Berlin - Die letzte Entscheidung über ihre Doktorarbeit hat Franziska Giffey nicht mehr abgewartet. Die SPD-Politikerin trat am Mittwoch von ihrem Amt als Bundesfamilienministerin zurück, noch bevor der Präsident der Freien Universität seine Entscheidung darüber bekannt gegeben hat, ob ihr der Doktortitel entzogen wird oder nicht. Man kann wohl sicher davon ausgehen, dass es auf eine Aberkennung hinausläuft.

Das wurde bereits gemutmaßt, als vor einigen Tagen bekannt wurde, dass die nunmehr zweite Prüfungskommission ihre Arbeit abgeschlossen hat – viel schneller als vermutet worden war. Giffey hat bis Anfang Juni Zeit, Stellung zu nehmen. Anders als beim ersten Verfahren, das mit einer Rüge glimpflich ausging, will sie davon wohl Gebrauch machen. Zunächst aber ging sie am Mittwoch an die Öffentlichkeit, weil diese – so Giffey – schon jetzt einen Anspruch auf Klarheit habe.

Das ist eine klare Wende in ihrem Verhalten in dieser Angelegenheit und man kann sagen, dass sie wohl mehr mit Taktik als mit Einsicht zu tun hat. Bislang hat die SPD-Politikerin in dieser Sache immer nach dem Motto gehandelt: Problem wegdrücken, solange es geht. Wurde es dennoch angesprochen, verhielt sich Giffey immer so, als hätte sie unter übler Nachrede zu leiden.

Nun also ist Schadensbegrenzung angesagt. Giffey hatte zuvor bereits erklärt, dass sie als Bundesministerin zurücktreten werde, wenn sie den Doktortitel verliert. Im Grunde war das eine Selbstverständlichkeit, schließlich gibt es mit Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg bereits Vorgänger in der Sache. Dennoch verkauft sie den Schritt als Konsequenz aus einer andauernden – soll heißen: ungerechten – Belastung.

Wahlkampf mit Pathos

Was ihre Spitzenkandidatur für die SPD in Berlin angeht, hat Giffey schon bei ihrer Wahl zur Landesvorsitzenden im vergangenen November vorgesorgt. Damals erklärte sie, die Berliner könnten sich auf sie verlassen, sie werde nicht zurückweichen, egal, was passiert. Den möglichen Verlust des Doktortitels hat sie in dem Moment mit keiner Silbe erwähnt, aber das Versprechen bezieht sich natürlich auch darauf. Am Mittwoch betonte sie das erneut, diesmal mit noch mehr Hingabe: Sie werde sich nun auf ihre Herzenssache konzentrieren, und das sei Berlin.

Das Pathos zeigt: Der Wahlkampf um den politischen Spitzenjob in der Hauptstadt hat endgültig begonnen. Es ist dennoch fraglich, ob Giffey dieses Image als Sauberfrau und Hoffnungsträgerin, die die Ihren nicht im Stich lässt, wirklich durchhalten kann. Natürlich kann es den Hauptstädtern komplett egal sein, ob ihre Regierende Bürgermeisterin einen Doktortitel hat oder nicht. Allerdings ist es nicht egal, wie er erworben und dann wieder verloren wurde – und vor allem, wie Giffey mit der Angelegenheit als Ganzes umgeht.

Es gibt bei Franziska Giffey eine Diskrepanz zwischen Image und Handeln

Da bleibt dann schon eine Diskrepanz zwischen dem Bild als bodenständige Kümmerin, das sie gerne selbst von sich gibt, und der Tatsache, dass sie den Doktortitel ganz offensichtlich ausschließlich als Investition in die Politikkarriere erworben hat.

Die Wissenschaftslandschaft hat sie mit „Europas Weg zum Bürger“, so der Titel der Arbeit, jedenfalls nicht gerockt. Umgekehrt hat sie beim ersten Prüfverfahren dankend darauf verzichtet, zu ihrer Arbeit Stellung zu nehmen – nachdem sie darüber informiert worden war, dass es bei einer Rüge bleibt. Wem die Arbeit am Herzen liegt, der verteidigt sie. Vor allem, wenn man sich, wie sie es tut, zu Unrecht an den Pranger gestellt sieht.

Von eigenen Fehlern spricht Giffey nur im Konjunktiv

Liest man ihre Stellungnahme zum Rücktritt, fällt einem sofort die nicht unbeträchtliche Hybris auf, mit der sie ihr Amt zur Verfügung stellt. Sie betont, dass sie Wort gehalten hat und wie stolz sie auf ihre Regierungsarbeit ist. Von eigenen Fehlern ist nur am Rande und als vage Möglichkeit die Rede. Ansonsten verweist sie darauf, dass sie ihre Arbeit ja „durch eine Professur“ im Fachbereich Politikwissenschaft der Freien Universität abgestimmt hat.

Gemeint ist damit vermutlich die Betreuung durch ihre Doktormutter, die am ersten Prüfverfahren, das lediglich mit einer Rüge endete, zumindest indirekt beteiligt gewesen sein soll.

Der FU-Präsident schweigt beharrlich

So genau weiß man das aber nicht, denn die FU Berlin hat sich mindestens ebenso eifrig bemüht, alles unter den Teppich zu kehren, was mit dem auch für die Hochschule peinlichen Verfahren in Zusammenhang stand. Erst auf dem Klageweg wurde das erste Prüfgutachten bekannt, die Zusammensetzung der zweiten Prüfkommission wird ängstlich geheim gehalten.

Und der FU-Präsident weigert sich seit Monaten so beharrlich, zu den skandalösen Ereignissen Stellung zu beziehen, dass man ihm ebenfalls den Rücktritt nahelegen sollte.