Russlands Präsident Wladimir Putin.
Foto: Alexei Druzhinin/Kremlin Pool

Frankfurt an der OderIn der vergangenen Woche erhielten Deutschlands OsteuropahistorikerInnen Post von der russischen Botschaft in Berlin. Die E-Mail, die von der Pressestelle verschickt wurde, enthielt die „inoffizielle Übersetzung“ eines Grundsatzartikels des russischen Präsidenten Wladimir Putin zum „75. Jahrestag des Großen Sieges: Gemeinsame Verantwortung vor Geschichte und Zukunft“. „Sicherlich“, schrieb die Botschaft, „wird der Artikel des russischen Präsidenten ein erhebliches Interesse von Ihren Leserinnen und Lesern sowie Intellektuellen und Personen wecken, die sich für die Geschichte interessieren.“ Und sie schlug den Fachleuten vor, „den Artikel von Wladimir Putin künftig bei der Vorbereitung von historischen Beiträgen zu nutzen“. Es ist an dieser Stelle ein Leichtes, die „Post aus der Botschaft“ als übergriffigen und plumpen Versuch der Propaganda und politischen Einflussnahme zurückzuweisen. Tatsächlich ist sie das, auch wenn man sich schon fragen muss, ob unsere Profession für so einfältig gehalten wird, dass nicht einmal ein Quäntchen Eleganz und Subtilität zum Einsatz kommen mussten. Ist der Ton der Nachricht aber verdaut, lohnt die Beschäftigung mit Putins Grundsatzartikel allemal. Der am 19. Juni, kurz vor dem Jahrestag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, veröffentlichte Text ist ein weiterer Beleg für die jüngste Volte seiner Geschichtspolitik.

Dass Putin sich von jeher für den politischen Nutzen der Geschichte interessiert, ist bekannt. Schon in seinen früheren Amtszeiten hat er es verstanden, die nach den Wirren der Jelzin-Jahre und den Demütigungen des Staatszerfalls verunsicherte Gesellschaft mit historischem Stolz aufzurichten. Das kollektive Selbstwertgefühl zu renovieren und so ein neues „altes“ Gemeinschaftsgefühl herzustellen, waren klare Ziele seiner Geschichtspolitik. Für sie rückte er, mit teils rabiaten Mitteln, die Erinnerungen an die Massengewalt des Stalinismus in den Hintergrund. Verdienstvolle Institutionen der postsowjetischen Vergangenheitsaufarbeitung wie die Gesellschaft „Memorial“ litten unter massiven Arbeitsbeschränkungen und eine lokale Gedenkstätte wie das Gulag-Museum Perm 36 wurde im Frühjahr 2014 erst geschlossen, um dann unter staatlicher Kontrolle wieder zu öffnen. Russische Schulbücher rühmten Stalin als verdienstvollen Staatslenker, ohne dass die Verbrechen seiner Gewaltherrschaft jedoch vergessen wurden. Dem Vorwurf, die „dunklen Seiten“ der Geschichte zu tabuisieren, will Putin sich nicht aussetzen. Ihm geht es um Kontrolle und Deutungsmacht.

Lesen Sie doch weiter

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Oder das E-Paper? Hier geht’s zum Abo Shop.