Vor einiger Zeit berichtete diese Zeitung, dass Polen nach Angaben des russischen Auslandsgeheimdienstes plane, die Westukraine militärisch zu besetzen. Ziel sei die Sicherung polnischer „historischer Besitztümer“, vulgo die Annexion der Regionen Ostgalizien und Wolhynien, die vor 1939 Teil Polens waren. Bereits im März hatte der russische Außenminister Lawrow vor derartigen Plänen gewarnt. Im Beitrag war auch von der empörten Zurückweisung der polnischen Regierung zu lesen, einer der wichtigsten europäischen Verbündeten der Ukraine.

Seitdem Russland die Krim und Teile der Ostukraine im Jahr 2014 besetzt hat, verbreiten dessen staatlich gelenkte Medien solche Anschuldigungen. Sie sollen den Eindruck erwecken, nicht nur Russland missachte die territoriale Integrität der Ukraine. Mehr noch sollen sie aber das vertrauensvolle Verhältnis beider Länder beschädigen und alte Wunden aus der polnisch-ukrainischen Geschichte der Region aufreißen: den polnisch-ukrainischen Krieg von 1918/19, die Verbrechen ukrainischer Terroristen und die darauffolgenden brutalen Vergeltungsaktionen polnischer Sicherheitskräfte und die Massaker ukrainischer Partisanen an polnischen Zivilisten während des Zweiten Weltkriegs etwa. Zudem soll es revisionistische Reflexe polnischer Nationalisten ansprechen.

Putins Angebote wirken aus heutiger Sicht gar nicht mehr absurd

Auch ein gehöriges Maß an Enttäuschung der russischen Führung darüber, dass Polen sich für eine Teilung der Ukraine so gar nicht empfänglich zeigt, scheint sich dahinter zu verbergen. Das deutet eine Äußerung des früheren polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski an, die 2014 einigen Wirbel verursacht hatte.

Im Interview mit Politico hatte er erklärt, Putin habe dem polnischen Premier Donald Tusk 2008 angeboten, Lemberg, das heute ukrainische Lviv, könne durch eine Aufteilung des „künstlichen Staats“ Ukraine wieder zum polnischen Lwow werden. Tusk, der sich gerade anschickte, EU-Ratspräsident zu werden, dementierte zwar und auch Sikorski ruderte zerknirscht zurück. Aus heutiger Perspektive wirkt ein solches Angebot Putins jedoch keineswegs so absurd, wie es jenen europäischen Politikern vor acht Jahren erschienen sein mag, die sich heute von Russland getäuscht sehen.

Imago
Präsident Wladimir Putin spricht vor der Nation über die Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk.

Putin als Hobbyhistoriker

Für Putin, der neben dem Präsidentenamt gern auch als Hobbyhistoriker agiert, um seine neoimperiale Politik zu begründen, ergäbe eine „Rückgabe“ der Westukraine an Polen durchaus Sinn. Bis zu dessen dritter Teilung war sie Teil des frühneuzeitlichen Polens. Erst Stalin „schenkte“ sie jenem Geschöpf des „bolschewistischen Russlands“, dozierte Putin in seiner Rede am 21. Februar 2022, das die Ukraine sei. Dass sich die dortige Bevölkerung ganz und gar nicht zur Russifizierung eignet, wurde nicht nur am bis in die 1950er-Jahre andauernden Widerstand ukrainischer Partisanen deutlich. Für Putins neoimperiales Russland ist die Region eher nicht zu gebrauchen.

Zur „Rückgabe“ aber fehlt es ihm an einem polnischen Gegenüber. Anders als in Frankreich, Deutschland oder Ungarn sind Russlandfreunde in der polnischen Rechten marginal, was vor allem an der Regierungspartei PiS liegt. War die historische Rechte in Polen, die Nationaldemokraten, traditionell antideutsch, antiukrainisch und russlandfreundlich ausgerichtet, hat die PiS beim Zusammenführen nationaler, nationalistischer und konservativer Traditionslinien nur das antideutsche Erbe der Nationaldemokraten übernommen. In der Ostpolitik orientiert sie sich an einem Konzept aus den 1920er-Jahren, dem Prometheismus, der die PiS als dominierende Kraft der polnischen Rechten gegen Putins Avancen immunisierte, aber auch bei liberalen Politikern Anhänger hat.

Der Prometheismus fand einflussreiche Unterstützer

Ursprünglich entstand er im Umfeld der Linken, die Polens Unabhängigkeit dauerhaft gegen russischen bzw. sowjetischen Imperialismus absichern wollte. Sein Grundgedanke sah Polen – Prometheus gleich – die Fackel der Freiheit zu den vom sowjetischen Imperialismus unterdrückten nicht-russischen Nationen im östlichen Europa, der Kaukasusregion und Zentralasien tragen. Praktisch hieß das, deren Unabhängigkeitsbewegungen im Exil zu unterstützen und zu einer antisowjetischen Allianz zusammenzuführen. Mit vereinten Kräften sollte die Ablösung unabhängiger Staaten von der Sowjetunion erreicht werden. So geschwächt und von unabhängigen Nationalstaaten abgeschirmt würde Russland keine Gefahr für Polen darstellen.

Führender Akteur hinter dem Konzept war Tadeusz Holowko, Sozialist und Vertrauter des Staatsgründers Jozef Pilsudski. Er initiierte 1925 in Paris die Organisation „Le Promethée“, als Sammelbewegung verschiedener exilierter Nationalbewegungen. Nach Pilsudskis Putsch im Mai 1926 fand der Prometheismus einflussreiche Unterstützer in Regierung und Geheimdienst. Für Nationaldemokraten und ostpolnische Konservative war der Prometheismus hingegen eine bedrohliche Spinnerei, die Konflikte mit der Sowjetunion provoziere und die ostslawischen „Ruthenen“ im Glauben bestärke, Teil einer ukrainischen Nation zu sein.

Loyalität zum Staat

Auch die ukrainische Seite war über den Prometheismus gespalten. Zu den energischsten Befürwortern zählte die Exilregierung der Ukrainischen Volksrepublik, die hoffte, im Bündnis mit Polen die Rote Armee aus Kiew zu vertreiben und eine unabhängige Ukraine aufzubauen. Wenig anziehend wirkte er auf westukrainische Akteure, die weiterhin Minderheit in Polen bleiben sollten, einem Staat, der sie mit Gewalt zu seinen Bürgern gemacht hatte und massiv bei der Pflege ihrer nationalen Kultur behinderte. Ohne das größte und bevölkerungsreichste Land der Region aber, das Ostmitteleuropa mit dem Kaukasus verband, ergab der Prometheismus keinen Sinn. Die ukrainische Frage war zugleich dessen Hindernis und Herzstück.

Manche seiner polnischen Verfechter bemühten sich, dieses Dilemma durch liberalere Nationalitätenkonflikte aufzulösen. Holowko etwa hielt es im Interesse des polnischen Staats für geboten, Staatsbürgern aus den nationalen Minderheiten – immerhin ein Drittel der Bevölkerung – volle Gleichberechtigung und freie Entfaltung ihrer nationalen Identität zu gewähren. Nur so könnten sie Loyalität zum Staat entwickeln.

Lemberg als Teil einer freien Ukraine

Mit dem Institut für Nationalitätenforschung etablierte er einen Thinktank, der für eine solche integrative Nationalitätenpolitik stritt. In dessen Umfeld stieß Holowko einen polnisch-ukrainischen Dialog an, der den Konflikt im Geiste des Prometheismus zu überwinden suchte. Dieser setzte sich auch nach der Ermordung Holowkos durch ukrainische Nationalisten-Attentäter fort. Seine Weggefährten gründeten das polnisch-ukrainische Bulletin, um Autoren beider Nationen einen Raum zu geben, weiter an Holowkos Vermächtnis einer Aussöhnung zu arbeiten. Bis zur Zerschlagung Polens durch deutsche und sowjetische Truppen im September 1939 gelang dies jedoch nicht. Sie scheiterte am Beharrungsvermögen chauvinistischer Denkstrukturen in der polnischen Politik.

Dass sich Polen nach dem Zweiten Weltkrieg im sowjetischen Block befand, stimulierte in der Emigration ein neues Nachdenken über den Prometheismus. Einer seiner Anhänger beförderte dies besonders: Jerzy Giedroyc, der mit der Pariser Kultura eine der bedeutendsten Zeitschriften des polnischen Exils schuf und deren Seiten Debatten über die Fortentwicklung des Prometheismus öffnete.

Unter dem Eindruck der Brandt’schen Ostpolitik unterzog ihn dort Juliusz Mieroszwski einer gründlichen Analyse. Er kam zum Schluss, dass nur ein „ehrlicher Prometheismus“, der das Freiheitsstreben der Ukrainer in Gänze respektiere, das Potenzial besitze, einen dauerhaften Zerfall des russischen bzw. sowjetischen Imperiums zu bewirken. Der Preis aber sei, Lemberg als Teil einer freien Ukraine anzuerkennen.

Im Untergrund erschien auch die konservative Zeitschrift Obóz

Die Debatte wirkte aus dem Exil in die polnische Opposition und fand in deren Untergrundpresse Fortsetzung. Bald schon erschienen dort Appelle, die dunkle Vergangenheit zugunsten einer künftigen Freiheit zu überwinden, da es, wie die liberalkatholische Spotkania schrieb, „kein freies Polen ohne freie Ukraine und keine freie Ukraine ohne freies Polen geben“ könne.

Im Untergrund erschien auch die konservative Zeitschrift Obóz, die sich vom Prometheismus beeinflusst gänzlich Ost- und Ostmitteleuropa widmete. Aus ihr ging nach 1989 das Studienzentrum Osteuropa an der Warschauer Universität hervor, das mit der Herausgabe der Zeitschrift Nowy Prometeusz (Neuer Prometheus) klar zu erkennen gibt, in welcher Tradition es steht. Dessen Einfluss zeigt sich auch in anderen Forschungszentren und Thinktanks wie dem konservativen Zentrum für politisches Denken (Ośrodek Myśli Politycznej).

Die polnisch-ukrainische Aussöhnung

Die polnisch-ukrainische Aussöhnung unterstützen alle polnischen Regierungen nach 1989. Sie vollzog sich vor allem auf historischem Terrain, da die ehemals multiethnische Westukraine durch den Holocaust und stalinistische Zwangsumsiedlungen nahezu national homogenisiert worden war. Begleitet von einer breiten Forschung zu seiner Geschichte, die vor allem konservative polnische Historiker wie Marek Kornat oder Andrzej Nowak aber auch Timothy Snyder betrieben, wurde der Prometheismus zur Inspirationsquelle polnischer Politik für Gestaltung des Raums zwischen Deutschland und Russland, der im Westen meist auf Desinteresse stieß.

Mit Pawel Kowal gelangte während der ersten PiS-Regierung 2006/07 schließlich ein Historiker als Staatssekretär ins polnische Außenministerium, der sich intensiv mit dem Prometheismus befasst hatte. Zwar war damals auch die russlandfreundliche Liga Polskich Rodzin an der Regierung beteiligt, die klar in der Tradition der Nationaldemokraten stand. Außenpolitisch aber gab die PiS mit ihrem vom Prometheismus geprägten Kurs die Richtung vor.

Ein europäisches Nachdenken über den Prometheismus

Dies zeigte sich auch 2008, als Präsident Lech Kaczynski mitten im russisch-georgischen Krieg gemeinsam mit den baltischen und dem ukrainischen Präsidenten in Tiblisi zum Solidaritätsbesuch erschien. Im Kiew-Besuch der polnischen, tschechischen und slowenischen Regierungschefs fand er vor wenigen Wochen eine Reprise.

Das lange polnische Nachdenken über den Prometheismus, die ihm innewohnende Skepsis gegenüber imperialem Denken in Interessensphären und Achtung für die Souveränität auch kleiner Nationen hatten prägenden Einfluss auf das politische Denken der PiS. Diesem ist es zu verdanken, dass sich die polnische Rechte unempfänglich für Putins revanchistische Lockungen zeigt. Das unterscheidet sie insbesondere von Viktor Orbáns Fidesz, deren Wurzeln, ähnlich wie jene der PiS, bis in die antikommunistische Opposition der 1980er zurückreichen. Ein europäisches Nachdenken über den Prometheismus könnte der EU nicht nur Inspiration für die künftige Ostpolitik bieten, sondern vielleicht auch einen Zugang zu einem ihrer beiden Sorgenkinder.

Stephan Stach ist Historiker mit einem Schwerpunkt für ostmitteleuropäische Geschichte. Er promovierte 2015 an der Martin Luther Universität in Halle über polnische Nationalitätenpolitik 1918-1939 und arbeitete u.a. am Prager Institut für Zeitgeschichte und dem POLIN Museum für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de