Demonstration gegen Corona-Einschränkungen auf der Cannstatter Wasen in Stuttgart
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Stuttgart„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, dröhnt es aus einem Lautsprecher über den Parkplatz der Cannstatter Wasen in Stuttgart. Viele von denen, die hier am frühen Mittwochabend mit ihren Rädern zum Festgelände gekommen sind, sind gerade noch in der Hauptstadt gewesen. Es ist das erste Treffen der Mitglieder von der Initiative „Querdenken 711“ seit dem großen Aufmarsch vom vergangenen Sonnabend.

Natürlich ist die Demonstration das Hauptthema der etwa 100 bis 150 „Querdenker“, die zur wöchentlichen Fahrraddemonstration für Frieden und Freiheit gekommen sind. „Wenn uns der Herr Müller so freundlich einlädt, kommen wir natürlich gerne wieder“, ruft einer der Veranstalter ins Mikrofon. Das mit der freundlichen Einladung ist natürlich ironisch gemeint. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hatte wie viele andere scharfe Kritik an den Demonstranten geübt, weil sie meist keine Schutzmasken trugen und auch die Abstände nicht einhielten.

Auf der Cannstatter Wasen lachen sie darüber. Die „Querdenker“ sind Corona-Rebellen der ersten Stunde. Ihr Gründer Michael Ballweg hat im April vor dem Bundesverfassungsgericht durchgesetzt, dass sie schon während des Lockdowns gegen die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte protestieren durften. Seitdem gehen sie regelmäßig auf die Straße – bis zu 5000 Teilnehmer hat Ballweg in Stuttgart schon mobilisiert. Die Zahl ist nach der Lockerung der Pandemiemaßnahmen allerdings wieder zurückgegangen.

Bei der großen Demonstration in Berlin hat die Gruppe „Querdenken 711“ zum ersten Mal bundesweit auf sich aufmerksam gemacht. Es gibt inzwischen Ableger in anderen Bundesländern. Doch der Kern agiert in Baden-Württemberg. Und in Deutschland fragt man sich, warum sie gerade im Schwabenland so renitent sind. Auf Twitter gibt es dazu sogar schon einen eigenen Hashtag. Er lautet #schwabenhintergrund. Man liest nicht viel Freundliches darunter.

Die Leute, die jetzt auf den Start der Radrundfahrt warten, stehen in kleinen Gruppen zusammen, man kennt sich, man begrüßt sich, macht Witze. Eine eingeschworene kleine Gemeinschaft, die meint, sich gegen den Rest der Welt stellen zu müssen. Die meisten wollen nicht mit der Presse sprechen, sind aber auch nicht aggressiv. Obwohl sie schon sauer darüber sind, dass man die Zahl der Demonstrationsteilnehmer in Berlin so kleingerechnet hat. Niemals seien sie nur 20.000 gewesen, das sagen sie alle.

„Der Demonstrationszug ist über eine Stunde an mir vorübergezogen“, sagt Stefan Schmidt, der in Berlin dabei war und zu den Organisatoren von „Querdenken 711“ gehört. Er ist Koch und Gastronom und betreibt in Alfdorf nordöstlich von Stuttgart ein eigenes Restaurant. Acht Wochen lang war sein Betrieb geschlossen, jetzt darf Schmidt wieder Gäste bedienen. Doch im Catering-Bereich ist das Geschäft erst mal komplett weggebrochen.  „Ich werde nicht pleitegehen, dazu bin ich zu lange im Geschäft“, sagt er. Aber es werde viele andere treffen. „Und für was? Für nichts.“ Für ihn ist die Corona-Pandemie eine ganz normale Grippewelle. Und all die Toten von Bergamo? Schmidt stutzt kurz und erklärt dann: „In Deutschland war jedenfalls nichts. Es ist nichts, und es wird auch nichts sein.“

Während er spricht, kommen weitere Aktive an, viele von ihnen mit dem Auto, die Fahrräder transportieren sie auf dem Dachgepäckträger. Die meisten tragen Radlertrikots und -hosen. Nicht wenige sind braungebrannt, obwohl die Ferien in Baden-Württemberg gerade erst begonnen haben. So stellt man sich das gut situierte schwäbische Bürgertum vor.

Eunike Engelkind, 37 Jahre alt, fällt da ein bisschen aus dem Raster. Die Bioköchin und Künstlerin wird im geblümten Oberteil, dunklen Jeans und Segeltuchschuhen mitradeln. Sie trägt ihre rötlich-braunen Haare geflochten um den Kopf. „Ich stehe zu dem, was ich mache“, sagt sie. Sie wirkt zart, gleichzeitig aber selbstbewusst.

Zum Virus erklärt sie bündig: „Selbstverständlich geht davon eine Gefahr aus.“ Die Frage sei aber, wie man dieser Gefahr begegne. Während des Lockdowns habe sie sich persönlich nicht übermäßig eingeschränkt gefühlt, sagt sie. „Ich habe mich in dieser Zeit viel mit Hegel beschäftigt.“ Natürlich sei es schwer, auf Theater und Konzerte verzichten zu müssen. Aber am meisten störte sie, dass Kritik daran, wie die Politik auf die Pandemie reagiert, nicht nur unerwünscht sei, sondern sogar bekämpft werde. „Menschen, die die Ansicht der anderen nicht teilen, werden in unserer Gesellschaft regelrecht heruntergezogen“, sagt sie. Ihre engen Freunde seien ihrer Meinung, was Corona anbetrifft, aber von vielen Bekannten werde sie für ihre Kritik heftig beschimpft. „Das ist ganz schön derbe.“ Es ist auch diese Engstirnigkeit, gegen die sie auf der Rad-Rundfahrt demonstrieren will. Und natürlich geht es ihr um die Verteidigung der Freiheitsrechte.

Die Architekturstudentin Sophie Kolb, 24 Jahre alt, war wie Eunike Engelkind in Berlin dabei und radelt ebenfalls fast jeden Mittwoch mit. Eine Corona-Leugnerin ist auch sie nicht, sie hält die ganzen Maßnahmen allerdings für Panikmache. „Es geht mir um das Grundgesetz“, sagt sie. Das sei seit längerem eingeschränkt, was sie nicht so ohne weiteres hinnehmen möchte. Am meisten stört sie, dass sie nicht zu Universität gehen kann. Ihr Fach sei praxisorientiert, nun könne sie schon seit langem die Werkstatt nicht mehr nutzen. Betreuung finde nicht statt, die Bibliothek sei schwer zugänglich. Und das alles, obwohl es in Deutschland doch gar nicht so schlimm geworden sei mit dem Virus.

Dieses Argument kommt an diesem Tag von allen Querdenkern: Mag ja sein, dass die Pandemie gefährlich ist, aber angesichts des Verlaufs in Deutschland sind die Maßnahmen viel zu strikt. So viel Freiheit aufgeben für so wenige Krankheitsfälle – das sei unverhältnismäßig, sagen sie. Manche argwöhnen auch, dass die ganzen Einschränkungen nur eine Vorbereitung der Deutschen auf die Impfpflicht ist, wenn es einen Impfstoff geben solle. Thematisiert wurde das schon mal auf einer „Querdenken“-Demonstration im Mai in Stuttgart. Dort sprach der Mitbegründer der anthroposophischen Akanthos-Akademie Christoph Hueck davon, dass freie Bürger selbst entscheiden müssten, ob sie sich impfen lassen, und wetterte gegen die Bundesregierung, die diktatorisch handele.

Der Journalist Dietrich Krauß hat jüngst in der Wochenzeitung Kontext, die ihren Sitz in Stuttgart hat, einen Artikel geschrieben, in dem er zu erklären versucht, warum Stuttgart die Hauptstadt der Hygienedemos geworden ist. Das, so Krauß, liege daran, dass die Stadt eine Hochburg der Impfgegner sei. Vor 100 Jahren wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet. Nirgendwo gibt es so viele Waldorfschüler und -schülerinnen wie in Baden-Württemberg. Deren Pädagogik gründet auf der anthroposophischen Weltanschauung von Rudolf Steiner. Die Anthroposophie versucht, die Entwicklung des Menschen nicht nur naturwissenschaftlich zu erklären, sondern auch als geistig-seelischen Prozess. Krankheiten, Kinderkrankheiten zumal, werden als Teil des Reifeprozesses des Menschen angesehen.

Jörg Ewertowski will die These von Krauß so nicht stehen lassen. „Es gibt in der Anthroposophie keine pauschale Ablehnung des Impfens“, sagt er. Der 62-Jährige sitzt an einem Schreibtisch im Rudolf-Steiner-Haus an der Uhlandshöhe. Seit 1994 arbeitet er hier und hat selbst einige anthroposophische Bücher verfasst. Man kann ihn wohl als Experten bezeichnen. Gäste empfängt er mit Maske. Er sagt, dass es anthroposophische Ärzte gebe, die das Impfen befürworten, und andere, die dagegen seien. Für ihn selbst ist das aber eine Verkürzung des aktuellen Konflikts in der Pandemie. Ewertowski sieht eine grundsätzliche Polarisierung in der Gesellschaft. „Hier steht Wissenschaftsgläubigkeit gegen Verschwörungsgläubigkeit“, sagt er. Bei der Bekämpfung der Pandemie konzentriere man sich sehr einseitig auf die Hardcore-Wissenschaft, die statistisch denke und die Krankheit allein auf das Übertragungsgeschehen reduziere. „Für Anthroposophen ist das eine Provokation.“ Auch er stellt sich die Frage, ob alle Corona-Maßnahmen in ihrer Härte gerechtfertigt seien. Und verweist auf die Isolierung der Alten und Pflegebedürftigen in den Heimen.

Es ist schwer zu sagen, ob und wie viele Anhänger der Anthroposophen am Mittwoch zur Rad-Demo erschienen sein. Auf Ewertowskis letzte Frage kommt dort auch ein Mann aus Göppingen zu sprechen. „Gotteslästerlich“ nennt er die Tatsache, dass viele Angehörige ihre Alten und Kranken nicht mehr besuchen durften. Auch er will zunächst nicht mit einer Journalistin sprechen, redet sich dann aber schnell in Rage. Seine Frau ermahnt ihn, den Sicherheitsabstand während des Gesprächs einzuhalten.

Das Ehepaar wird nicht mitradeln. Es hat die Tochter und die Enkelkinder samt Fahrrädern aus Göppingen heranchauffiert. Die Frau war mit der Tochter am vergangenen Wochenende in Berlin. „Das war toll“, sagt sie. Und kritisiert wie ausnahmslos alle anderen, dass die Polizei und die Medien die Zahl der Demonstranten nach unten korrigierten. Sie hat auch noch etwas anderes bemerkt: „Die Medien haben schon um 14 Uhr gewusst, dass die Demonstration aufgelöst wird, aber der Befehl dazu kam erst um 16 Uhr.“ Für sie ist das ein Beweis dafür, dass die Presse und Polizei Hand in Hand arbeiten. Warum und zu welchem Zweck sollte das so sein? Sie zuckt mit den Schultern. „Irgendjemand wird es wissen.“ 

Auf der Cannstatter Wasen formieren sich die Radler nun zum Korso.  Zwei Stunden durch die Stadt, mit einem Zwischenstopp für eine kurze Kundgebung. Die Route ist jedes Mal eine andere und endet dann wieder am Ausgangspunkt. Aus dem Lautsprecherwagen ertönt jetzt laute Samba-Musik. Da erzählt noch ein Mann seine Geschichte: „Ich bin Krankenpfleger und arbeite auf einer Beatmungsstation“, sagt er. Er habe es aber noch nie erlebt, dass man einen Patienten auf den Bauch habe legen müssen, so wie man das auf Fotos aus den Krankenhäusern im italienischen Bergamo sah. „Wir haben das nur einmal bei einem 85-jährigen Patienten gemacht, weil die Angehörigen darauf bestanden“, sagt er.  Der Mann habe einige Vorerkrankungen gehabt und sei nach drei Wochen gestorben. „Der Palmer hat recht“, sagt er und meint damit die Äußerung des Grünen Boris Palmer. Der hatte die Corona-Regeln mit dem Satz kritisiert: „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“

Eunike Engelkind wendet ein, sie habe gehört, dass die Menschen in Italien erst im Januar gegen Grippe geimpft worden seien. Womöglich hätten die Nebenwirkungen davon viele Covid-19-Patienten das Leben gekostet. Der Pfleger winkt ab. „Ich lasse mich gegen gar nichts impfen. Nicht gegen Hepatitis, nicht gegen Tetanus, das halte ich alles aus“, sagt er. Seine Kollegen seien allerdings alle anderer Meinung. „Die sind ganz auf der Linie des Robert-Koch-Instituts.“

Dann geht es wirklich los. Rund 100 bis 150 Fahrräder setzen sich in Bewegung. Die Musik aus dem Lautsprecherwagen tönt noch lauter. Die Truppe radelt vom Platz Richtung Innenstadt. Ende August will sie wieder in der Hauptstadt demonstrieren. Ohne Fahrräder, aber mit viel mehr Anhängern.