Berlin - Es ist nicht immer sonderlich originell, wenn Politiker ihre Kolleginnen kritisieren. Wolfgang Kubicki zum Beispiel hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, eine neue Formulierung zu finden, als er vor kurzem in der Bild-Zeitung Annalena Baerbock als „Merkel für Arme“ bezeichnete. Vor zwei Jahren hat der stellvertretende Chef der FDP in der Zeit dieselbe Formulierung für Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer benutzt.

Dann gibt es Altherrenwitze wie den von Christian Lindner, Vorsitzender der FDP, der im vergangenen Jahr auf seinem Bundesparteitag über Linda Teuteberg spricht, die Generalsekretärin: „Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten, ich hab mal so grob überschlagen, ungefähr 300-mal den Tag zusammen begonnen haben …“ Pause, Gelächter im Saal. Gemeint seien die täglichen Telefonate zur Lage, sagt Lindner, „nicht, was ihr jetzt denkt“. Teuteberg wird verabschiedet auf diesem Parteitag, nach nur gut einem Jahr als Generalsekretärin, den Posten, für den Lindner sie vorgeschlagen hatte, übernimmt ein Mann. Auch der ist von Lindner ausgesucht worden.

Wenn Frauen nach der Macht greifen oder sie schon haben, bekommen sie Gegenwind. So wie Männer auch – im besten Fall. Inhaltlichen, politischen Gegenwind. Im Wahlkampf wird, was sie gesagt und geschrieben haben, auf Fehler und Widersprüche untersucht. So, wie es Annalena Baerbock gerade passiert, der ersten Kanzlerkandidatin der Grünen. So wie es wahrscheinlich Robert Habeck passiert wäre, wäre er der Kandidat geworden. Aber würden von Habeck jetzt auch falsche Nacktfotos kursieren?

Aus der Debatte um Baerbocks Fehler ist auch eine Debatte um den Umgang mit ihr geworden. Sind die Angriffe auf die Kandidatin frauenfeindlich? Nein, sagen viele und verweisen auf harte Wahlkämpfe der Vergangenheit, auf Angriffe gegen Willy Brandt oder den rasanten Absturz des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz im Wahlkampf 2017, dem ein Hype vorausgegangen war, mindestens so groß wie der um Baerbock.

Doch, sagen andere, und meinen in den Attacken auf Baerbock noch ein anderes Muster zu erkennen: Frauen werden in der Politik kleingemacht oder -gehalten. Reflexe, Kategorisierungen wirken, anders als bei Männern. Stimmt das?

Vieles hat man vergessen, zeigt eine Suche im Archiv. Erfahrene, erfolgreiche Politikerinnen wurden verkleinert, verniedlicht, verharmlost. Zu Puppen oder Kindern erklärt. Zu Anhängseln mächtiger Männer. Von Kollegen, von Journalisten. Und auch von Journalistinnen.

Linda Teuteberg: die „Brandenburg-Barbie“

Der Spruch über 300 gemeinsam begonnene Tage ist nicht alles, was Linda Teuteberg in ihrer kurzen Amtszeit aushalten muss. Sie sei nach dem Prinzip „FDP’s Next Topmodel“ ausgewählt worden, verbreiten Parteileute. Sie ist 40 Jahre alt, Rechtsanwältin, hat in einem Bundesministerium gearbeitet. Aber sie ist eben auch blond, stammt aus Königs Wusterhausen und wird „Brandenburg-Barbie“ genannt. Manuela Schwesig von der SPD, die Bundesministerin war, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern ist, nennt der CDU-Chef ihres Bundeslands, Lorenz Caffier, mal „Küsten-Barbie“.

Lindner und Teuteberg sind als Führungsduo auch kurz „Barbie und Ken“ der FDP, berichtet die FAZ. Teutebergs Puppenname färbt auf den FDP-Kollegen ab. Aber meist sind es Frauen, die mit Spielzeug verglichen werden. Ein Nachklang von Ministerin Angela Merkel als „Kohls Mädchen“.

Bevor es darum geht, was eine Frau kann, geht es oft darum, wie sie aussieht. Beispiele gibt es genug, aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart. Als die Lungenfachärztin Sabine Bergmann-Pohl nach ihrem Job als letztes Staatsoberhaupt der DDR als Bundesministerin nach Bonn ging, nach der Wiedervereinigung 1990, hatte sie das Gefühl, in eine andere Welt zu kommen, erzählte sie der Berliner Zeitung: „Sich als Frau Gehör zu verschaffen, war schwierig. Ich hatte studiert und promoviert – das interessierte aber keinen.“

Imago
Immer diese Ketten: Sabine Bergmann-Pohl 1990 in der Volkskammer.

Stattdessen interessierte sich die Öffentlichkeit, schon als sie Staatsoberhaupt war, enorm dafür, was Bergmann-Pohl trug. Die Blusen zu bunt, die Ketten zu auffällig, die Frisur – wer hatte das alles bezahlt? Der vermeintliche „Kleiderskandal“ brachte ihr sogar Morddrohungen ein.

Andrea Nahles: „Ein einfaches Mädchen vom Lande“

Bei Andrea Nahles ist es die Stimme. 1998 schreibt der Reporter Matthias Matussek für den Spiegel über Nahles, sie ist seit drei Jahren Juso-Vorsitzende, gilt als Riesentalent der SPD. Matussek macht sich kurz über eine Idee der Jusos lustig, die Deutschen weniger arbeiten zu lassen, damit, unter anderem, Männer mehr Zeit für Hausarbeit haben. Dann widmet er sich Nahles’ Stimme. Sie habe „Pech, weil sie so hoch ist“, es sei eine „Oberstimme“, einen Absatz lang geht das so. Fazit: „Wer ihr zuhört, möchte dauernd schlucken.“ Auch die Redeweise von Nahles erträgt er nicht, nennt sie „übertourig“, „Barackensprache“, erwähnt ihren Dialekt.

Im Grunde sei Nahles ein „einfaches, liebenswertes Mädchen vom Lande“.

Nahles ist damals 27 Jahre alt, studiert, arbeitet im Büro eines Bundestagsabgeordneten, ist im Bundesvorstand der SPD. Es wird so weitergehen, als sie Bundestagsabgeordnete wird, SPD-Generalsekretärin, Arbeitsministerin, SPD-Fraktionsvorsitzende, schließlich Parteivorsitzende. Franz Josef Wagner, Kolumnist der Bild-Zeitung, schreibt über ihr „Organ wie eine Kreissäge“, als sie Parteichefin wird, und fordert: „Sei leiser, Andrea Nahles.“ Es ist 2018, Nahles ist Ende 40 und hat mehr erreicht als viele Männer in der deutschen Politik.

Sie hat da längst in Interviews darüber gesprochen, wie es ist, als Frau ganz oben mitmachen zu wollen, über die ständigen Zweifel an der Qualifikation. „Die kann es nicht“, wie oft habe sie diesen Satz gehört. Sie hat von den Vorwürfen erzählt, eine Rabenmutter zu sein, weil sie ihre Tochter nicht täglich sieht. Aber es hört nicht auf. In einem Text im Spiegel liest man, auch 2018, dass sie einen Coach habe, wegen der Stimme: „Laut geblieben ist sie trotzdem.“ 2019, nach dem Debakel für die SPD bei der Europawahl, zieht sich Nahles aus allen politischen Ämtern zurück. Heute arbeitet sie als Beraterin des EU-Sozialkommissars.

Annegret Kramp-Karrenbauer: „Patzer bei der Kleidung“

Als Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU, 2011 von Peter Müller zu seiner Nachfolgerin als Ministerpräsidentin des Saarlands ernannt wird, heißt sie „Müllers Mädchen“ oder „Müllers Kronprinzessin“. Wolfgang Kubicki von der FDP tut sich auch wieder hervor, Kramp-Karrenbauer falle neben inhaltlichen Fehltritten auch mit „Patzern bei der Kleidung“ auf, sagt er.

Es gab jahrelange Diskussionen um Angela Merkels Frisur, um ihre Kostüme. 2019 sagt die Bundeskanzlerin in einem Gespräch mit der Zeit-Journalistin Jana Hensel einmal selbst etwas dazu: Für einen Mann sei es kein Problem, „hundert Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug“ zu tragen. „Aber trage ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer, dann erzeugt das Bürgerpost.“ Auch zur Ernennung von Kramp-Karrenbauer zur Verteidigungsministerin im Jahr 2019 kommen Merkel wie Ursula von der Leyen in Blazern und Hosen, berichtete die FAZ. Kramp-Karrenbauer aber habe ein kurzes Kleid getragen, Bein gezeigt, „noch dazu ohne Strumpfhose“, so was sei für jedes Vorstellungsgespräch „das sichere Aus“.

Blazer tragen, weghören, auf diese Strategie scheint sich Merkel früh festgelegt zu haben. Bloß keine Diskussionen über Frauenfeindlichkeit. 2001, sie ist seit einem Jahr CDU-Vorsitzende, sagt sie in der Talkshow „Riverboat“ im MDR: „Wenn es mal nicht so gut läuft, neigt man dazu, die Schuld darin zu suchen, dass man Minderheit ist.“ Sie habe zum Glück immer Menschen gehabt, die sie daran erinnerten, dass auch „andere“ kämpfen müssen. Sie nennt als Beispiel Norbert Blüm, der die Pflegeversicherung durchbringen musste. „Ich rate dringend davon ab, unentwegt darüber nachzudenken, warum es wer schwieriger oder leichter hat“, sagt Merkel.

Aber Frauen kennen Beschimpfungen, für die es keine männliche Übersetzung gibt. Lange vor dem Höhenflug der Grünen muss sich Renate Künast, ehemalige Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, beschimpfen lassen. Als „Drecksfotze“, „Stück Scheiße“, „Geisteskranke“ oder „Sondermüll“. In Briefen, Mails, in den sozialen Netzwerken. In Nachrichten an sie steht: „Knatter sie doch mal so richtig durch, bis sie wieder normal wird.“ Bei einer Umfrage unter allen weiblichen Abgeordneten des Bundestages gaben vor zwei Jahren 87 Prozent an, Hass und Bedrohungen im Netz zu erleben. Einige nahezu täglich.

Renate Künast: „Drecksau“ als zulässige Meinungsäußerung

Künast wehrt sich. Mal mit einer Art Ratgeber für Hater: „Wie wäre es mit ,noch schlimmer als die Roth‘“. Mal stattet sie Leuten, die sie auf Facebook beschimpfen, Hausbesuche ab. Weniger werden die Hassbotschaften nicht. Die Juristin zieht vor das Berliner Landgericht, muss erfahren: Die Hasskommentare seien „zulässige Meinungsäußerungen“. Der Kommentar „Drecksfotze“ bewege sich zwar „haarscharf an der Grenze des von der Antragstellerin noch Hinnehmbaren“, sei aber legitim. Künast wehrt sich weiter, ihre Beschwerde gegen das Urteil ist in Teilen erfolgreich. „Drecksau“ muss sie sich weiterhin nennen lassen.

Ursula von der Leyen, CDU, wird mit ihrer Ernennung zur Verteidigungsministerin zur „Flintenuschi“. Die Zeitung Welt schreibt: „Die Truppe hört jetzt auf Kommandos im Sopran.“ Die FAZ lässt sich zu dem Satz hinreißen: „Dass von der Leyen Spaß daran hätte, einen General vor sich strammstehen zu sehen, kann man sich vorstellen.“

Es sind nicht immer Männer, die so über Frauen schreiben. „Zum Rednerpult trippelt sie wie eine Geisha zur Teezeremonie“, steht in einem Text der Journalistin Mechthild Küpper in der FAZ über Sahra Wagenknecht. Der erste Absatz handelt nur von Äußerlichkeiten. Wagenknecht trage „Kleidung, die Seniorinnen als Ensemble bezeichnen“ würden, in Talkshows kurze Röcke, „so sieht man mehr von ihren Beinen“, Schmuck, der wirke „wie ein überfahrener Bagel“.

Wagenknecht ist zu diesem Zeitpunkt, November 2011, stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei und stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Sie ist 42, seit mehr als zwanzig Jahren in der Politik, anfangs wurde sie oft als Stalinistin mit Rosa-Luxemburg-Frisur beschrieben. Inzwischen ist sie eine der bekanntesten deutschen Politikerinnen, mit Fans weit über ihr politisches Lager hinaus. Studierte Philosophin, Hegel- und Marx-Kennerin, sie steht kurz davor, in Volkswirtschaftslehre zu promovieren.

Als Akademikerin sei sie „Autodidaktin“. Damit beginnt der zweite Absatz des Porträts in der FAZ über Wagenknecht. Als Politikerin sei sie „Geschöpf von Gregor Gysi“.

Sahra Wagenknecht: „Lady Macbeth“ an der Seite Lafontaines

Was wäre eine Frau in der Politik, wenn man sie nicht über einen Mann definieren könnte?

Immer wieder steht in Texten über Wagenknecht, dass Lothar Bisky, Chef der PDS, sie „die Frau mit den kalten Augen“ genannt habe. Später ist sie die Lebensgefährtin von Oskar Lafontaine, ein Text im Spiegel aus dem Jahr 2012 über das Paar ist mit „Napoleon und Lady Macbeth“ überschrieben. Lady Macbeth, die Figur aus Shakespeares Tragödie, gilt als einflussreich, skrupellos, dominierend. Der Text im Spiegel lässt trotzdem einen Insider aus der Linkspartei behaupten, dass sich Wagenknecht erst mit Lafontaine an der Seite so richtig habe durchsetzen können.

2014 versucht der Moderator Markus Lanz, sie in seiner Talkshow im ZDF unter Druck zu setzen. Er attackiert sie mit schnellen, harten Fragen, zu ihrer Partei, zum Euro, zu Europa; Hans-Ulrich Jörges vom Stern, auch in der Show, springt ihm bei, sagt, Wagenknecht rede „Stuss“. Sie kontert, nennt die Angriffe „frech“, in den sozialen Netzwerken schlagen sich die Nutzer auf ihre Seite, 200.000 unterschreiben eine Online-Petition gegen Lanz. Drei Wochen später sagt Wagenknecht, dass Lanz sich bei ihr entschuldigt habe.

Auch sie vermeidet es, sich zu Frauenfeindlichkeit zu äußern, sagt dem Online-Magazin Vice, sie wisse nicht, ob sie Feministin sei. Auch wenn sie für gleiche Rechte und Chancen für Frauen und Männer eintrete.

Irgendwann handeln Artikel über sie nicht mehr von den Männern, die sie fördern, sondern von ihrem „kompromisslosen Ehrgeiz“. Inzwischen wird Wagenknecht oft von Linken attackiert, in und außerhalb ihrer Partei, vor allem, seit sie ein Buch geschrieben hat, das sich gegen Identitätspolitik richtet. Aber immerhin geht es jetzt um Politik.

„Was muss eine Kanzlerin können?“, fragt der Moderator Jörg Kachelmann in der Sendung „Riverboat“ im Jahr 2001 die CDU-Chefin. „Das ist jetzt auch wieder so was“, murmelt Angela Merkel. Und sagt: „Nichts anderes als ein Kanzler.“

Mitarbeit: Anja Reich, Anne Lena Mösken