen. Haben Sie keine Angst vor Konsequenzen?

Wir haben in der Familie lange diskutiert: Soll ich das mit dem Brief wirklich machen? Alle waren sich einig, dass wir die Stimme erheben müssen. Und doch fühle ich, dass sie wegen des Fotos besorgt sind. Sie fürchten, dass mir deswegen etwas passieren, dass ich zur Zielscheibe werden könnte. Wir leben seit 27 Jahren in Berlin – und trotzdem fürchten sie sich. Es ist verrückt, wie sich diese Angst in den Köpfen der Iraner festgesetzt hat.

Das Regime hat so lange willkürlich Menschen umgebracht, die eine andere Meinung hatten, dass selbst die, die schon lange nicht mehr dort leben, noch Angst haben, ihre Meinung zu äußern. Aber es reicht. Das Regime hat lange genug Angst und Furcht geschürt, um an der Macht zu bleiben.

Sie selbst sind mit fünf Jahren, zusammen mit Ihrer Mutter, aus Teheran nach Berlin geflüchtet. Seitdem sind Sie oft wieder in den Iran gereist. Haben Sie selbst etwas von der Unterdrückung mitbekommen, wegen der die Frauen dort jetzt auf die Straße gehen?

Ich habe Verhaftungen durch die Sittenpolizei gesehen und wurde auch selbst schon angehalten. Aber ich habe immer Glück gehabt, dass ich nicht mitgenommen wurde. Du brauchst nur einmal Pech haben und dein Kopftuch verhüllt die Haare nicht richtig, während die Polizei dich sieht. Oder deine Knie sind nicht richtig bedeckt. Es ist immer ein Risiko. Du setzt dort als Frau in deinem Alltag dein Leben aufs Spiel. Jeden Tag.

Derzeit finden im Iran Proteste in 130 Städten statt. Sogar in Regionen, wo bislang noch nie demonstriert wurde. Dabei werden die iranischen Frauen schon seit der islamischen Revolution im Jahr 1979 unterdrückt, also seit 43 Jahren. Warum kocht es ausgerechnet jetzt so hoch?

2019, als es wegen der steigenden Benzinpreise heftige Proteste gab, war es ja auch so riesig. Da hatte das Regime wohl einfach Glück, dass dann Corona kam. Auch die Flugzeugkatastrophe wäre total eskaliert, hätte es die Pandemie nicht gegeben. Was dieses Mal anders ist, ist, dass sich all die kleineren Protestgruppen, die schon die ganze Zeit demonstrieren, nun zusammentun. Weil die Missstände im Land wirklich katastrophal sind. Und ich hoffe sehr, dass das alles noch zunimmt. Ich will mir nicht ausmalen, was sonst passiert.

Was meinen Sie?

Wie lange werden die Menschen durchhalten, wenn sie keine Unterstützung bekommen? Was wird dann mit all denen passieren, die verhaftet wurden? Schon jetzt sind es über 1000. Was passiert mit all den Journalisten? Was passiert mit einem Ali Karimi …

… dem ehemaligen Bayern-München-Spieler, der seit Jahren im Iran lebt und sich mit den Protesten solidarisiert?

Diese Menschen werden nicht einfach weitermachen können, als wäre nichts passiert. Sollte ihr Kampf scheitern, sollten wir das Regime nicht stürzen können, werden sie dafür zahlen müssen. Das Regime wird sie alle verfolgen und stummschalten. Durch jahrelange Haft, oder durch Hinrichtungen.

Seyedeh Ala Paighambari: „Das Regime macht aus seinem Volk Mörder und Diebe.“
Seyedeh Ala Paighambari: „Das Regime macht aus seinem Volk Mörder und Diebe.“Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Wie 2019, als über 1000 Demonstranten sterben mussten?

Es wird kein Zurück geben. Auch für mich nicht. Ich werde nach diesem Interview und dem offenen Brief nie wieder in den Iran reisen können. Das ist der Deal, den ich mache. Es sei denn, das Regime wird gestürzt. Und irgendwas gibt mir das Gefühl, dass es diesmal anders ist.

Offenbar sind die von der Regierung organisierten Gegendemonstrationen nur schlecht besucht. Man hört, dass es innerhalb der Polizei Kritik am Vorgehen der Regierung geben soll.

Ich kenne Frauen im Iran, die 2009, als ich dort war, noch schwarze Schleier trugen, deren Töchter ganz ruhig in der Ecke saßen und bei denen ich das Gefühl hatte, sie seien mit den Regeln im Land sehr einverstanden. Dieselben Frauen posten heute auf Social Media, sobald sie Internet haben, die ganze Zeit zu den Protesten. Das zeigt mir, dass auch den Anhängern des Regimes langsam klar wird, dass sich etwas ändern muss. Denn auch sie hungern ja.

Die Journalistin Nilufar Hamedi, die Mahsa Amini im Krankenhaus entdeckt hat, sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Sie soll ihren Mann informiert haben, dass sie jeden Morgen in ihrer kleinen Zelle Yoga macht und der Anklage gelassen entgegenblickt. Woher kommt all dieser Mut?

Wir lassen uns nicht mehr für dumm verkaufen. Eins der Propagandamittel ist ja zu sagen, Social Media sei eine Waffe des Westens und alles, was darinstehe, sei gelogen. Aber die Frauen im Iran sind sehr gebildet. Viele haben promoviert. Sie wissen, wie es in der Welt zugeht. Sie wissen, was sie alles verpassen. Und deswegen wissen sie auch, dass die Welt nicht mehr wegschauen kann. Ich glaube, daher kommt ihr Mut.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt in den Iran?

Nein. Ich selbst habe nur noch eine Tante dort, der Rest lebt hier in Berlin. Aber die ganze Familie meines Mannes ist noch im Iran, sie sind Kurden. Und wir haben, seit dort das Internet tot ist, niemanden von ihnen mehr erreicht.

Ist das eine sehr stressige Situation?

Ja. Für alle. Du hoffst die ganze Zeit, dass es nur daran liegt, weil die ganzen Apps gesperrt wurden. Auch andere, mit denen ich spreche, sind sehr in Sorge um ihre Familien. Ich habe neulich mit einem Bekannten hier in Berlin gesprochen. Er meinte, seine Schwester protestiere auch im Iran. Er hat das mit einer so besorgten Stimme gesagt, dass es mir fast das Herz zerrissen hat. Ich habe ihm gesagt, dass seine Schwester sehr mutig sei. Er hat erzählt, dass er ihr eigentlich sagen wollte, dass sie es nicht machen soll, aber er habe es nicht gekonnt. Ihr Leben dürfe nicht mehr wert sein als das all der anderen Frauen, meinte er. Deswegen hat er ihr nichts gesagt, obwohl er nicht mit ihr zu den Protesten gehen und sie beschützen kann. Und jetzt sitzt er hier, wie so viele, voller Sorge.

Wie gehen Sie, wie gehen die Iraner in Berlin damit um?

Keiner kann gerade mehr allein zu Hause einen klaren Gedanken fassen. Deswegen sind wir sehr viel zusammen. Wir schlafen kaum noch, stehen alle unter einem enormen emotionalen Stress. Da wird man dann schon mal abends um 22 Uhr angerufen: Seid ihr noch wach, kann ich kurz vorbeikommen? Wir sitzen zusammen, lesen die iranischen Nachrichten, sprechen, gehen auf Demos. Wir versuchen zusammenzuhalten.

Annalena Baerbock hat am Donnerstag im Bundestag Sanktionen gegen den Iran gefordert. Aber sie will auch an den Verhandlungen um das Atomabkommen festhalten. Wie finden Sie das?

Ich bin Unternehmerin, keine Politikerin oder Aktivistin. Eine Frau aus Berlin, die ihre Stimme für die Frauen im Iran erhebt. Ich finde es gut, dass Frau Baerbock relativ zeitnah gesagt hat, sie stünde hinter den Iranerinnen. Aber es müssen auch Taten folgen. Nur reden und verhandeln funktioniert mit den Mullahs einfach nicht. Die Leute werden nicht plötzlich mehr zu essen haben, weil irgendwelche Abkommen unterschrieben sind. Die Regierung wird mit dem Geld, das sie durch die Unterzeichnung dieses Abkommens bekommt, den Terror in der Region finanzieren. Wir können nicht zulassen, dass eine Regierung das Volk als Geiseln halten kann und kein anderer macht etwas. Und es ist eine Geiselnahme! Es erreichen uns täglich Nachrichten, in denen die Menschen nach Hilfe flehen. Die Iraner sind Geiseln in ihrem eigenen Land.