Grosseto - Francesco Schettino steht in der Cafeteria des zum Gericht umgewandelten Theaters von Grosseto, umringt von Journalisten. Der 52-Jährige trägt einen dunkelblauen Anzug und Krawatte, die Haare sind wie immer gegelt. Er bemüht sich, in dieser Verhandlungspause ruhig und gefasst zu wirken, aber nicht nur die zuckenden Augenlider verraten, wie nervös und angespannt er ist. Er sei ja nur hier im Gericht, weil er helfen wolle, Unglücke wie das der „Costa Concordia“ künftig zu verhindern, sagt der ehemalige Kapitän des Kreuzfahrtschiffs. Es ist ein sehr merkwürdiger Satz für einen Angeklagten, dem zur Last gelegt wird, sein Schiff am 13. Januar 2012 vor der Insel Giglio leichtfertig auf einen Felsen gesteuert zu haben, sodass es kenterte und 32 Menschen starben. Auch wird ihm vorgeworfen, er sei frühzeitig von Bord gegangen.

Am Mittwoch hat der „Costa Concordia“-Prozess richtig begonnen, nachdem die erste Verhandlung in der vergangenen Woche wegen eines Anwalt-Streiks schon nach zehn Minuten vertagt worden war. Medien aus aller Welt sind da. Im Saal des Teatro Moderno im toskanischen Grosseto residiert das Richtergremium an einem mit rotem Stoff verhängten Tisch auf der Bühne, hinter ihm ein schwarz-weißes Spruchband: „Das Gesetz ist für alle gleich“. Schettino, der einzige Angeklagte, und seine Verteidiger sitzen vor dem Orchestergraben, ebenso die Staatsanwälte. Alles wirkt etwas improvisiert und fast wie eine Theaterinszenierung. Auf den roten Sesseln im Zuschauerraum haben viele der 62 Anwälte Platz genommen, die die mehr als 300 Nebenkläger vertreten. Die Opferangehörigen, traumatisierte Passagiere und Besatzungsmitglieder sind nicht nach Grosseto gekommen. Nur die blonde Moldawierin Domnica Cermoran erscheint im engen blauen Rock im Gericht. Die 26-Jährige war eine Tänzerin auf der „Costa Concordia“ und angeblich die Geliebte des Kapitäns. Sie soll kurz vor dem Unglück mit Schettino auf der Kommandobrücke gestanden und ihn abgelenkt haben. Ursprünglich sollte sie im Prozess als Zeugin aussagen, doch nun will auch sie eine Entschädigung erstreiten. Es geht bei den Nebenklägern um Einzelbeträge zwischen mehreren Zehntausend bis zu mehreren Millionen Euro – insgesamt eine enorme Summe, die der Angeklagte Schettino nie zahlen könnte.

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