Berlin - Wäre er eitel, meint Markus Tervooren, die ganze Angelegenheit würde ihn schon schmücken: Vor Gericht zu stehen, weil er mit seiner Fahne und einem Megafon die Massen gegen gewalttätige Neonazis dirigiert haben soll. Als Anführer der Guten gegen die Bösen – so etwas könnte ihm gefallen.

Aber so sei es nun mal nicht gewesen. „Haarsträubend“, nennt er die Anklage. „Aus den Fingern gesogen, nicht zu fassen.“ Am Donnerstag steht der 51-jährige Berliner in Dresden vor dem Amtsgericht und muss sich wegen „schweren Landfriedensbruchs“ verantworten. Tervooren ist in Berlin Geschäftsführer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BDA).

Am 19. Februar 2011 nahm er an einer Großdemonstration in Dresden teil. An jenem Tag zogen Neonazis und Gegendemonstranten durch die sächsische Landeshauptstadt, dabei kam es zu heftigen Ausschreitungen. Tervooren soll einer der Rädelsführer gewesen sein. An jenem Tag gelang es, den jährlichen Umzug der Rechtsextremisten zum Gedenken an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 aufzuhalten.

Was ihn am Donnerstag im Amtsgericht erwartet – Tervooren hat keine Ahnung. Angeblich gibt es bislang auch nur einen Verhandlungstermin. „Ich hoffe natürlich auf einen glatten Freispruch“, sagt er. „Aber ich rechne auch mit dem Schlimmsten.“

Dresden glich einer Festung

Den 19. Februar 2011 haben viele Dresdner noch in schlimmer Erinnerung: In der Altstadt gedachten Tausende friedlich der Opfer der Bombardierung, während es drumherum wieder zu schweren Ausschreitungen kam zwischen Autonomen, Neonazis und dazwischen der Polizei. Dresden glich damals einer Festung, Autos und Schaufenster gingen zu Bruch, Mülleimer brannten. Dutzende Menschen erlitten Verletzungen , es gab zahlreiche Festnahmen. 

Der Tag blieb aber nicht nur wegen der Gewalt in Erinnerung: Die Dresdner Staatsanwaltschaft hatte auf der Suche nach Gewalttätern in der linken Demonstrantenszene 900000 Handy-Datensätze von etwa 55000 Personen abgefragt. Man war auch hinter einer ominösen „Antifa-Sportgruppe“ her, die angeblich Jagd auf Neonazis machte. Wie sich später herausstellte, verliefen die Ermittlungen ergebnislos im Sande.

Prozess gegen Lothar König abgebrochen

Ein anderer Rädelsführer linker Gewalt soll an jenem Tag der Jugendpfarrer von Jena, Lothar König, gewesen sein. Er soll von seinem VW Bus aus per Lautsprecher zu Angriffen auf Polizisten aufgerufen haben. Ein Verfahren gegen ihn wurde im Sommer 2013 abgebrochen, als 200 Stunden Videomaterial der Polizei von den Demonstrationen überraschend während des Verfahrens auftauchten. Schon damals äußerte der verhandelnde Richter die Ansicht, Anklage und bislang erbrachtes Beweismaterial seien überhaupt nicht unter einen Hut zu bringen. Der Prozess wurde abgebrochen, um allen Beteiligten Zeit zu geben, die Videos zu studieren. Am 10. November geht das Verfahren gegen König wieder los. 

Für den Berliner Tervooren sind sein Prozess und der gegen Pfarrer König unbegreiflich: „Jahrelang konnten Rechte und das Umfeld der NSU ungehindert durch Dresden marschieren.“ Aber Leute wie er oder Pfarrer König stünden nun vor Gericht.