Vor 30 Jahren, am Vormittag des 11. Oktober 1987, wurde die Leiche des früheren Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel in einem Genfer Hotelzimmer gefunden.

Der CDU-Politiker lag bekleidet in einer mit Wasser gefüllten Badewanne. Die Untersuchungen ergaben, dass er an einem giftigen Medikamentencocktail gestorben war – ob er ihn in Suizidabsicht selbst nahm oder ein Mörder ihm das Gift verabreicht hatte, ist bis heute ungeklärt.

Auch deshalb, weil Heinrich Wille, der damalige Chefermittler im Verfahren „wegen Verdachts des Mordes zum Nachteil des Dr. Dr. Uwe Barschel“, seine Nachforschungen im Jahr 1998 auf Druck von Vorgesetzten und aus der Politik ergebnislos einstellen musste. Zuvor hatte Wille sich öffentlich darüber beklagt, vom Bundesnachrichtendienst belogen worden zu sein.

Heinrich Wille durfte Spur nicht weiter verfolgen

Gesagt hatte das der Lübecker Oberstaatsanwalt, nachdem er dank einer überraschenden Zeugenaussage auf eine heiße Spur gestoßen war, die zu Verwicklungen Barschels in geheime Waffengeschäfte und zu einem handfesten Mordmotiv zu führen schien.

Diese Spur aber durfte Wille nicht weiter verfolgen. Sie hätte sowohl den BND als auch die bayerische Landesregierung in Erklärungsnot bringen können – diesen Schluss legen bislang unbekannte Akten der DDR-Staatssicherheit und des Schweizer Nachrichtendienstes nahe, die diese Zeitung einsehen konnte.

Der Zeuge, um den es hier geht und der die Barschel-Ermittlungen 1995 zunächst noch befeuerte, war der Waffenhändler Josef Messerer aus Söcking am Starnberger See. Messerer war den Behörden ins Visier geraten, weil sein Auto am 9. Oktober 1987, einen Tage vor Barschels Tod, beim Überfahren einer roten Ampel in Bayern angeblich geblitzt worden war.

Der Bayer erhob Einspruch gegen den Mahnbescheid, ein Irrtum liege vor, sagte er. Er habe sich am 9. und 10. Oktober nachweislich in Zürich und Genf aufgehalten. Als Beleg schickte sein Sohn die Kopie einer Kalenderseite seines Vaters an die Ordnungsbehörden.

Darauf waren unter dem 9. Oktober fünf Namen eingetragen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei den Personen um drei Vertreter der iranischen Rüstungsindustrie und einen Vermittler aus Nordkorea. Der fünfte Name in der Reihe aber war – Barschel. Dahinter ein Pfeil, der auf den 10. Oktober wies, wo das Wort „Ende“ stand.

Mit einer Schmalfilmkamera

Noch heute kann sich Wille gut an diesen Zeugen Josef Messerer erinnern. „In seiner offiziellen Vernehmung im April 1995 bestätigte er das Zusammentreffen in Genf, bestritt aber, dass Barschel daran teilgenommen habe“, sagt Wille. „Dessen Namen habe er angeblich nur als Gedankenstütze nachträglich dazugeschrieben.“

Der Vernehmung schloss sich dann noch ein informelles Gespräch mit der Staatsanwaltschaft an, in der Messerer plötzlich doch auf Barschel zu sprechen kam. Er schilderte dessen Mitwirken an früheren internationalen Waffengeschäften und erzählte, dass der CDU-Politiker nach seinem politischen Absturz in Folge der sogenannten Barschel/Pfeiffer-Affäre iranische Waffenhändler mit der Preisgabe ihrer Geschäfte mit Deutschland gedroht habe, wenn er nicht zehn Millionen Dollar Schweigegeld erhalte.

„Die Erzählung des Zeugen klang ziemlich weit hergeholt, und auch unsere Nachprüfungen ergaben, dass der Mann in der Vergangenheit den Behörden mit allerlei Schwindelgeschäften und gefälschten Unterlagen aufgefallen war, was seine Glaubwürdigkeit nicht gerade untermauerte“, erinnert sich Wille. „Aber ein Detail seiner Erzählung entpuppte sich dann doch als Volltreffer.“

Messerer schilderte nämlich auch den angeblichen Mord an Barschel, den ein gemeinsames Killerkommando iranischer und nordkoreanischer Agenten ausgeführt haben soll. Angeblich sei die Tat im Zimmer 317 des Beau Rivage mit einer Schmalfilmkamera aufgenommen worden.

Auf diesem Film, von dem er eine Kopie „als Lebensversicherung“ an einem geheimen Ort im Ausland aufbewahre, sei laut Messerer unter anderem zu sehen, wie die Täter eine chemische Substanz in ein Whiskyfläschchen aus der Minibar füllen, bevor Barschel es austrinkt.

Dass auch in der kleinen Johnnie-Walker-Flasche Gift gewesen sein soll, die Beamte der Spurensicherung 1987 in Barschels Hotelzimmer gefunden hatten, war neu für die Lübecker Ermittler. Als sie in Genf nachfragten, erfuhren sie, dass das Fläschchen nicht untersucht wurde, aber noch Restbestände aus dem Inhalt vorhanden seien.

Messerer der "Spinner"

Lübeck ließ den Flüssigkeitsrest toxikologisch analysieren. Das Ergebnis bestätigte Messerers Angaben: In der Neige aus dem Whiskyfläschchen konnte noch nach neun Jahren der Wirkstoff Diphenhydramin nachgewiesen werden.

Dieses Mittel, mit dem Menschen in einen willenlosen Zustand versetzt werden, war zuvor auch in Barschels Körper gefunden worden, ohne dass die Ermittler bis dahin wussten, wie er diese Substanz zu sich genommen hatte.

Als nach dem Analyseergebnis Messerer Anfang 1997 noch einmal vernommen wurde, auch mit dem Ziel, an den Film zu kommen, stoppte die Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen. Messerer sei ein „Spinner“, die Spur gestorben, bedeuteten die Vorgesetzten Oberstaatsanwalt Wille.

Millionenumsätze mit Waffengeschäften

Dabei hätte die „Spur Messerer“ bei den Nachforschungen zu Barschels geschäftlichen Aktivitäten und einem daraus entspringenden Mordmotiv durchaus erfolgversprechend sein können.

Das zeigen die jetzt erstmals ausgewerteten Akten aus dem Berner Bundesarchiv und der Stasi-Unterlagenbehörde. Sie führen zu einer Gruppe von fünf westdeutschen Geschäftsleuten, deren Aktivitäten sowohl vom Schweizer Nachrichtendienst als auch von der Stasi mit Hilfe mehrerer Informanten aufmerksam verfolgt wurden.

Die Gruppe war mit ihrem Firmennetz in der Schweiz und Liechtenstein während des Iran-Irak-Krieges in die illegale Beschaffung von Rüstungsgütern für Teheran sowie in den High-Tech-Schmuggel nach Osteuropa involviert. Mittendrin in dieser Gruppe: Josef Messerer aus Söcking am Starnberger See, der mit seinen Geschäften einen Millionenumsatz erzielte.

Eine weitere zentrale Figur in diesem Netzwerk war Gerhard Schneider (Name geändert – d. Red.), ein umtriebiger Geschäftsmann aus Norddeutschland. Ein jahrelanger Geschäftspartner des Mannes sagte später bei der Lübecker Staatsanwaltschaft aus, dass er 1986 oder 1987 ein Treffen zwischen Schneider und Uwe Barschel im Restaurant des Genfer Hotels Noga Hilton beobachtet habe.

Treffen zwischen Schneider und Barschel

Zufällig habe er mit einem Bekannten in dem Café gesessen, als er auf die beiden aufmerksam geworden sei. Schneider hingegen hat stets bestritten, Barschel zu kennen.

In dieser Zeit war die Gruppe um Messerer und Schneider nach Erkenntnissen der Schweizer Sicherheitsbehörden bereits mehrfach mit illegalen Rüstungsgeschäften für den Iran aufgefallen. Im März 1987 – im zeitlichen Umfeld des angeblichen Treffens zwischen Schneider und Barschel – ging sie dann auch auf die DDR zu und bot Ost-Berlin die Vermittlung eines Auftrages der iranischen Revolutionsgarden an.

Es ging um die Lieferung von 8000 Militärlastern an das Ayatollah-Regime, das sich zu dieser Zeit im Krieg mit dem Nachbarland Irak befand.

Dieses Geschäft war nach einem Bericht der Stasi-Hauptverwaltung XVIII auch Gegenstand einer Beratung an jenem 9. Oktober 1987, an dem Messerer nach eigener Aussage zunächst in Zürich und anschließend in Genf gewesen sein will.

An diesem 9. Oktober – einen Tag später sollte Barschel in Genf sterben – trafen zwei DDR-Außenhändler in Zürich ein, um mit ihrem Verhandlungspartner Schneider über den Lkw-Deal mit Iran zu sprechen.

Beide Waffenhändler unterhielten Beziehungen zu bayerischen Spitzenpolitikern

Vermutlich war auch zeitweise Messerer dabei, der nach dem Treffen nach Genf weiterreiste, wo er – wie es der Kalendereintrag beweist – den damaligen Chef der iranischen Revolutionsgarden, Rafiq Dust, und dessen Begleiter aus Teheran sowie einen nordkoreanischen Vermittler zu geschäftlichen Absprachen traf.

Dabei dürfte es auch um das Lkw-Geschäft mit der DDR gegangen sein, denn Messerer war hierbei in der Folgezeit einer der beiden Hauptansprechpartner für Ost-Berlin und Teheran.

Die herausgehobene Rolle, die Schneider und Messerer in diesem Deal und in weiteren illegalen Rüstungsgeschäften jener Zeit spielten, ist auch deshalb interessant, weil beide Waffenhändler gleichzeitig offenbar auch Beziehungen zu bayerischen Spitzenpolitikern unterhielten. So war Messerer den Stasi-Berichten zufolge ein Ansprechpartner des damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, wenn es um Geschäfte mit Entwicklungsländern ging.

Messerer fiel dem Schweizer Nachrichten Dienst bereits auf

1988 etwa kam es zu Kontakten zwischen Strauß und dem angolanischen Präsidenten dos Santos, in deren Folge laut einem MfS-Bericht auch ein von dem CSU-Chef vermittelter Kreditvertrag für das südafrikanische Land ausgehandelt werden sollte. Messerer weilte den Stasi-Berichten zufolge in diesem Zusammenhang mehrfach in der Münchener Staatskanzlei, um unter anderem ein Lkw-Geschäft zwischen Ost-Berlin und Luanda zu vermitteln, das aus diesem Kredit bezahlt werden sollte.

Dass Messerer bereits zwei Jahre zuvor dem Schweizer Nachrichtendienst aufgefallen war, weil er mit einem Partner Radargeräte amerikanischer Herkunft an Teheran liefern wollte, beeinträchtigte seinen Zugang zur bayerischen Regierungsspitze erstaunlicherweise nicht.

Was dafür spricht, dass sich der Geschäftsmann nicht nur mit der Münchener Staatskanzlei, sondern auch mit dem BND gutgestellt haben dürfte – denn der deutsche Geheimdienst war von seinen Schweizer Kollegen ausweislich der im Berner Bundesarchiv liegenden Akten bereits im Oktober 1986 über das illegale Radargeschäft in Kenntnis gesetzt worden.

Ein spezieller Zugang

Dass dennoch eine Warnung des BND vor Messerer an das Strauß-Büro unterblieb, könnte dafür sprechen, dass der Waffenhändler vom Starnberger See auch Kontakte zum BND unterhalten haben könnte – was übrigens frühere Mitarbeiter des Dienstes unter der Hand bestätigen.

Wenn das so war, stellt sich aber die Frage, ob Messerer nicht auch dem BND über Barschels Aktivitäten in der Waffenhändlerszene das berichtet hatte, was er 1995 den Lübecker Staatsanwälten erzählte. Der BND schweigt dazu jedoch bis heute.

Neben Messerer – der 2008 starb – hatte offenbar auch der andere Kopf der Waffenhändlergruppe, Schneider, schon seit 1980 einen speziellen Zugang zur CSU-Spitze. Damals hatte die staatliche saudische Ölgesellschaft Petronim mit der bayerischen Ölhändlerorganisation Avia einen millionenschweren Liefervertrag abgeschlossen, der von Franz Josef Strauß mit eingefädelt worden war.

Die Journalisten Rudolf Lambrecht und Michael Mueller haben den Avia-Deal in ihrem 2010 erschienenen Buch „Die Elefantenmacher“ beschrieben. Unter Berufung auf ihnen vorliegende Gerichtsunterlagen schreiben die Autoren darin, dass ein Teil der Gelder aus diesem Deal über die Konten mehrerer Firmen floss – eine davon war ein Schweizer Unternehmen, zu dessen Inhabern neben einem weiteren Strauß-Vertrauten auch jener Gerhard Schneider gehörte, der 1987 der DDR das Lkw-Geschäft mit dem Iran vermittelte.

Schneider ließ Deal auffliegen

Zwei Jahre zuvor war Schneider mit dieser Firma in ein anderes Rüstungsgeschäft mit Teheran verwickelt gewesen. 1985 sollte er an der Lieferung von 20.000 TOW-Panzerabwehrraketen mitwirken, die ein britischer Waffenhändler eingefädelt hatte.

Schneider wandte sich jedoch an US-Behörden und ließ den Deal auffliegen. Die Geschichte sorgte seinerzeit für viel Aufsehen und ging durch die westlichen Medien. Der britische Auftraggeber wurde zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt, Schneider hingegen passierte nichts.

Den Lübecker Ermittlern waren seinerzeit diese Zusammenhänge um die Schneider/Messerer-Gruppe, ihre Waffengeschäfte mit dem Iran und der DDR sowie deren Kontakt zu Barschel nicht bekannt, sagt der frühere Chefermittler im Fall Barschel, Heinrich Wille, heute.

Was daran liege, dass sie Informationen oder gar Akten zu dieser Gruppe während der Ermittlungen weder aus der Stasi-Unterlagenbehörde noch vom BND erhalten hätten. „Dabei bin ich sicher, dass wir bei der Suche nach einem Tatmotiv und dem möglichen Mörder von Uwe Barschel vorangekommen wären, hätten wir diesen Faden aufgenommen und die Waffengeschäfte und Händlerszene weiter aufgeklärt“, sagt er.

Willes Vorgesetzter, der damalige Generalstaatsanwalt Heribert Ostendorf, aber verhinderte es im April 1997, dass die Ermittler tiefer in die bayerische Halbwelt von BND und Strauß-Amigos eintauchen. In einer Erklärung zum Ermittlungsstand im Fall Barschel stoppte er damals die von Wille geplanten Nachforschungen zur „Spur Messerer“.

„Weitere Abklärungen zur Frage der Glaubwürdigkeit, die der Leitende Oberstaatsanwalt (gemeint ist Wille – A.F.) für notwendig hält, sind überflüssig“, wies Ostendorf an. Ein Jahr später wurde die Ermittlungsakte zum Tod Uwe Barschels geschlossen. Ergebnislos.