Bangkok - Als Tante Fai während eines steifen Festakts in einem Nobelhotel von Bangkok die begehrte Urkunde aus den Händen eines Gourmet-Experten mit einem Michelin Stern erhielt, war sie selbst für Stammkunden kaum wieder zu erkennen.

Die blütenweiße Kochjacke hatte sich die 70-jährige „Mutter“, wie Jae Fai bei ihren Anhängern heißt, eigens für den Abend gekauft. Nicht einmal die Motorradbrille, die sie allabendlich in ihrem kleinen Restaurants in einem schmalen Shop House in Bangkoks Chinatown trägt, hatte sie mitgebracht.

Feurige Gaumenfreuden

Dabei gehört der übergroße Augenschutz, der ihre Netzhaut vor dem tränentreibenden Aroma superscharfer Chili-Bohnen und dem spritzenden Öl in ihren Wok-Pfannen schützen soll, ebenso zu der Feinschmeckerszene in der thailändischen Hauptstadt wie ihr berühmt-berüchtigter Kai Jeow Puu. Auf Deutsch heißt ihre Spezialität profan: Krebsomelett. Auf dem Gaumen zerfließt das Gericht mit einer Intensität, die manche ausländische Gäste nach dem Feuerlöscher schielen lässt.

Der fehlt allerdings ebenso in dem kleinen Restaurant „Raan Jae Fai“ mit seinen Blechtischen und Plastikstühlen wie die Kompromissbereitschaft für Chili-ungewohnte Zungen westlicher Ausländer. Selbstbewusst weist Tante Fai jeden zurück, der auch nur kleine Abänderungen wünscht.

In einem schmucklosen Rahmen an der Wand steckt ein vergilbter Ausschnitt der Bangkok Post vom 2. September 1999, in dem sie schon damals als „Mozart der Nudelpfanne“ gelobt wird. Allerdings: Thailands nun erste Sterne-Köchin überhaupt ist eine Institution, deren richtigen Namen kaum jemand kennt: Supinya Junsuta.

Bekannt ist sie nur unter ihrem Spitznamen, den sie bereits in Kindertagen bekam: Jae Fai eben. Auf deutsch: Schwester Warze. Der Grund dafür findet sich mitten in ihrem Gesicht, links von der Nase. Böse gemeint ist das nicht. In Bangkok frotzelt man gern.

Bangkoks „Foodies“ sind enttäuscht

Natürlich hätte sie sich das Ding längst wegmachen können. Aber warum? Auf Äußerlichkeiten legt Jae Fai ohnehin keinen Wert. Zwar schminkt sie stets die Lippen. Aber auf die Wichtigmacher-Utensilien anderer Spitzenköche verzichtet sie. Sie trägt Schürze, Arbeitshose, T-Shirt und Gummistiefel. Sowie eine Wollmütze über den Haaren. Und eben die Motorradbrille.

Acht Monate lang sahen sich die Michelin-Prüfer in Bangkok lebhafter und vielfältiger Restaurant-Szene um. Ausgezeichnet wurden noch ein in Dutzend andere Straßenküchen – für sie gab es mit dem „Bib Gourmand“ allerdings nur eine Vorstufe zum Stern.

Bangkoks „Foodies“ zeigten sich etwas enttäuscht, dass mit Jae Fai lediglich ein Straßenrestaurant einen Stern erhielt. Denn einige der rund 50.000 Garküchen, die in der Millionenmetropole Bangkok tagein- tagaus hungrige Mäuler stopfen, brauchen sich nach ihrer einhelligen Meinung nicht vor Jae Fais Kochkünsten zu verstecken.

Doch Speisen aus fahrbaren Küchen kommen laut Michelin-Regeln nicht in die engere Wahl. Die Feinschmecker-Experten prüfen nur Lokale, die einen festen Standort haben. Außerdem wurden Michelins Experten von Thailands Tourismusministerium für ihre achtmonatigen Recherchen in der Millionenmetropole bezahlt.

Ganz im Sinne der von den Generälen eingesetzten Stadtväter: Sie hatten im April verkündet, dass alle der rund 50.000 Garküchen Bangkoks ab dem 31. Dezember nur noch in Märkten anbieten dürfen, die nach dem seelenlosen Vorbild Singapurs geplant sind – und handelten sich damit den Vorwurf ein, die Stadt ihrer Seele zu berauben.

Schrecken der Händler

Angesichts solcher Vorgaben konnten die Michelin-Prüfer schlecht begeistert von den Garküchen berichten. Das „Raan Jae Fai“ allerdings erfüllt die Vorstellungen der Stadtherren. Jae Fai erffüllt schließlich in ihrem einfachen Lokal samt Tischen auf dem Gehsteig die Vorstellung von Ordnung und Hygiene, die den Generälen vorschwebt.

Satte 16 Euro kostet eine Mahlzeit hier, ein Preis, der um ein Vielfaches über den Kosten von drei bis fünf Euro liegt, für die in den vielen Garküchen der „Stadt der Engel“ eine komplette Mahlzeit zu haben ist. „Bei mir gibt es eben etwas besonderes“, sagt Tante Fai. Ihre Verehrer verweisen gern auf die großen Portionen, wenn sie die höheren Preise rechtfertigen.

Tante Fai hat ihre weiße Kochjacke längst abgelegt und steht wieder mit schwarz geränderter Motorradbrille und schwarzem Kittel hinter ihren Töpfen. Skibrillen, die sie laut einigen Berichten trägt, gibt es im tropischen Thailand nicht. Auch nicht auf dem Markt von Klong Toey, auf dem Jae Fai jeden Morgen ihre Einkäufe erledigt. Die Shopping-Tour dauert Stunden.

Jedes Kind weiß in Thailand: Das Geheimnis der Speisen liegt in der Zubereitung der Saucen. Jedes Gewürz, jedes Gemüse und jede Zutat müssen frisch sein. Das beherzigt selbstverständlich auch Tante Fai. So sehr sie von ihren Kunden für ihre Kochkünste geschätzt wird, so sehr fürchten sich die Markthändler vor ihr. Denn Jae Fai spürt jeden Fehler auf und lässt sich beim Einkaufen nie in die Irre führen.