Berlin - Der Berliner Gendarmenmarkt war voll am Sonntag. Mittags um 14 Uhr flatterten viele blaue Fahnen mit gelben Sternen im kalten Wind. Es waren Europa-Fahnen. Man sah fröhliche Gesichter auf den Treppen des Konzerthauses und davor – darunter die von Leonie und Jochen Loreck, zwei Ruheständlern aus Berlin-Friedenau.

„Wir sind das zweite Mal da“, sagte der einstige Journalist. „Freunde hatten uns angesprochen. Und für uns ist es wichtig, die Straße nicht den Rechtsextremisten zu überlassen.“ An „Pulse of Europe“ gefalle ihm, „dass es nicht um etwas Materielles geht, sondern um etwas Ideelles“, fuhr der 71-Jährige fort. Außerdem stehe das alles quer zur Parteipolitik. Denn im Zentrum drehe es sich um die „Grundgemeinsamkeit der Demokraten“ und die Ablehnung von „Verfeindungen“.

Öffentlichkeit nimmt Notiz vom „Pulse of Europe“

Der „Pulse of Europe“ geht auf die Initiative des Frankfurter Anwaltsehepaars Daniel und Sabine Röder. Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten reichte es ihnen endgültig. Sie wollten Rechtspopulisten und Rechtsextremisten von Pegida bis AfD etwas entgegensetzen – jenen Gruppen, von denen es zuletzt schien, sie seien der neue Mainstream.

Anfangs nahm die Öffentlichkeit kaum Notiz davon. Doch spätestens seit dem vergangenen Sonntag ist das anders. Der „Pulse of Europe“ machte sich in 50 Städten bemerkbar – in Deutschland, aber auch jenseits davon, in Innsbruck und Lissabon. Besorgte Bürger bevölkerten Straßen und Plätze. Und abends hatten die Tagesthemen ein Sende-Plätzchen frei.

Früher, im Zuge der 68er Bewegung, die das außerparlamentarische Verständnis wesentlich prägte, galt eine Demo ja nur dann als richtige Demo, wenn eine eher grimmige Stimmung herrschte und klare Feindbilder ebenso vorhanden waren wie handfeste Forderungen. So ein Event, auf dem einfach jeder sagen kann, was er will und am Ende gesungen und getanzt wird – wen soll das beeindrucken? Bei „Pulse of Europa“ ist das anders. Auf dem Gendarmenmarkt war das gut zu sehen.

Die Demonstranten hatten Spaß

Zwar wurden Reden gehalten. Sogar ein Parteipolitiker trat ans Mikrofon – der ehemalige Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner, der jetzt für die SPD in den Bundestag will. Er kam kurz auf den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zu sprechen, der ein Beispiel dafür sei, dass Bundespolitiker nicht mehr in Brüssel entsorgt würden, sondern dass es nun auch mal umgekehrt laufe.

Eine parteipolitische Rede war es gleichwohl nicht. Sie wäre von den Zuhörern wohl auch nicht akzeptiert worden. Die Redezeit war im Übrigen abermals auf maximal drei Minuten beschränkt. Es wurden hier im eigentlichen Sinne keine Forderungen erhoben. Stattdessen wurde in Variationen erläutert, dass die Europäische Union wichtig sei. Es gab kein Dagegen. Es gab ein Dafür.

Zwischendurch wurden dem überwiegend bürgerlich-akademischen Publikum Quiz-Fragen gestellt wie: „Wer hat die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft miterlebt?“ Oder: „Wer hat mithilfe des Erasmus-Programms im Ausland studiert?“ Und schließlich: „Wer hat sich schon mal in einen Menschen aus einem anderen europäischen Land verliebt?“ Mal flogen die Hände der Älteren hoch, mal die der Jüngeren. Doch unabhängig vom Alter sah man: Die Leute hatten Spaß. Am Ende wurde gesungen. Schließlich fassten sich die Leute an den Händen und tanzten. Da hatten sie noch mehr Spaß.

Die Bewegung hat Bock auf Zuversicht und Zusammenhalt

Hätten die Tausenden über die Frage diskutiert, was genau denn jetzt geschehen müsse, um die Europäische Union vor dem Verfall zu retten, wären die Antworten vielleicht sehr unterschiedlich ausgefallen. Aber darum ging es gar nicht. Augenscheinlich ging es darum, denen, die mit schlechten Gefühlen Politik machen, ein gutes Gefühl entgegen zu setzen.

Und am Sonntag auf dem Gendarmenmarkt konnte man den Eindruck gewinnen, dass nicht wenige genau darauf gewartet hatten. Die Leute, so schien es, wollen mit diesen Angst machenden Nationalisten abends in der Tagesschau nicht mehr allein gelassen werden. Sie haben Bock auf etwas anderes: Zuversicht und Zusammenhalt. Und nach dem Brexit und nach Trump wissen sie: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Jochen Loreck sagt, die Frage, welche der Anwesenden sich schon mal in einen EU-Ausländer verliebt hätten, habe er „geradezu anrührend“ gefunden. Im Übrigen sei „Pulse of Europe“ Ausdruck des Gefühls einer bisher schweigenden Mehrheit, dass „alles in Gefahr“ gerate, wenn diese schweigende Mehrheit sich nicht rühre. Die Bewegung werde sicher wie jede Bewegung versanden, glaubt der Teilnehmer. Bis auf weiteres jedoch sei sie ausbaufähig und werde vermutlich wachsen.