Berlin - Interkulturelle Kompetenz – ein Schlagwort, das man zunehmend in Anforderungsprofilen bei Bewerbungen liest.  Es bezeichnet die Fähigkeit, Menschen verschiedenster Herkunft aufgeschlossen zu begegnen, sowie die Bereitschaft  sich kulturspezifisches Wissen anzueignen und dieses auch anzuwenden. Angesichts der hohen Anzahl geflüchteter Menschen gewinnt die interkulturelle Kompetenz als Qualifikation immer mehr an Bedeutung.

Auch die Polizei in Nordrhein-Westfalen hat sich längst darauf eingestellt. Schon seit 2002 gibt es dort in der Polizeiausbildung rund zehn Seminare, die sich sowohl in der Aus- als auch Weiterbildung thematisch mit interkultureller Kompetenz beschäftigen. Auch in anderen Bundesländern gibt es vergleichbare Ausbildungen oder Angebote für die Beamten.

Berlin hat dafür eine eigene „Dienststelle für die Vermittlung interkultureller Kompetenz“ geschaffen. Sie hat die Aufgabe, mehr Akzeptanz für die Vielfalt in der Stadt zu schaffen und eine vorurteils- und konfliktfreie Einsatzbewältigung zu gewährleisten – und damit auch das aktuell diskutierte „Racial Profiling“ zu vermeiden.

„Müssen uns überlegen, wie wir sie erreichen“

„Rund zehn Prozent der etwa 1900 Polizeischüler in Nordrhein-Westfalen haben einen Migrationshintergrund. Die  Beamten sollen einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen“, erklärt Oliver Huth, stellvertretener Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Der Anteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung von NRW ist aber deutlich höher, er beträgt laut aktueller Daten des statistischen Bundesamtes rund 25 Prozent. Zählt man die eingebürgerten Migranten hinzu, ist er noch höher.

Kaum vertreten seien jedoch bisher Beamte mit nordafrikanischer Herkunft, erklärt Huth. Man wisse bisher auch noch zu wenig, wie man die Jugendlichen oder die jungen Männer am besten erreichen könnte. „Wir stehen da noch ganz am Anfang.“ Oft kämen die jungen Männer aus patriarchalen Familien mit anderen Wertesystemen, anderen Normen. „Wir müssen uns genau überlegen, wie wir die erreichen können“, erklärt Huth. Auf jeden Fall müsse man auch in den Flüchtlingsheimen viel präsenter sein. Manche hangelten sich von Delikt zu Delikt, die Polizei stoße hier auch an Grenzen, sagt Huth.

Viele Menschen vor allem aus den Maghreb-Staaten haben auch kaum eine andere Chance: In der Heimat haben sie keine Perspektive und in Deutschland droht die Abschiebung, so dass der Weg in die Kriminalität oftmals vorgezeichnet ist. Eine  Studie des Bundeskriminalamtes  (BKA) aus dem ersten Halbjahr 2016 kommt zu dem Schluss, dass Nordafrikaner mehr Straftaten als andere Zuwanderer begingen. 

Kleine Dinge können Eskalation verhindern

Wie wichtig es daher ist, Beamte mit unterschiedlichen Migrationshintergründen einzustellen, zeigen die Erfahrungen bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Das können kleine Dinge sein, die Eskalationen verhindern und gleichzeitig mehr Verständnis und Sensibilität schaffen. „Ich habe da bei einigen Einsätzen viel von meinen Kollegen gelernt“, sagt Huth. Bei einer Hausdurchsuchung mit zehn Beamten das Schlafzimmer zu durchwühlen, stellt zum Bespiel für eine türkische Familie eine große Ehrverletzung dar, da das Zimmer „heilig“ sei. „Das muss nicht sein. Darauf kann man achten.“

Auf der Straße könne es aber auch passieren, dass ein türkischer Kollege auch auf Türkisch angesprochen werde, erzählt Huth. Damit wolle die kontrollierte Person  Gemeinsamkeiten schaffen und sich auf Augenhöhe treffen. Das könne aber für den Beamten, der nur Deutsch spreche, zum Problem werden, da er eine Gefahrensituation eventuell nicht mehr so gut einschätzen könne.

Auch die Debatte darum, ob die Polizei Menschen aus Nordafrika in einem öffentlich abgesetzten Tweet als „Nafri“ bezeichnen dürfe, zeige, dass es noch Nachholbedarf gebe. „Das war zwar ein Arbeitsbegriff, aber der Tweet war ungünstig. Hier fehlte es an Sensibilität“, sagt Huth. Die  Polizei sei aber kritikfähig, das habe die Entschuldigung des Polizeipräsidenten ja auch gezeigt. Man dürfe jetzt weder die ganze Polizei, noch den Verfasser pauschal verurteilen, sagt Huth.