24.06.2020, Russland, Moskau: Wladimir Putin, Präsident von Russland, hält eine Rede auf dem Roten Platz neben der Basilius-Kathedrale während der Militärparade zum 75. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Hitler-Deutschland..
Foto: dpa

BerlinGeschichte und Wahrheit: Beide passen nicht zusammen, behauptete einst der russische Schriftsteller Lew Tolstoi. „Geschichte wäre etwas Ausgezeichnetes, wenn sie nur wahr wäre.“ Noch kritischer äußerte sich sein irischer Kollege Oscar Wilde: Geschichte sei „nichts als Klatsch“.

Ist das wahr?

Geschichte ist das, was der Mensch aus ihr macht. Seit der Antike gibt es Historiker, die es mit dem, was wirklich war, nicht so genau nehmen, zu oft sehr bewusst. Die gegenwärtige Welt verfügt über mehr Wissen als je zuvor. Jedoch muss sie sich zunehmend gegen Zeitgenossen wehren, die Geschehen verdreht, verzerrt oder verstümmelt darstellen, sogar leugnen oder neu erfinden.

Dass Tolstoi und Wilde von Geschichte wenig hielten, liegt in ihrer, der Geschichte, Natur. „Die Geschichte ist ja überhaupt die unwissenschaftlichste aller Wissenschaften, nur dass sie viel Wissenswürdiges überliefert“, befand der Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt. Unwissenschaftlich daher, weil das ihr zugrunde liegende Handwerk – Quellenauswahl, -kritik und -interpretation –  Tücken im Gebrauch hat. Historiker sind der Öffentlichkeit gegenüber verpflichtet, unvoreingenommen zu arbeiten. Nicht immer gelingt das.

Geschichte und Wahrheit: Beide passen perfekt zusammen, schreibt Russlands Präsident Wladimir Putin in einem kürzlich von der russischen Botschaft in Berlin auch auf Deutsch veröffentlichten Grundsatzartikel zum Thema Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs. Es komme darauf an, „sich nur auf Archivakten, Zeugnisse von Zeitgenossen zu verlassen, jegliche ideologischen und politisierten Spekulationen auszuschließen“.

Ein Versuch, Geschichte umzudeuten?

Schon länger sieht sich Putin dem Vorwurf ausgesetzt, Geschichtspolitik zu betreiben: Geschichte subjektiv und heroisch darzustellen, um die Bedeutung Russlands in der Welt und das Selbstwertgefühl seiner Gesellschaft, beides durch den Zusammenbruch der Sowjetunion geschwächt, wieder zu stärken.

Auch der Grundsatzartikel ist nach Ansicht hiesiger Historiker und Kommentatoren Geschichtspolitik, mehr noch: ein Versuch, Geschichte im russischen Interesse umzudeuten.

Ist dem so?

Der Artikel Putins mit dem Titel „75. Jahrestag des Großen Sieges: Gemeinsame Verantwortung vor Geschichte und Zukunft“ ist am 19. Juni veröffentlicht worden, kurz vor dem Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Deutsche Osteuropa-Historiker bekamen drei Tage später eine E-Mail von der russischen Botschaft in Berlin. Sie schlägt ihnen vor, „den Artikel von Wladimir Putin künftig bei der Vorbereitung von historischen Beiträgen zu nutzen“.

Artikel und Vorschlag haben Empörung hervorgerufen. Putin europäisiere die Ursachen des Zweiten Weltkriegs, wobei er Polen die Hauptmitschuld gibt, und relativiere die Bedeutung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts (Hitler-Stalin-Pakt/Molotow-Ribbentrop-Pakt). Eine Historikerin der Universität Göttingen sprach von „Einmischung in die Freiheit der Wissenschaft“.

Der Artikel dürfte eine Antwort sein auf die Entschließung des europäischen Parlaments zum „80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs und zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“ im vergangenen Jahr. Die Entschließung erfolgte nicht zum 1. September, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, sondern am 17. September, dem Jahrestag des sowjetischen Einmarschs in Ostpolen (gemäß dem Geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt); sie stellt die Verbrechen des Nationalsozialismus und des Stalinismus nebeneinander und schlussfolgert, dass die beiden Regime „dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Weg bereiteten“.

Wer Moskau Geschichtspolitik vorwirft, der muss auch Brüssel eine solche vorwerfen.

Russische Soldaten in historischen Uniformen der Roten Armee paradieren in Sankt Petersburg anlässlich des 75. Jahrestages des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Die Banner erinnern an damalige Armeegruppen: die 1., 2. und 3. Weißrussische sowie die 2. Ukrainische Front.
Foto: AFP

Die Entschließung aus Brüssel lässt die historische Leistung der Sowjetunion in jenem Krieg in den Hintergrund treten. In seinem Artikel hebt Putin diese mehrfach hervor: Die Sowjetunion habe „die ganze Welt gerettet“. Der Sieg über den Nazismus sei „vor allem vom sowjetischen Volk erreicht“ worden. „Den grundlegenden und entscheidenden Beitrag zur Zerschlagung des Nationalsozialismus leisteten die Sowjetunion und die Rote Armee.“

Am Leiden der Bevölkerung und an den Leistungen der Armee darf es keine Zweifel geben. Schätzungen zufolge kamen 27 Millionen Sowjetbürger im „Großen Vaterländischen Krieg“ um.

Putin versäumt es nicht, darauf hinzuweisen, dass „die Bemühungen aller Länder und Völker, die mit einem gemeinsamen Feind kämpften“ den Sieg ermöglichten. Und: „Wir werden auch für die Hilfe stets dankbar sein, die die Alliierten der Roten Armee mit Munition, Rohstoffen, Verpflegung, Technik leisteten.“

Was die Kriegsschuldfrage betrifft, konzentriert sich Putin auf vier Aspekte: den Friedensvertrag von Versailles, den Völkerbund, das Münchner Abkommen, den Hitler-Stalin-Pakt.

Der Reihe nach.

Das Versagen des Völkerbundes

Der Friedensvertrag von Versailles 1919. Putin verortet in ihm „die eigentlichen Ursachen“ des Zweiten Weltkriegs. Der Vertrag sei für Deutschland „ein Symbol tiefer Ungerechtigkeit“ gewesen, er habe den „Nährboden für radikale und revanchistische Stimmungen in Deutschland“ gebildet. Die Nationalsozialisten um Hitler nutzten das für sich aus.

Der Vertrag, ein „Diktatfrieden“, hat Hitler in die Karten gespielt. Hitler wollte immer Krieg. Krieg war ihm zufolge „das letzte Ziel der Politik“ – und Politik die Sicherung von „Lebensraum“.

Der Völkerbund, gegründet 1920. Der Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen (UN) wirft Putin vor, die weltkriegsweisenden Konflikte, die der Versailler Vertrag durch seine neue „Weltordnung“ hervorgebracht habe, nicht verhindert zu haben: „Der Völkerbund, in dem die Siegermächte – Großbritannien und Frankreich – dominierten (...) ertrank einfach in leeren Gesprächen.“

Als ein Ergebnis der Friedenskonferenz von Versailles nahm der Völkerbund seine Arbeit auf. Er begünstigte ein europäisch dominiertes Staatensystem und eine koloniale Politik. Fatal wirkte sich aus, dass ihm zu keiner Zeit alle Groß- und Mittelmächte angehörten – die USA nie, die Sowjetunion sowie auch Deutschland, Italien und Japan, die drei späteren Kriegsverbündeten, nur zeitweise.

Die „leeren Gespräche“ hatten noch eine andere Ursache: Mitglieder blockierten Beschlüsse aus Eigennutz (das ist auch ein Problem des UN-Sicherheitsrates). So besetzte Japan einen Teil Chinas (Mandschurei-Krise 1931/32), führte Italien einen Eroberungskrieg gegen Abessinien (Italienisch-Äthiopischer Krieg 1935/36), putschte das Militär in Spanien (Spanischer Bürgerkrieg 1936–39), holte Deutschland Österreich „heim ins Reich“ („Anschluss“ Österreichs 1938) – dagegen protestierte nur ein Land: Mexiko.

Die Macher des Münchner Abkommens von 1938, von links nach rechts: Der britische Premierminister Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsident Édouard Daladier, Reichskanzler Adolf Hitler, der italienische „Duce“ (Führer) Benito Mussolini und sein Außenminister Gian Galeazzo Ciano.
Foto: imago images/Photo 12

Das Münchner Abkommen 1938. Für Putin ist das Abkommen, das zur Zergliederung und später zur Zerschlagung der Tschechoslowakei führte, der „Auslöser, nach dem ein großer Krieg in Europa unvermeidlich wurde“. Er weist ausdrücklich darauf hin, „dass sich Stalin im Unterschied zu vielen damaligen europäischen Führern nicht mit einem persönlichen Treffen mit Hitler befleckte“. Und stellt heraus: „Bei der Zergliederung der Tschechoslowakei agierte neben Deutschland auch Polen.“

In München konferierten Deutschland und Italien, Großbritannien und Frankreich über das Schicksal der Tschechoslowakei. Was Putin nicht erwähnt: Weder die Tschechoslowakei noch die Sowjetunion, ihr Verbündeter, waren eingeladen.

Moskau hatte außenpolitisch wenig Handlungsspielraum; es ließ zwar die Rote Armee teilmobilisieren, aber das war nur Säbelrasseln. Der „Große Terror“ (auch „Große Säuberung“) gegen die Eliten in Partei, Verwaltung und Armee 1937/38 hatte die Schlagkraft des Landes empfindlich geschwächt. Moskau konnte Prag aber auch aus einem anderen Grund nicht wirklich helfen: Beide Länder hatten keine gemeinsame Grenze – und Polen verwehrte der Sowjetunion Durchmarsch- und Überflugrechte.

Stalin und Hitler sind sich tatsächlich nie persönlich begegnet. Ungeachtet dessen war die Sowjetunion eines der ersten Länder, die mit Deutschland unter den Nationalsozialisten Geschäfte machen wollten. Außenminister Maxim Litwinow reiste im Auftrag Stalins kurz nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 nach Berlin, um an die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder während der Weimarer Republik anzuknüpfen.

Ja, Polen profitierte von der Zergliederung der Tschechoslowakei, ihm wurde das Teschener Gebiet zugesprochen. Auch Ungarn profitierte, es erhielt den Süden der Slowakei und die Karpatenukraine. Die Slowakei wurde ein eigener Staat „unter deutschem Schutz“.

Das große Werben um Polen

Der Hitler-Stalin-Pakt 1939. Das „Komplott“ von München habe der Sowjetunion gezeigt, schreibt Putin, „dass die westlichen Länder Sicherheitsfragen lösen werden, ohne Rücksicht auf die sowjetischen Interessen zu nehmen, und bei Gelegenheit eine antisowjetische Front bilden könnten“. Die Sowjetunion habe gleichzeitig versucht, „jede Chance zu nutzen, um eine Anti-Hitler-Koalition zu bilden“. Diese Koalition sei an Polen gescheitert, „das keine Verpflichtungen gegenüber der sowjetischen Seite übernehmen wollte“. Die Sowjetunion habe daraufhin notgedrungen den Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen.

Hier ist Bedarf, tiefer in die Geschichte einzutauchen. Die Befürchtungen Moskaus nach der Münchner Konferenz waren berechtigt. Mit dem Einmarsch Hitlers in Prag im März 1939 bestätigte Deutschland seinen Expansionsdrang in Richtung Ost- und Südosteuropa.

Die Sowjetunion führte im Juni Gespräche mit Großbritannien und Frankreich. Die Westmächte erklärten sich bereit, Stalin eine Interessensphäre in Ostmitteleuropa zuzugestehen. Ein Punkt blieb offen: Polen wollte im Kriegsfall der Roten Armee kein Durchmarschrecht gewähren.

Schon Anfang Mai hatte die Sowjetunion ihre Fühler nach Deutschland ausgestreckt. Ideologische Meinungsverschiedenheiten brauchten „nicht zu stören“, ließ Moskau Berlin wissen. Wie ernst der Annäherungsversuch war, zeigte sich an einer Personalie: Wjatscheslaw Molotow ersetzte Maxim Litwinow als Außenminister; Litwinow war jüdischer Abstammung, die NS-Presse verunglimpfte ihn als „Jude Finkelstein“. Im Juli erkundigte sich Molotow, ob Berlin Interesse an einem Nichtangriffspakt habe. Dabei schlug er ein „spezielles Protokoll“ vor, das Regelungen „in diesen oder jenen Fragen der Außenpolitik“ enthalten sollte.

Mit den Deutschen laufen wir Gefahr, unsere Freiheit zu verlieren. Mit den Russen verlieren wir unsere Seele.

Edward Rydz-Smigly, Marschall von Polen

Den Westmächten blieben die Gespräche zwischen Moskau und Berlin nicht verborgen. Sie verstärkten ihre Bemühungen, ein Bündnis mit Stalin zu schließen, um Hitler in die Schranken zu weisen, konnten aber eine Hürde nicht nehmen: Polen verweigerte der Sowjetunion das Durchmarschrecht – Warschau wollte die Rote Armee nicht in ein Gebiet lassen, das polnische Soldaten ihr im Krieg von 1919 bis 1921 entrissen hatten.

Edward Rydz-Smigly, Marschall von Polen, begründete den polnischen Standpunkt mit den Worten: „Mit den Deutschen laufen wir Gefahr, unsere Freiheit zu verlieren. Mit den Russen verlieren wir unsere Seele.“

Noch im März 1939 war Hitler entschlossen gewesen, Polen als Bündnispartner gegen die Sowjetunion zu gewinnen. Deutschlands Außenminister Joachim von Ribbentrop schlug Polens Botschafter in Berlin, Josef Lipski, Verhandlungen vor: Rückgabe der Freien Stadt Danzig an Deutschland, Bau einer exterritorialen Verkehrsstrecke durch den polnischen Korridor; Deutschland bot dafür eine Verlängerung des deutsch-polnischen Nichtangriffspakts von 1934 auf 25 Jahre und formelle Grenzgarantie; der Entwurf einer Note des Auswärtigen Amtes stellte Polen den Besitz der Sowjetrepublik Ukraine in Aussicht.

Hitlers drei Wege nach Moskau

Die „Erweiterung des Lebensraumes im Osten“, in der Sowjetunion, war nach wie vor Hitlers Ziel. Sein Problem: Deutschland und die Sowjetunion trennte ein Staatengürtel, der sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer zog, von den Baltischen Staaten bis nach Rumänien/Bessarabien. Hitler sah drei Möglichkeiten, diesen Gürtel zu überwinden und sich ein Aufmarschgelände für einen Überfall auf die Sowjetunion zu schaffen: Er konnte die Staaten durch Bündnisse gewinnen, sie annektieren oder von der Sowjetunion annektieren lassen.

In all dem Werben um seine Gunst – seitens Deutschlands, seitens Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion – sah Polen die Grundlage seiner Außenpolitik gefährdet. Das Land, Ende des 18. Jahrhunderts von Preußen, Russland und Österreich schrittweise aufgeteilt, erst seit 1918 wieder unabhängig, hatte sein Heil zwischen Deutschland und der Sowjetunion gefunden (dazu gehörte auch der polnisch-sowjetische Nichtangriffspakt 1932, den Putin in seinem Artikel nicht erwähnt). Es wollte weder ein Bündnis mit antideutscher noch mit antisowjetischer Tendenz schließen; es hatte gelernt, nicht nur die Feindschaft, sondern auch die Freundschaft seiner beiden Nachbarn zu fürchten.

Und noch einen Grund gab es, dass Polen sich scheute, für eine Seite Partei zu ergreifen: Warschau hegte Pläne für ein „Drittes Europa“, einen neutralen Mächteblock von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.

Großbritanniens fatale Garantie

Ein Verzweiflungsschritt des britischen Premierministers Neville Chamberlain, dessen Appeasement-(Beschwichtigungs-) Politik mit dem Einmarsch Hitlers in Prag gescheitert war, machte die Lage für Polen noch prekärer: Chamberlain erklärte Ende März 1939 vor dem britischen Unterhaus in London, Großbritannien und Frankreich würden sich „für den Fall irgendeiner Aktion, die klarerweise die polnische Unabhängigkeit bedroht (...) verpflichtet fühlen, der polnischen Regierung alle in ihrer Macht stehende Hilfe sofort zu gewähren“.

Gut gemeint war diese Garantieerklärung, aber schlecht durchdacht. Polen musste keine Gegenleistung bringen: musste weder einem anderen Land im Falle eines deutschen Angriffs beistehen noch einen Beistandspakt mit der Sowjetunion schließen, dem Deutschland nichts entgegenzusetzen gehabt hätte.

Hitler soll, nachdem er die Nachricht über die Garantieerklärung erhalten hatte, ausgerufen haben: „Denen werde ich einen Teufelstrank brauen!“ Polen konnte er als Bündnispartner abschreiben, England hatte sich als Gegner offenbart. Die Katastrophe bahnte sich an.

So kamen sich Berlin und Moskau immer näher. Vor seinen Generälen gab sich Hitler am 21. August 1939 gewiss, dass der Nichtangriffspakt zustande käme, und fest entschlossen, gegen Polen loszuschlagen. Die britisch-französische Garantieerklärung nahm er nicht ernst. „Unsere Gegner sind kleine Würstchen. Ich sah sie in München (...) Russland hat kein Interesse an der Erhaltung Polens.“

Deutschland und die Sowjetunion hatten sich zwei Tage zuvor, am 19. August, auf ein Handels- und Kreditabkommen geeinigt. Die Gefahr einer Blockade seitens der Westmächte war durch die umfangreichen Rohstofflieferungen aus der Sowjetunion gebannt.

Der sowjetische Außenminister Molotow unterzeichnet am 23. August 1939 unter den Augen Stalins in Moskau den Nichtangriffspakt mit Deutschland. Sein deutscher Amtskollege Ribbentrop steht links im Bild.
Foto: dpa picture alliance

Zwei Tage später, am 23. August, unterzeichneten die Außenminister Ribbentrop und Molotow in Moskau den Nichtangriffspakt, in Anwesenheit Stalins. Und dazu das Geheime Zusatzprotokoll: Polen wurde in eine deutsche und in eine sowjetische Interessensphäre geteilt, Litauen der deutschen, Estland, Lettland sowie Finnland und Bessarabien der sowjetischen Interessensphäre zugeschrieben.

Auch der Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September enthielt ein Geheimes Zusatzprotokoll. Es änderte das erste ab: Teile Polens fielen von der sowjetischen in die deutsche, Litauen von der deutschen in die sowjetische Interessensphäre. Estland, Lettland und Litauen verloren 1940 ihre Unabhängigkeit, die sie 1918 gewonnen hatten; sie wurden – für ein halbes Jahrhundert – Sowjetrepubliken.

In seinem Artikel erwähnt Putin an keiner Stelle, dass bis 1945 mindestens sechs Millionen Polen ihr Leben verloren, die meisten von ihnen in deutschen Vernichtungslagern; dass auch stalinistischer Terror gegenüber der Bevölkerung wütete (Stichwort Katyn); dass die Rote Armee den Warschauer Aufstand nicht unterstützte, dass sie gegen die polnische Heimatarmee kämpfte.

Das sowjetische Vorgehen im Baltikum beschreibt Putin alles andere als entideologisiert: „Ihre militärisch-strategischen und defensiven Aufgaben lösend, begann die Sowjetunion im Herbst 1939 mit der Inkorporation Lettlands, Litauens und Estlands. Ihr Beitritt zur UdSSR erfolgte auf vertraglicher Basis, mit Zustimmung der gewählten Behörden. Dies entsprach den Normen des Völker- und Staatsrechts der damaligen Zeit.“

Faktisch war die „Inkorporation“ eine Okkupation und der „Beitritt“ eine Annexion. Moskau setzte seine Interessen mit Gewalt durch.

Es ist ungerecht zu behaupten, dass der zweitägige Besuch des Nazi-Außenministers Ribbentrop in Moskau der zentrale Grund ist, der zum Zweiten Weltkrieg geführt hat.

Wladimir Putin, Präsident Russlands

Die bei weitem unheilvollste Konsequenz des Paktes bestand darin, dass er das in Europa entstandene Gleichgewicht der Großmächte zugunsten Deutschlands zerstörte.

Heino Arumäe, Historiker

Die Sowjetunion habe die Geheimen Zusatzprotokolle im Dezember 1989 als „Akt der persönlichen Macht“ verurteilt, die in keiner Weise „den Willen des sowjetischen Volkes, das nicht für diese Absprache verantwortlich ist, widerspiegelt“, schreibt Putin. (Dass ihre Existenz bis dahin von offizieller Seite geleugnet wurde, erwähnt er nicht.) Es sei aber „ungerecht“ zu behaupten, der Hitler-Stalin-Pakt sei „der zentrale Grund“ gewesen, der zum Zweiten Weltkrieg geführt habe, so Putin weiter. „Alle führenden Länder haben deren Ausbruch zu gewissem Maße zu verantworten.“

Auch die Sowjetunion.

Moskau hatte realpolitisch gute Gründe für den Pakt mit Berlin. Ein Vertrag mit Großbritannien und Frankreich sowie Polen hätte die Sowjetunion in Gefahr gebracht, eher früher als später in einen Krieg hineingezogen zu werden. Der Vertrag mit Deutschland verpflichtete sie zu nichts; er brachte ihr aber viel: Landgewinn; Verwirrung im Lager der Verbündeten Deutschlands (Japan stürzte in eine Regierungskrise, schloss im September 1939 einen Waffenstillstand und im April 1941 einen Neutralitätspakt mit der Sowjetunion); Zeit zur Regeneration nach der „Großen Säuberung“; die Verheißung auf Schwächung potenzieller Gegner, sollten sich die Westmächte mit Deutschland bekriegen.

Unterm historischen Strich bleibt: Der Nichtangriffspakt wurde zum Angriffspakt.

„Die bei weitem unheilvollste Konsequenz des Paktes bestand darin, dass er das in Europa entstandene Gleichgewicht der Großmächte zugunsten Deutschlands zerstörte“, schreibt der estnische Historiker Heino Arumäe. „Dies erlaubte es Hitler, den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln.“

Ungeachtet dessen postuliert Putin: „Die darauffolgende Tragödie Polens liegt voll und ganz auf dem Gewissen der damaligen polnischen Führung, die die Bildung des Militärbündnisses zwischen England, Frankreich und der Sowjetunion verhinderte, sich auf die Hilfe der westlichen Partner verließ und sein Volk unter die Walze der Hitler-Zerstörungsmaschine stellte.“ Das Verhalten der Westmächte  gegenüber Polen sei „ein direkter Verrat“ gewesen.

Hitler verfolgt am 1. September 1939, wie die Wehrmacht in Polen einmarschiert. Der Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion hat ihm für den Überfall freie Hand gegeben. Die Rote Armee überschreitet am 17. September die polnische Ostgrenze. Es folgt ein sechs Jahre währender Krieg. Er wäre vermeidbar gewesen.
Foto: imago images

Die damalige Politik Polens ist, wie oben ausgeführt, eindimensional dargelegt. Ansonsten: England und Frankreich forderten Deutschland nach dessen Überfall auf Polen am 1. September ultimativ dazu auf, sich sofort zurückzuziehen, erklärten Deutschland am 3. September den Krieg und, ja, taten nichts – sie verharrten in einem „Sitzkrieg“.

Hätten die Westmächte die deutsche Westgrenze überschritten, wäre es vermutlich nicht zum Weltkrieg gekommen. Der deutsche General Alfred Jodl sagte im Nürnberger Prozess 1946 aus: „Wenn wir nicht schon im Jahre 1939 zusammengebrochen sind, so kommt das nur daher, dass die rund einhundertzehn französischen und englischen Divisionen im Westen sich während des Polenfeldzugs gegenüber den fünfundzwanzig deutschen völlig untätig verhielten.“

Geschichte und Wahrheit: Im Artikel von Wladimir Putin finden sich Wahrheiten; und so manches findet sich nicht, was wert gewesen wäre, gefunden zu werden. Der Text ist, entgegen dem von Putin selbst erhobenen Anspruch, nicht frei von Ideologisierung und Politisierung. Was bleibt von ihm? Die Erkenntnis, dass Geschichte von der Kontroverse lebt.