Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/ Maurice Weiss

BerlinFrüher war ich Fan eines Reporters namens Birk Meinhardt. Er schrieb in der Süddeutschen Zeitung (SZ) aufsehenerregende Seite-3-Texte und er hatte einen ganz eigenen Ton. Er war neben Alexander Osang beim Spiegel einer der wenigen Ostdeutschen, die es in die überregionalen Leitmedien geschafft hatten. 2013 erschien ein Roman von ihm im Hanser-Verlag. Ich hielt ihn für einen der Kollegen, die glücklicher beim Bücherschreiben werden. Doch das stimmte offenbar nicht. 

Vor einigen Wochen kam ein neues Buch heraus, diesmal beim kleinen Verlag Eulenspiegel, in dem auch Honeckers Briefe publiziert wurden. „Wie ich meine Zeitung verlor“, lautet der Titel. Es handelt von Meinhardts persönlichen Erfahrungen mit der SZ, scheint aber einen Nerv zu treffen, weil es darum geht, ob man heute noch sagen darf, was man denkt. Das ist ja nicht nur in Deutschland die Lieblings-Debatte gerade.

Viele Journalisten diskutieren über seine Thesen, am meisten verteidigen den Ostler westdeutsche Kollegen, die eher konservativ sind, eine interessante, neue Allianz. Die Welt beschreibt Meinhardts Text als das Protokoll einer Kränkung und Entfremdung. Harald Martenstein in der Zeit nennt es die Geschichte einer enttäuschten Liebe. Ich habe das Buch anders gelesen: als eine Zeitreise in eine Zeitungswelt, die es so nicht mehr gibt.

Um von Entfremdung zu sprechen, muss erst einmal Nähe dagewesen sein, und das würde ich bei Meinhardt und der SZ bezweifeln. Er kam als erster Ostdeutscher 1992 nach München, er war ein Exot, daran lässt er keinen Zweifel. Und er blieb ein Außenseiter, der sich in den Redaktionskonferenzen nicht einbrachte. So erzählen es zumindest Redakteure, die ihn kannten. Er selbst gibt kein Interview. Was Meinhardt beschreibt, ist die Geschichte des Verlusts der eigenen Bedeutung in der Zeitung, ein Psychogramm einer Kränkung. Und das hat mehr damit zu tun, wie sich die Medienbranche in den vergangenen 20 Jahren gewandelt hat, als mit Meinungsdiktatur.

Nachdem er zweimal den Kisch-Preis gewonnen hatte, der damals der Super-Oscar für Journalisten war, durfte er sehr privilegiert arbeiten: wochenlang über ein Thema nachdenken, drei Monate recherchieren. Niemand machte ihm Druck. Online gab es nicht oder kaum. Wer arbeitet denn heute noch so? Vielleicht eine Handvoll von Reportern bundesweit. Große aufsehenerregende Recherchen werden von Teams gemacht, nicht von Einzelkämpfern.

Es hat sich auch die Bedeutung der Reportage gewandelt. Durch den Kosten- und Tempodruck sowie mehrere Fälschungsskandale haben sich die Machtverhältnisse in den Redaktionen verschoben. Früher waren Reporter die Stars der Zeitungen, heute sind Manager und Autoren, die schnell Meinungen auf den Punkt bringen können, wichtiger. Meinhardt ist kein Turbo-Schreiber. Er ist ein Einzelkämpfer, ringt um jedes Wort. Das hält heute nur den Betrieb auf.

Meinhardt macht den ungenannt bleibenden SZ-Leitern den Vorwurf, dass sie sich wie Chefredakteure in der DDR aufführten. Konkret geht es um drei Texte, bei denen es Streit gab. Beim entscheidenden Text, den er 2010 verfasste, ging es um einen Naziskinhead aus Brandenburg, der 2004 verurteilt wurde. Zu Unrecht, wie sich später herausstellte.

Meinhardt stellt die These auf, dass der Richter damals aus politischem Kalkül hart urteilte, weil er sich Karrierechancen versprach. Der SZ-Vizechef will an dem Text arbeiten, drängt auf Änderungen, die im Redaktionsalltag durchaus normal sind, Meinhardt empfindet das als Zensur. Er zitiert den stellvertretenden Chefredakteur, dass die Rechten den Text benutzen könnten, um sich als ungerechtfertigt Verfolgte herauszustellen. Das erinnert ihn an die DDR, er fühlt sich angegriffen, gekränkt und zieht letztlich den Text komplett zurück.

Was Meinhardt nicht schreibt, ist, dass es eine eklatante Auslassung in seiner Reportage gibt, die der Übermedien-Autor Stefan Niggemeier jetzt herausgearbeitet hat. Der unschuldig Angeklagte hatte im Prozess keine Aussage gemacht. „Diese Komplizierung fehlt ausgerechnet in dem Stück, das sich als Plädoyer für Komplizierung ausgibt“, schreibt Niggemeier. Was in dem sonst so ehrlich scheinenden Buch von Birk Meinhardt auch fehlt, ist die Reflektion der eigenen Rolle oder auch eine zweite Ebene, die die Heimatlosigkeit der Ostdeutschen in den Medien beschreibt. Alles dreht sich um die Kränkung eines älteren weißen Mannes. 

An einer Stelle beteuert er, er sei kein Rassist. Er wolle nur halt nicht immer nur positive Geschichten über Flüchtlinge lesen. 2017 versuchte er noch mal, bei der angeblich so verhassten Zeitung anzuheuern, sie wollte ihn auch beschäftigen. Das klappte aus juristischen Gründen nicht, die nichts mit Meinhardt zu tun hatten.