Berlin - Der Kognitionspsychologe Thorsten Pachur beschäftigt sich mit Risikowahrnehmung und dem Phänomen von Entscheidungsfindung unter dem Aspekt des Risikos. Seiner Forschung nach ist die eigene Erfahrung ein guter Gratmesser der Risikobewertung.

Herr Pachur, es ist wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen zu werden, als von einem Attentäter getötet zu werden. Stimmt das?

Das mag statistisch gesehen stimmen. Deshalb ist es trotz der Terroranschläge in Europa in der letzten Zeit wichtig, kühlen Kopf zu bewahren. Trotzdem haben wir es aus der Perspektive vieler Menschen mit zwei unterschiedlichen Risiken zu tun. Das eine ist sehr konstant. Blitze gehen seit tausenden Jahren nieder. Terroranschläge sind dagegen ein dynamisches Phänomen.

Auch wenn das statistische Risiko relativ gering ist, besteht bei Anschlägen die Möglichkeit, dass sich das Risiko erhöht. Das ist bei einem Blitz nicht so. Deswegen sind die Leute aufmerksamer. Es hat sich also möglicherweise das Risiko erhöht und wir wissen nur noch nicht, wie hoch eigentlich die Gefahr ist. Deswegen ist es auch gut, dass die Leute aufmerksamer sind.

Es sterben aber auch deutlich mehr Menschen im Straßenverkehr, als durch einen Attentäter. Menschen sind offenbar nicht gut darin, Statistiken einzuschätzen und in ihr Leben zu integrieren, richtig?

Die Einschätzungen von Risiken sind sehr sensitiv für bestimmte Aspekte dieser Risiken, auch wenn diese Aspekte mit dem statistischen Risiko nichts zu tun haben. Ein Faktor ist die Beeinflussbarkeit durch eigenes Handeln. Bei Terroranschlägen gibt es eine mangelnde Kontrollierbarkeit. Ich kann nicht sagen, ich bleibe zu Hause, sondern muss zur Arbeit fahren. Das führt zu einer erhöhten Risikowahrnehmung.

Die Wahrnehmung wird genutzt, um Gesetze zu verschärfen oder Überwachung auszuweiten. Sollte schon aus demokratischen Gründen Risikoeinschätzung und der Umgang mit Statistik Bestandteil des Schulunterrichts werden?

Beim ersten Teil stimme ich nicht unbedingt zu. Wir erwarten von den politischen Akteuren doch Handeln. Inwiefern das zu einer Über- oder Unterregulierung unserer Freiheit führt, das ist ein Abwägen, das wir in der Gesellschaft aushandeln müssen. Die Überwachung kann helfen, Terroranschläge aufzuklären, und möglicherweise wirkt sie auch in gewisser Weise abschreckend. Aber eine statistische Schulung der Öffentlichkeit kann in jedem Fall helfen, mit diesen Risiken besser umzugehen. Dazu kann man beispielsweise diese Risiken nebeneinander stellen und vergleichen. Es ist wahrscheinlicher von einem Blitzeinschlag getroffen zu werden, als von einem Terroranschlag. Insofern können wir weiter beruhigt in der S-Bahn fahren. Das hilft, Panik zu verhindern.

Zwischen 1970 bis 2015 kamen weltweit über 300.000 Menschen durch Terror ums Leben. Angesichts von Milliarden Menschen ist das ein niedriger Wert. Haben sie erforscht, wie die Risikoeinschätzung beim Menschen grundsätzlich funktioniert?

Wir reagieren auf die Risiken stark, die wir nicht kontrollieren können. Rauchen wird als nicht gefährlich wahrgenommen, weil man die Zigarette weglegen kann. Neben der Kontrollierbarkeit geht es auch darum, wie sehr das Risiko bekannt ist. Als in den 1980er die Atomkraft zu einem Problem wurde, haben die Leute darauf sehr stark reagiert. Atomunfälle waren im Vergleich zu einem Autounfall etwas Neues. Ein dritter Faktor ist, wie viele Menschen gleichzeitig beim Auftreten des Risikos ums Leben kommen können.

Gibt es dafür eine evolutionäre Erklärung?

Vermutlich spielt unsere evolutionäre Geschichte eine Rolle, aber diese lässt sich schlecht empirisch definitiv abklären.

Was prägt denn die individuelle Risikowahrnehmung?

Ein sehr wichtiger Faktor ist, inwieweit man selber Menschen kennt, die von einem Risiko betroffen wurden. Das stellt auch eine Chance dar, denn man kann sich die Frage stellen, ob man selbst jemanden kennt, der durch eine Krankheit oder ein Attentat gestorben ist. Wenn einem da niemand einfällt, deutet das darauf hin, dass das Risiko relativ gering ist. Unsere eigene Erfahrung ist meist ein ganz guter Wegweiser für die Risikoeinschätzung.