Außenministerin Annalena Baerbock nennt den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine einen „Kornkrieg“. Insbesondere in Afrika leiden viele Millionen Menschen unter den ausbleibenden Getreideexporten aus der Ukraine. Über 20 Millionen Tonnen Getreide können aufgrund der russischen Blockade des Hafens im südukrainischen Odessa nicht ausgeliefert werden. Die weltweiten Folgen sind verheerend. Besonders im Sudan ist die Lage kritisch.

Der Sudan ist ein strategisch wichtiges Land, über das in Deutschland verhältnismäßig wenig berichtet wird. Bis zur Unabhängigkeit des Südsudan im Jahr 2011 war das Land der größte afrikanische Flächenstaat. Heute ist der Sudan das drittgrößte Land Afrikas und ungefähr fünfmal so groß wie Deutschland. Insbesondere für Migrationsbewegungen ist der Sudan äußerst bedeutend, da er für viele Geflüchtete eine Zwischenstation auf dem Weg nach Europa ist. Hinzu kommen schätzungsweise zwei Millionen sudanesische Binnenflüchtlinge.

Der Krieg in der Ukraine multipliziert die schon vorhandenen Probleme und Krisen im Sudan. Das Land im Nordosten von Afrika leidet unter den gravierenden Folgen des Klimawandels, wie den landesweiten Überschwemmungen 2020, Dürreperioden, einer explodierenden Inflation, Terrorismus und politischer Instabilität.

Die wegfallenden Getreideexporte aus der Ukraine verschärfen die Nahrungsmittelknappheit im krisengebeutelten Sudan. In dem von einer Militärdiktatur regierten Land sind nach Angaben der Welthungerhilfe neun Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das macht ein Viertel der Gesamtbevölkerung des Staates aus. Die ernste Lage spiegelt sich auch im Welthunger-Index wider. Dort belegt das Land den 95. Rang von 116 Staaten.

Brot und Bohnen, Obst und Gemüse, besonders Tomaten sind im Sudan, wenn es sie denn überhaupt gibt, unbezahlbar geworden. Ein Wocheneinkauf an einem Marktstand in der Hauptstadt Khartum kostet in etwa gleich so viel wie in Deutschland. Der Unterschied: Im Sudan beträgt das durchschnittliche Monatsgehalt umgerechnet 37 Euro. Das ist knapp über einem Euro pro Tag.

Was sind Putins Ziele im Sudan?

Das Perfide dabei ist, dass ausgerechnet Wladimir Putin die katastrophale Lebensmittelsituation im Sudan für sich zu Nutze macht. Dabei setzt der russische Machthaber den Hunger als Waffe ein, um Druck auf die internationale Gemeinschaft auszuüben. So wird laut der Agentur Interfax von russischer Seite die Aufhebung der Sanktionen gefordert, wie der russische Vize-Außenminister Andrej Rudenko verlauten ließ. Somit versucht Russland die Getreide-Krise und die Blockade der ukrainischen Häfen mit der Sanktionspolitik gegenüber Russland zu koppeln. Die Leidtragenden des russischen Handelns bleiben die vielen Millionen Hungernden im Sudan.

Dort entstand seit der Machtübernahme des sudanesischen Militärs 2019 ein geopolitisches Vakuum, da westliche Demokratien seitdem ihre politische und finanzielle Unterstützung pausieren. Russland versucht, diesen Moment für sich auszunutzen. Russische Wagner-Söldner, eine Schattenarmee, die eng mit russischen Geheimdiensten verknüpft ist, agieren im Sudan und beraten die Militärs. In Port Sudan, einer Hafenstadt am Roten Meer, unterzeichnete Russland mit dem Sudan Sicherheitskooperationen. Es wird vermutet, dass Russland Interesse an einem Militärstützpunkt im Roten Meer hat. Darüber hinaus plant Russland, weitere Militärbasen in Afrika umzusetzen. So zum Beispiel in Eritrea, Madagaskar, Mosambik und der Zentralafrikanischen Republik.

Waffen statt Weizen

Der Sudan gehört mit den eben genannten Ländern zu den engsten afrikanischen Verbündeten Russlands. Für Putin stehen die wirtschaftlichen Beziehungen im Vordergrund, da Russland sich mit der westlichen Sanktionspolitik weltweit nach neuen Partnern umschaut. Das ökonomisch wichtigste russische Exportgut nach Afrika sind jedoch nicht Getreide oder Korn, sondern Waffen. Sekundär sollen auch die politischen Kontakte ausgebaut werden, um sich zum Beispiel bei den Vereinten Nationen Unterstützung zu sichern.

Exemplarisch für die politischen Ambitionen Moskaus war die Abstimmung zum Truppenabzug der russischen Streitkräfte aus der Ukraine vom 2. März 2022 in der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York. Die afrikanische Staatengemeinschaft war bei der Resolution gespalten. So stimmte die Hälfte der Länder nicht für den sofortigen Truppenabzug der Russen. Der Sudan hat sich wie auch Mali, die Zentralafrikanische Republik, Südafrika, Algerien, Senegal, Namibia, Simbabwe und weitere afrikanische Länder enthalten. Eritrea war eines der fünf Länder, die den Beschluss explizit ablehnten.

Im Übrigen reiste der sudanesische General und stellvertretender Präsident der Militärdiktatur, Hamdan Dagalo, als einer der wenigen ranghohen internationalen Vertreter nach Russland seit dem Krieg in der Ukraine. Am 24. Februar traf er sich zu einem vorher schon geplanten Treffen in Moskau mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. An dem Tag als russische Panzer über ukrainisches Territorium rollten und der Hunger in seinem Land verschärft wurde.