Berlin - Zwei Wochen vor der Bundestagswahl ist eine E-Mail mit rassistischem und demokratiefeindlichem Inhalt aufgetaucht, die angeblich von der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel stammen soll. „Der Grund, warum wir von kulturfremden Völkern wie Araber, Sinti und Roma etc. überschwemmt werden, ist die systematische Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft als mögliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden“, heißt es in der Mail, über die die Zeitung  „Welt am Sonntag“ am Wochenende berichtete.

Die Mitglieder der Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) werden in der Mail als „Schweine“ und „Marionetten der Siegermächte“ des Zweiten Weltkriegs tituliert. Sie hätten die Aufgabe, das deutsche Volk klein zu halten, „indem molekulare Bürgerkriege in den Ballungszentren durch Überfremdung induziert werden sollen“. Überdies sei Deutschland als Staat gar nicht souverän und die Justiz bis hinauf zum Verfassungsgericht korrumpiert.

Die 38-Jährige Unternehmensberaterin Weidel, die bislang das bürgerlich-liberale  Aushängeschild der AfD sein sollte, bestreitet vehement, Urheberin der Mail zu sein. Ein Parteisprecher bezeichnete den Zeitungsbericht als „Fake News, um die AfD aus dem Bundestag herauszuhalten“. Laut Darstellung der Welt am Sonntag soll Weidel versucht haben, die Berichterstattung über dieses Thema durch Anwälte zu stoppen.

„Die Mail macht deutlich, wie tief der Rassismus und die Ablehnung der Demokratie in der AfD verankert sind“, sagte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Jan Korte, am Sonntag dieser Zeitung. Er ergänzte: „Wir müssen im Wahlkampfendspurt noch deutlicher machen, dass mit der AfD zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik extrem Rechte und Rassisten in den Bundestag einzuziehen drohen. Das wäre auch angesichts unserer Gesichte eine Schande für unser Land.“

Der Grünen-Innenexperte Volker Beck schrieb mit Bezug auf die vermeintliche Weidel-Mail auf Twitter: „Klingt nach Reichsbürgerin.“ Die rechte Reichsbürger-Bewegung behauptet, dass die Bundesregierung als legitimer und souveräner Staat gar nicht existiere und das Deutsche Reich fortbestehe.

Mail aus dem Jahr 2013

Die Mail, um die es geht, stammt aus dem Frühjahr 2013. Damals war Weidel noch nicht Parteimitglied. Sie begann laut Welt am Sonntag aber, sich im AfD-Vorläufer „Wahlalternative 2013“ zu engagieren. Der elektronische Brief soll an einen Vertrauten gegangen sein, der sich inzwischen offenbar mit Weidel überworfen hat.

Der Zeitung liegen nach eigener Darstellung eine eidesstattliche Versicherungen sowie weitere Aussagen vor, aus denen hervorgehen soll, dass die heutige AfD-Spitzenkandidatin tatsächlich die Urheberin der Mail ist. Sie stammten alle aus dem ehemaligen Bekanntenkreis Weidels in Frankfurt am Main, dem Banker, Kaufleute und Unternehmensberater angehört haben sollen. Die politischen Äußerungen Weidels hätten deren Bekannten damals zunehmend irritiert, heißt es. Zwei Frauen aus der Runde sollen Weidel sogar per Brief ihre Freundschaft aufgekündigt und ihr „Brandstiftung“ vorgeworfen haben. „Mit Leuten wie Dir wird die AfD wirklich gefährlich“, schrieben die Frauen demnach.

Weidel gehört der AfD seit 2013 an, 2015 wurde sie in den Bundesvorstand gewählt. Gemeinsam mit dem stellvertretenden Parteichef Alexander Gauland ist sie Spitzenkandidatin für die bevorstehende Bundestagswahl. Die Partei hofft, mit der international vernetzten Unternehmensberaterin auch im Wirtschaftsmilieu punkten zu können. Weidel, die in einer eingetragenen Partnerschaft mit einer Frau lebt, ist promovierte Volkswirtin und arbeitete in der Vergangenheit unter anderem für den Allianz-Konzern. Zuletzt hatte sie vor allem durch das vorzeitige Verlassen einer TV-Wahlsendung und den Abbruch eines Interviews Aufmerksamkeit erregt. Kritiker warfen ihr vor, gezielt Eklats herbeigeführt zu haben, um sich in den Medien im Gespräch zu halten.