Protestwahl im Osten Berlins: In Marzahn-Hellersdorf bekamen Linke und AfD viele Stimmen

Der Wind treibt Nieselregen über leere, breite Straßen, den Fassaden hoher Plattenbauten entgegen. Gunnar Lindemann, ein großer, schwerer Mann von 47 Jahren mit Tweedsakko, bricht von der Straßenbahnhaltestelle aus zu einem Spaziergang auf. Lindemann wohnt ganz in der Nähe, in einem der Häuserblocks, die wie Tetrisblöcke zwischen den Wiesen verstreut liegen.

Wann immer er sich umguckt, sieht er Anzeichen dafür, dass es nicht gut bestellt ist um seinen Wahlbezirk, die Schule mit ihren bunt angesprühten Mauern, das Einkaufszentrum, in dem viele Geschäfte leer stehen.

Lindemann deutet auf die Schilder an der Fassade, das Sportstudio, die Bowlingbahn, alles hat dichtgemacht. Dann senkt er den Blick auf den brüchigen Radweg, die weißen Markierungen sind verblasst und halb abgeblättert. „Das sind noch die alten DDR-Platten“, murmelt er und fährt mit der Spitze seines Regenschirms die Risse entlang.

Gunnar Lindemann, AfD-Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus und Wahlkampfkoordinator im Bezirk Marzahn-Hellersdorf, ist dennoch guter Dinge. Für seine Partei ist der Montag ein Tag der Gewinner: auf Bundesebene, in Berlin und vor allem hier, in Marzahn-Hellersdorf.

Die Linke und AfD haben in Marzahn-Hellersdorf ähnlich viele Stimmen bekommen

Im Wahlkreis 85 etwa haben die meisten Bewohner die AfD gewählt, bis zu 30 Prozent bekam die Partei in dieser Gegend. Ihre Spitzenkandidatin Jeanette Auricht, geboren in Mahlsdorf, erzielte in ihrem Wahlkreis 20,6 Prozent; Petra Pau von den Linken kam auf mehr als 34 Prozent und schaffte es in den Bundestag. Auricht sitzt seit 2016 bereits im Berliner Abgeordnetenhaus.

Zwei Frauen, die eine links, die andere rechts, vertreten also die Interessen der Menschen aus Marzahn-Hellersdorf. Auf den Wahlplakaten im Bezirk hingen ihre Bilder oft dicht beieinander.

Und in manchen Wohngebieten des Bezirks – etwa in Ahrensfelde-Süd, Marzahn-West und Marzahn-Ost – haben beide Parteien ähnlich viele Stimmen bekommen, meist zwischen 25 und 30 Prozent. Doch wie leben Menschen mit solch gegensätzlichen politischen Ansichten zusammen?

Gunnar Lindemann sagt, die Linke und auch die SPD hätten es versäumt, sich um die Menschen zu kümmern, davon habe seine Partei profitiert. „Den Menschen hier wird immer gesagt: Es ist kein Geld da. Aber auf der anderen Seite entsteht hier ein Asylbewerberheim für 20 Millionen Euro.“

Wutwähler sollen zu Stammwählern werden

Es gebe zu viele Flüchtlinge in Deutschland, die gar nicht hier sein dürften, die müsse man schneller abschieben, sagt er. Dass die Medien seine Partei als rechtsextrem einstufen, findet er unfair, „manchmal muss man etwas überspitzt formulieren, damit die Leute einem zuhören“.

Lindemann läuft die Gleise entlang, in Richtung der Wuhle, noch zwei Haltestellen, dann fängt Brandenburg an. Es gebe Menschen in Marzahn, die sich ausgegrenzt fühlten, aber viele wohnten auch gerne hier, sagt er. „Leute, die in einer problematischen Situation sind, werden an den Stadtrand gedrängt, das sieht man schon. Andererseits gibt es auch viel Grün.“

Lindemann stammt aus Wuppertal, vor seinem Einzug ins Abgeordnetenhaus war er als Personal-Betriebsplaner bei einem privaten Bahnunternehmen tätig. Er habe im Wahlkampf viel Neugier auf seine Partei erlebt, aber auch viel Zorn und viel Frust. „Sie müssen es so sehen: Wir wollen den Menschen eine Alternative bieten, damit die, die uns als Wutbürger gewählt haben, zu unseren Stammwählern werden.“

Da ist also die AfD auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist Marzahn-Hellersdorf ein Bezirk, in dem die Linken schon immer mitregiert haben. Dagmar Pohle, die aktuelle Bezirksbürgermeisterin der Linken, hat dieses Amt schon einmal geführt, von 2006 bis 2011. Petra Pau hat es in Marzahn-Hellersdorf zum fünften Mal in den Bundestag geschafft.

Die Grünen kamen nur auf 3,4 Prozent

Pohle und Pau, das seien Politikerinnen, mit denen man schnell ins Gespräch kommen könne, sagt Kerstin Lüttke vom Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Felix. „Die verstecken sich nicht“, sagt sie. „Die machen eine saubere Kommunalpolitik“, ergänzt Roland Kirchhof, ebenfalls vom Vorstand. 670 Wohnungen in Marzahn gehören zur Genossenschaft.

Am Sonntag war der Clubraum im Sitz des Unternehmens in der Schwarzburger Straße das Wahllokal 115. Das Stimmergebnis dort ist typisch für den Bezirk: 27,6 Prozent wählten AfD, 24,9 Prozent Linke, 18,7 Prozent CDU und 13,9 Prozent SPD, Die Grünen kamen auf 3,4 Prozent. So ein Ergebnis hinterlässt Fragen.

Die beiden Vorstände müssen am Montag nicht lange nach einer Antwort suchen, warum so viele hier die AfD gewählt haben. „Aus Protest“, sagt Kerstin Lüttke. „Die Menschen fühlen sich von SPD und CDU nicht mehr wahrgenommen.“

Roland Kirchhof sagt, er spüre bei diesen Menschen eine „Abwehr der alten Kräfte“. Hinzu komme, dass viele die Asyl- und Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ablehnten. Und zudem werde Marzahn-Hellersdorf immer noch als Schmuddelbezirk beschrieben.

„Hier leben immer noch die Linken von früher und die, die nicht aus dem Arsch kommen“

Was Roland Kirchhof damit meint, lässt sich ein paar Meter weiter erahnen. Das Tal-Center ist der soziale Mittelpunkt in diesem Viertel, ein Einkaufszentrum mit Billigläden wie Kik und Pfennigpfeiffer. Mittags sind kaum Besucher dort, einige Läden stehen leer.

In der Raucherkneipe Laila sitzen drei Männer beim Bier am Tresen. Viel reden sie nicht, ziehen schweigend an ihren Zigaretten. Das Wahlergebnis in ihrem Bezirk überrascht sie nicht. „Hier leben immer noch die Linken von früher und die, die nicht aus dem Arsch kommen“, sagt einer. „Also die, die keine Arbeit haben oder keine Lust zum Arbeiten“, sagt sein Nachbar.

Im Sozialbericht des Bezirks für das Jahr 2015 steht, dass die Arbeitslosenquote gesunken sei, etwa 48.500 Menschen leben von Hartz IV, das sind 23 Prozent – deutlich mehr als der Berliner Durchschnitt von 19 Prozent. Die meisten Empfänger von Sozialleistungen leben im Norden des Bezirks, rund um die Hellersdorfer Straße sind es fast die Hälfte aller Bewohner.

In manchen Gegenden ist der Verein Laib und Seele mit dem Austeilen kostenloser Lebensmittel an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. „Aufnahmestopp wegen der hohen Besucherzahlen“, steht an der Eingangstür der Evangelisch-Lutherischen Missionsgemeinde in der Schwarzburger Straße.

Immer geht es um Ausländer

Der Rentner, der mit seinem Hund an der Leine zum Einkaufen ins Tal-Center geht, sagt gleich, dass er AfD gewählt hat. Und er nennt mehrere Begründungen. „Wie kann es sein, dass deutsche Rentner, die dieses Land mit aufgebaut haben, heute Flaschen sammeln müssen, und dass für unsere Obdachlosen keine Container aufgestellt werden wie für die vielen Flüchtlinge. Und die bekommen dann auch noch so viel Geld, ohne etwas dafür tun zu müssen?“ Früher habe er CDU gewählt, sagt er. Nun die AfD – aus Frust über die Regierung.

Wer mit den Menschen in Marzahn-Hellersdorf redet, erfährt viel über ihr Gefühl der Ungerechtigkeit. Und immer geht es um Ausländer, solche etwa, die sich angeblich als Polizisten verkleiden, den einheimischen Kindern das Spielzeug wegnehmen und straffrei davonkommen, „während jemand, der drei Mal schwarz gefahren ist, gleich ins Gefängnis muss“. So erzählt es eine junge Frau, Mutter eines Sohnes.

Am Rand einer ruhigen Wohnsiedlung sitzt der Leiter eines Flüchtlingsheims in seinem engen Büro; wie er heißt, wo das Heim genau liegt, das soll nicht geschrieben werden. Dabei ist das, was der Mann zu sagen hat, gar nicht negativ. Sicher, es passiere, sagt der Leiter des Heims, dass Anwohner zu ihm kämen, um sich über Lärm zu beschweren.

„Anfangs kommen sie oft mit Ressentiments“, sagt er, „aber wenn man mit ihnen redet, zerstreuen die sich schnell.“ In Marzahn-Hellersdorf sind deutlich mehr Flüchtlinge untergebracht worden als in anderen Bezirken Berlins. Der Leiter setzt auf Transparenz, Offenheit und Gespräche, um Vorurteile zu entkräften.

„Das ist ein Weckruf“

„Wir versuchen zu sagen: Gib dem Flüchtling ein Gesicht.“ Offenen Hass habe er noch nicht erlebt, auch wenn andere Heime angegriffen worden sind – allerdings gebe nicht so viel zivilgesellschaftliches Engagement wie in anderen Vierteln, das räumt er ein. Alles in allem aber findet der Heimleiter, dass Marzahn in den Medien oft zu schlecht wegkomme, als Hort der Rechten. Er sagt: „Der Bezirk ist nicht so schlimm wie sein Ruf.“

Ganz in der Nähe rauscht der Verkehr auf einer mehrspurigen Straße an einer Kreuzung vorbei, gewaltig wirken die Plattenbauten, die Fußgänger davor winzig klein. Auf einer Wiese zwischen den Wohnblocks grasen zwei Wasserbüffel, der Zirkus ist in der Stadt. Ein schwarz gekleideter Mann mit Käppi steht an einer Bushaltestelle und wartet. Nein, sagt er, das Wahlergebnis habe ihn nicht überrascht.

„Das ist ein Weckruf an die Alteingesessenen“, sagt er, „zufrieden mit der Politik sind wir ja alle nicht.“ Hardy Rebel ist 54 Jahre alt, Busfahrer von Beruf, er lebt in Marzahn, „in einem Arbeiterschließfach, zwei Zimmer“. Doch je länger er redet, umso mehr stellt sich heraus, dass er doch ganz zufrieden ist, er fühlt sich sicher und wohl in Marzahn, die Flüchtlinge stören ihn nicht, er kriegt nicht viel davon mit.

Er selbst hat die CDU gewählt, aber er kennt viele, die ihre Stimme der AfD gegeben haben. „Der Frust der Leute ist riesig“, sagt er. „Ich habe viele Kollegen, die sagen: Jetzt, mit der Wahl, haben die Politiker ihre Quittung gekriegt.“

Es fehlt an Perspektiven

Vor dem Netto-Supermarkt an der Marzahner Promenade gibt es einen kleinen Markt, Rentner schieben ihre Rollatoren vorüber, Frauen schleppen volle Einkaufstaschen zum Parkplatz. In einem der Wohnblocks gegenüber liegt das Büro von Gangway e.V., drei Straßensozialarbeiter arbeiten hier mit den Jugendlichen aus den Plattenbausiedlungen.

Kinderarmut sei ein Problem in der Gegend, sagt Sindy Seeber, die auf einem gelben, durchgesessenen Polstersessel sitzt. Viele Teenager hätten Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz und eine Wohnung zu finden. Manche von ihnen seien wütend. Für viele bedeute der Zuzug der Flüchtlinge eine „steigende Konkurrenz um die Ressource Wohnung“.

Es sei nicht so, dass sie es hier mit Rechtsextremisten im klassischen Sinne zu tun hätten, sagt ihr Kollege Tilmann Pritzens. „Aber es gibt Vorurteile: Die Ausländer kriegen die Wohnungen – die kriegen das Geld hinterhergeworfen.“ Und es gehe ohnehin nicht nur um Wohnungen; Kitas und Schulen seien schlecht ausgestattet, auch deshalb fürchteten viele Menschen, dass die Flüchtlinge ihnen die Plätze streitig machen.

Sindy Seeber ist in Thüringen aufgewachsen. Sie könne die Leute, die die AfD gewählt haben, zumindest ein Stück weit verstehen, auch wenn sie selbst links sei. „Es fehlt an Perspektiven. Viele Leute finden: So, wie es ist, kann es nicht weitergehen.“

In einer früheren Version des Artikels hieß es, Jeannette Auricht ziehe in den Bundestag ein. Dies trifft nicht zu. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.