RAF: Wie Jan-Carl Raspe mehreren DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte

Auf ihren IM „Karola“ hat sich die Stasi stets verlassen können. Die junge Architektin ist vom DDR-Geheimdienst gezielt in die Ostberliner Bauakademie eingeschleust worden. Sie arbeitet in der von Hermann Henselmann, dem Schöpfer der Karl-Marx-Allee, aufgebauten Experimentalwerkstatt, die sich mit dem Entwurf markanter Hochausprojekte für die DDR befasst. Das Universitätshochhaus von Leipzig und der Uni-Turm in Jena sind hier geplant worden. Eine Eliteabteilung, die aber auch im Visier des Mielke-Ministeriums steht. Denn seit dem Ausscheiden Henselmanns im Jahr 1972 haben in nur drei Jahren gleich fünf Architekten und eine Sekretärin der Experimentalwerkstatt versucht, aus der DDR zu fliehen. Nur drei von ihnen aber ist das Vorhaben auch geglückt, die übrigen flogen auf und wurden zu Haftstrafen verurteilt – auch dank des Stasi-Spitzels „Karola“.

Die junge Frau hat ihre Zuverlässigkeit also wiederholt unter Beweis gestellt. Aber die Geschichte, die sie im März 1975 erzählt und die zum Gegenstand einer schmalen, jetzt im MfS-Archiv aufgetauchten Akte wird, klingt dann doch etwas zu abenteuerlich. Ein Ingenieur, der mit ihr in der Experimentalwerkstatt arbeitet, will mit Hilfe von Terroristen der westdeutschen Baader-Meinhof-Gruppe in den Westen fliehen, berichtet IM „Karola“ am 18. März 1975 ihrem Führungsoffizier Hauptmann Stürzebecher.

Republikfluchthelfer Raspe

Doch Stürzebecher zweifelt. Die Baader-Meinhof-Gruppe, wie sich die erste Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) auch nennt, ist zu dieser Zeit kaum handlungsfähig. Der harte Kern – Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe – sitzt seit einigen Jahren in westdeutschen Gefängnissen. In zwei Monaten, im Mai 1975, soll der Prozess gegen das Quartett in Stuttgart-Stammheim beginnen. Es geht um versuchten Mord, Sprengstoffanschläge und Banküberfälle. Und jetzt soll sich die Baader-Meinhof-Gruppe auch noch um die Republikflucht eines ostdeutschen Architekten kümmern? Unglaublich.

„Karola“ jedoch beharrt auf ihrer Geschichte. Ihr Kollege G., mit dessen Familie sie gut befreundet sei, habe ihr im Vertrauen erzählt, dass er seit zwei Jahren mit einer zirka 25-jährigen Frau namens Inka* eng befreundet sei. Diese Inka wohne in Berlin-Weißensee in der Parkstraße und sei „die Schwester eines der führenden Köpfe der Baader-Meinhof-Bande“, erzählt „Karola“ laut dem IM-Bericht ihrem Führungsoffizier. „G. äußerte, dass er durch diese Inka die Möglichkeit habe, mit anderen Personen und dieser Inka die DDR … ungesetzlich zu verlassen“, heißt es in dem Treffbericht weiter. „Außerdem sei er durch diese Inka in einen Kreis gelangt, den er nicht mehr verlassen kann, da er zuviel um diese Gruppe weiß und er sich deshalb physisch bedroht fühle.“

Stürzebecher informiert seine Vorgesetzten von der MfS-Hauptabteilung XVIII, die für die Überwachung der Ingenieure und Architekten von der Bauakademie zuständig ist. Dort wendet man sich an die Stasi-Kreisdienststelle in Weißensee: Wissen die Genossen Tschekisten dort etwas über die geheimnisvolle Inka aus der Parkstraße?

Die Schwester von Raspe

Die Kollegen aus Weißensee melden einen Treffer: Bei der jungen Frau handele es sich um Inka Raspe aus der Parkstraße 87/88, die als medizinisch-technische Assistentin im diagnostischen Zentrum des Lichtenberger Oskar-Ziethen-Krankenhauses arbeitet. Sie ist die Schwester „des zum engeren Kreis der Baader-Meinhof-Gruppe gehörenden Raspe, Jan-Carl“, der bis zum Mauerbau 1961 in der DDR-Hauptstadt lebte. Die 26-Jährige sei „wegen ihrer Verbindungen nach der BRD, des illegalen Besitzes von D-Mark sowie Telefonaten nach der BRD und Westberlin operativ angefallen“, heißt es in der Stasi-Auskunft weiter. Sie lebe mit ihrer Mutter Charlotte, Jahrgang 1906, zusammen, die in der Vergangenheit Reisen nach Westberlin und in die Bundesrepublik unternommen habe. Bei diesen Gelegenheiten habe die Rentnerin auch ihren Sohn, den inhaftierten Terroristen Jan-Carl Raspe, mehrfach im Gefängnis in Köln besucht.

Schon zwei Tage nach dem Treff mit IM „Karola“ liegt ein Bericht mit ihrer Aussage in der Chefetage des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Zusammen mit einer aus westdeutschen Zeitungsmeldungen zusammengestellten „Information über den westdeutschen Bürger Jan-Carl Raspe“. Dem MfS ist der Führungskader der Baader-Meinhof-Gruppe zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbekannt. Zur RAF-Gründergeneration – anders als zu deren Nachfolgern – hatte die Stasi keinen Draht gefunden.

Notizen des RAF-Terroristen

In den überlieferten MfS-Akten über den RAF-Terroristen Raspe findet sich auch eine handschriftliche Notiz, verfasst von Michael „Bommi“ Baumann. Baumann, Mitbegründer der Westberliner Terrorgruppe „Bewegung 2. Juni“, war nach dem Bombenanschlag auf einen Yachthafen in Westberlin, bei dem ein Mensch starb, mit falschen Papieren untergetaucht. Auf seiner Flucht Richtung Syrien und Afghanistan wurde er im November 1973 in der DDR von der Stasi geschnappt. Sechs Wochen lang verhörten ihn Geheimdienstoffiziere, 165 Seiten umfassen die Vernehmungsprotokolle. Daneben lieferte Baumann auch noch einen 125 Seiten langen, handschriftlichen Bericht mit den Persönlichkeitsprofilen von 94 Kampfgefährten aus dem linksterroristischen Spektrum der Bundesrepublik. Über Jan-Carl Raspe und dessen Verhältnis zur RAF notierte er: „Raspe … passte nicht in den Haufen. Sehr still, lieb und bescheiden solidarisch. Pflichtbewusst, nicht gewalttätig. Kfz und Techniker der Gruppe.“

Hauptmann Stürzebecher und seinen Vorgesetzten im Staatssicherheitsdienst helfen diese dürren Angaben jedoch wenig weiter in der Frage, wie ernst man die mögliche Fluchthilfe der RAF für Raspes Schwester Inka nehmen soll. Noch mehr als die offensichtlichen Fluchtabsichten der jungen Frau und ihres Freundes aus der Bauakademie treibt die Stasi jedoch ein anderer Verdacht um – das „Bestehen aktiver Verbindungen zur Baader-Meinhof-Gruppe und … einer illegalen Gruppe auf dem Territorium der DDR“, wie es in einem Aktenvermerk heißt. Haben die westdeutschen Terroristen etwa schon Gefolgsleute im SED-Staat geworben? Um das aufzuklären, eröffnet die Stasi eine sogenannte operative Vorlauf-Akte mit der Deckbezeichnung „Primaner“. Der Name ist ganz offenbar eine Anspielung auf Jan-Carl Raspe, der als Primaner – also als ein Schüler, der kurz vor dem Abitur steht – die DDR verlassen hatte.

Geboren in Österreich

Geboren wurde Raspe am 24. Juli 1944 im österreichischen Seefeld. Seinen Vater, der dort eine chemische Fabrik besaß, hat er nie kennengelernt. Der Fabrikant starb vier Monate vor der Geburt seines Sohnes an Angina pectoris. Nach Kriegsende ging die Mutter Charlotte Raspe mit ihrem kleinen Sohn zurück nach Berlin. Dort war sie 1906 geboren worden, als Kind des Gartenbaumeisters Grille, der in der Weißenseer Parkstraße eine große Gärtnerei betrieb. Mitten auf dem Grundstück stand eine alte Villa, in der Charlotte geboren und aufgewachsen war. Nach dem Tod des Vaters erbten dessen Kinder Betrieb und Grundstück. Als die Söhne sich 1953 in den Westen absetzten, wurde der Gartenbaubetrieb enteignet. Charlotte Raspe behielt nur das Haus mit Grundstück in der Parkstraße 87/88. Dort lebte sie zusammen mit ihren beiden Schwestern und ihren drei Kindern.

„Jan war nie ein leichter, heiterer, fröhlicher, er war ein nachdenklicher Junge“, erzählte die Mutter Charlotte Raspe im Jahr 1975 dem Stern-Reporter Erich Kuby, der sie in Ostberlin besuchte. „Wenn er nachmittags aus der Oberschule nach Hause kam, wollte er allein sein.“ Tierlieb sei der Junge gewesen und lieb zu seinen Schwestern. „Wenn die Kinder Bonbons bekamen, teilte Jan sein Tütchen genau ein. Die Schwestern aßen alles auf einmal auf und bettelten dann den Bruder an, der immer weich wurde“, erzählte die damals 69-Jährige dem Reporter aus dem Westen.

Jan-Carl Raspe besucht damals die Johannes-R.-Becher-Schule. Er ist ein guter Schüler, aber der Weg zum Abitur bleibt ihm versperrt. Wegen „mangelnder gesellschaftlicher Betätigung“ sei ihr Sohn für eine höhere Schule nicht geeignet, wird der Mutter an der Becher-Schule gesagt. Jan sei schließlich weder bei den Pionieren noch bei der FDJ aktiv gewesen. Die Mutter schaut sich daraufhin in Westberlin um und meldet ihren Sohn an der Bertha-von-Suttner-Oberschule in Reinickendorf an. Ab Oktober 1958 fährt Jan-Carl Raspe jeden Tag mit der S-Bahn nach Westberlin zur Schule. Manchmal bleibt er auch über Nacht und schläft dann bei seinem Onkel Hans, dem Bruder seiner Mutter, in der Sophie-Charlotte-Straße.

Neues Leben in Westberlin

Am 12. August 1961 übernachtet er wieder in Westberlin. Als am Tag darauf die Mauer gebaut wird, bleibt er dort. So hatte er das zuvor auch mit seiner Mutter besprochen. Er kann sie davon überzeugen, dass es für ihn besser sei, sein weiteres Leben im Westteil der Stadt zu verbringen. Dort könne er sein Abitur machen und studieren, was ihm in der DDR versagt wurde.

Jan-Carl Raspe bleibt aber zunächst der Einzelgänger, der er auch schon in Ostberlin war. Sein Onkel, bei dem der 17-Jährige nun wohnt, beschreibt ihn später als scheu und kontaktarm. In der Schule sitzt der Junge immer in der letzten Reihe. In einer später von ihm verfassten Selbstdarstellung beschreibt Jan-Carl Raspe seine Kontaktschwierigkeiten, seine Autoritätsangst und seine Neigung zum Träumen und Phantasieren. „Immer wieder versucht er, die Welt in seinen Gedanken zu verändern“, schreibt der Autor Helge Lehmann in seinem Buch „Die Todesnacht von Stammheim“.

Später, da ist er Mitte 20, lernt er in Westberlin die Menschen kennen, mit denen er versucht, seine Träume von einer anderen Welt in die Tat umzusetzen. Raspe studiert inzwischen an der FU, erst Chemie, dann Soziologie. Er schließt sich dem SDS an, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, sitzt später sogar im Vorstand. Der 2. Juni 1967, an dem Benno Ohnesorg von dem Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras erschossen wird, ist auch für ihn eine Zäsur. Raspe zieht mit Freunden zusammen, gründet die „Kommune II“ in Westberlin. Seine Mutter besucht ihn 1968 dort, sie ist bereits Rentnerin und darf in den Westen reisen. Die anarchistischen Lebensumstände in der Kommune schockieren sie zwar, aber ihren Sohn erlebt sie dort weiterhin als nachdenklichen Jungen.

Ein Weg aus der DDR

In der „Kommune II“, der er schon 1969 wieder den Rücken kehrt, lernt Jan-Carl Raspe Marianne Herzog kennen, mit der er sich 1970 der RAF anschließt. Während seine Freundin schon ein Jahr später wieder aussteigt, wird er einer der führenden Köpfe der sogenannten ersten RAF-Generation. Im Juni 1970 trifft er sich im Grunewald noch einmal mit seiner Mutter. Kurz darauf geht Raspe in den Untergrund, beteiligt sich an den Anschlägen und Überfällen der Baader-Meinhof-Gruppe. Am 1. Juni 1972 wird er nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Frankfurt am Main festgenommen. Den Beamten gehen bei dieser Aktion auch Andreas Baader und Holger Meins ins Netz.

In Ostberlin erfährt Charlotte Raspe aus dem Radio von der Festnahme ihres Sohnes. Die 66-Jährige wohnt mit ihrer Tochter Inka in der altmodisch verwinkelten Villa in Weißensee. Ihre zweite Tochter lebt schon seit langem in München. Für die Mutter hat die Festnahme von Jan-Carl Raspe auch etwas Gutes – nun kann sie endlich ihren Sohn wiedersehen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen erlauben ihr die westdeutschen Behörden Besuche im Gefängnis von Köln-Ossendorf, wo der RAF-Terrorist bis zu seinem Prozess in Stuttgart-Stammheim untergebracht ist. „Es war schrecklich“, erzählte die Mutter 1975 dem Stern-Reporter Kuby. „Immer waren mindestens vier Wächter dabei. Ich durfte Jan nicht umarmen. Ein Gespräch war nicht möglich. Die erlaubte Zeit, eine Stunde, dehnte sich endlos hin.“

Auch Inka Raspe darf ihren Bruder einmal treffen. Im Sommer 1974 reist die damals 25-Jährige zu ihrer Schwester nach München, um an der Beerdigung ihres Neffen teilzunehmen. Von München aus fährt sie nach Köln, besucht Jan-Carl Raspe. Bei der Gelegenheit, so erfährt es die Stasi ein Jahr später durch ihren eifrigen Spitzel „Karola“, soll ihr der Bruder versprochen haben, die „Schleusung“ in den Westen zu organisieren. „Er hätte trotz Haft sehr guten Kontakt zu Angehörigen der Gruppe“, berichtet IM „Karola“. Das habe Inka Raspe ihrem Freund, dem Ingenieur G. aus der Bauakademie, erzählt. Und sie habe auch gesagt, dass die Mutter ihre Übersiedelung in den Westen vorbereite. „Sie wird gemeinsam mit ihrer Tochter, d.h. zum gleichen Zeitpunkt die DDR verlassen, da sie allen dummen Fragen und Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen möchte“, heißt es in dem Spitzelbericht.

Die Stasi-Operation

Der Stasi-Apparat läuft an, ein „Operativplan“ zum Vorgang „Primaner“ wird erarbeitet. Zielpersonen sind Mutter und Tochter Raspe sowie der inhaftierte RAF-Terrorist. Es geht darum, „durch zielgerichtete Maßnahmen ein umfassendes Bild über die beteiligten Personen zu erhalten“ und die Verdachtsmomente für eine Republikflucht „weiter zu verdichten“. Vor allem die Mutter will man im Auge behalten, weil deren „ständige Reisen … in die BRD, die als Verwandtenbesuche abgedeckt werden, … eine Verbindung zu der Baader-Meinhof-Gruppe (Mitglieder oder andere der Gruppe nahestehende Personen, z.B. Rechtsanwälte) möglich erscheinen“ lassen. Darüber hinaus sollen die Nachbarn der Raspes in Weißensee befragt, Post und Telefon überwacht und auf der Arbeitsstelle der Tochter weitere Informanten angeworben werden.

In den überlieferten Akten des Vorgangs „Primaner“ finden sich dann auch zwei Briefe, die Raspe aus dem Gefängnis an seine Schwester geschrieben hat. In dem einen, verfasst am 17. Juni 1975, bestellt er Platten und Bücher bei ihr. „Vermutlich hast Du ja schon gehört, dass ich hier jetzt n Plattenspieler hab“, schreibt er aus seiner Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim nach Ostberlin. „Versuch doch mal, was zu schicken … Bach/Monteverdi/Händel/Gluck. Dann ne Sonate von Schumann, glaube: op. 96 … Violinkonzerte von Brahms und die Sachen von Brecht/Weil – Opern, Songs etc.“. Natürlich alles in Stereo, denn er habe dort ein Stereogerät. „Was Du auch mal schicken kannst: Es gibt da in der blauen Marx-Engels Ausgabe zwei Bände mit Briefen.“ Der mit Maschine geschriebene Brief ist handschriftlich mit „Gruß, Jan“ unterzeichnet.

Briefe aus dem Gefängnis

Die Stasi analysiert den Brief, kann aber keine versteckten Hinweise in der Musikbestellung erkennen. Auch ein anderer Brief an die Schwester, bereits im September 1974 noch aus dem Gefängnis in Köln-Ossendorf an die Parkstraße in Weißensee verschickt, scheint keine versteckten Verabredungen über eine Fluchthilfe zu enthalten. Im Gegenteil: Der Brief offenbart eher einen Konflikt zwischen den Geschwistern, weil Inka ihrem Bruder bei ihrem Besuch im Sommer und in einem anschließenden Brief offensichtlich Vorwürfe machte, weil er sich der RAF angeschlossen hatte. „Haste ja mitgekriegt, dass ich auf Deinen Brief, den letzten, Juli, nicht reagiert habe“, schreibt Jan-Carl Raspe seiner Schwester. „Ich habe ihn gelesen und weggeschmissen, weil ich mit dieser Art von Briefen nichts anfangen kann – sie gehen an mir vorbei, weil diese Person, Figur, die Du da in Deinen Vorstellungen konservierst oder richtiger: überhaupt erst herstellst, jedenfalls mit mir nichts zu tun hat. … Ich hatte Dir bei Deinem Besuch auch gesagt, wie Du damit umgehen kannst … Und wenn es nichts zu sagen gibt, dann schreib nicht. Sehr einfach.“

Auch die abgehörten Telefonate von Inka mit ihrer Tante in Westberlin liefern der Stasi keine Anhaltspunkte dafür, dass eine Flucht bevorstehen könnte. Stattdessen erzählt die Tochter beispielsweise bei einem Gespräch am 19. Mai 1975 vom Besuch ihrer Mutter bei Jan in Stammheim, wo die RAF-Häftlinge einen neuerlichen Hungerstreik planen würden. „Die Mutter fand ihn ganz wohlaussehend, doch die wollen ab morgen wieder hungern. Damit wollen sie erreichen, dass sie aus ihrer Einsamkeit befreit werden und wieder miteinander Hofgang machen können“, heißt es im Protokoll des Telefonats.

Im Mielke-Ministerium scheint man ein wenig ratlos zu sein, wie die Staatsmacht mit den angeblichen Fluchtplänen der Familie Raspe umgehen soll. Ein hartes Durchgreifen, wie es die Stasi in solchen Fällen häufiger praktiziert, ist keine Alternative. Zum einen ist die Reaktion auf eine mögliche Verhaftung schwer abzuschätzen – hat Jan-Carl Raspe aus dem Gefängnis heraus noch solchen Einfluss auf die RAF, eine Vergeltungsaktion in der DDR anzuordnen? Zum anderen ist da die SED-Führung, als deren Schild und Schwert sich ja das MfS versteht. Dort betrachtet man das Agieren der RAF etwas wohlwollender als bei der Stasi. Während Mielke und seine Generäle das linksintellektuelle Gerede von Stadtguerilla und bewaffnetem Kampf suspekt bleibt, gibt es in der SED-Führung immerhin einige, die – vielleicht in Reminiszenz an den eigenen Untergrundkampf in Nazi-Deutschland – nicht ohne Sympathie auf die jungen und idealistischen Kämpfer aus dem Westen schauen.

Annäherung an die RAF

Deutlich wird das an einem Aufsatz über Ulrike Meinhof, den der Ostberliner Anwalt Friedrich Karl Kaul 1974 verfasst. Kaul ist ein sogenannter Vertrauensanwalt der SED, er besitzt Zugang zum inneren Machtzirkel der SED. Und daher ist es naheliegend, dass sein Text – der am 16. April 1974 zeitgleich in der Ostberliner „Weltbühne“ und dem Hamburger Magazin für Kultur und Politik, „das da“, erscheint – von SED-Chef Erich Honecker abgesegnet worden ist und die Haltung der DDR-Spitze zur RAF ausdrückt. In seinem Text zeigt Kaul Verständnis für Meinhof und damit indirekt auch für deren Kampfgefährten. Meinhofs „politisches Wollen (ist) auf die Veränderung der gesellschaftlichen und sozialen Ordnung der Bundesrepublik gerichtet“, schreibt Kaul. Zwar schließen Marxismus und individueller Terror einander aus, doziert der Anwalt, aber es sei „einzig die Ungeduld“ gewesen, die Ulrike Meinhof auf den Weg des Terrorismus gebracht habe. „Trotzdem darf schon im Interesse der historischen Wahrheit bei der menschlichen Bewertung ihrer Handlungsweise nicht unbeachtet bleiben, dass Ulrike Meinhof in einer von persönlicher Ich-Sucht und materieller Besitzgier strotzenden Umwelt die menschliche Größe aufgebracht hat, für die Verwirklichung ihrer Idee alles zu opfern: Familie, Kinder, Beruf, du dass sie darüber hinaus sogar ihr Leben dafür aufs Spiel setzte“, zollt der Autor der Terroristin Respekt.

Mit der publizistischen Annäherung an die RAF verfolgt die SED knallharte politische Interessen. So ebnet der Kaul-Aufsatz den Weg dafür, dass der Ostberliner Anwalt ein Mandat von Andreas Baader für den Stammheim-Prozess erhält. Später wird der westdeutsche DKP-Anwalt Karl Pfannenschwarz in Absprache mit Ostberlin der internationalen Untersuchungskommission beitreten, die die Umstände des Todes von Ulrike Meinhof 1977 in Stammheim aufklären soll. Durch die Anwaltsmandate bekommt die SED-Führung Zugang zu allen Prozess- und Kommissionsunterlagen. Aus den Dokumenten verspricht sich die DDR Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen in der bundesdeutschen Justiz, mit denen man bei der anstehenden KSZE-Folgekonferenz in Belgrad im September 1977 auf mögliche Vorwürfe der westdeutschen Regierung reagieren könnte. Das Kalkül scheint schließlich aufzugehen: In Belgrad hält sich die Bundesregierung mit offener Kritik am SED-Regime auffallend zurück, obgleich nach der Ausweisung des Liedermachers Wolf Biermann ein Jahr zuvor die Unterdrückung der Opposition in der DDR zugenommen hat.

Terroristen in die DDR

Nach dem Deutschen Herbst 1977 übernimmt die Stasi das Problem RAF. 1978, als Inge Viett zusammen mit drei anderen Kampfgefährten in der CSSR festgenommen wird, schickt das MfS eine kleine Abordnung nach Prag. Die RAF-Terroristen werden in die DDR geschleust und in wochenlangen Gesprächen davon überzeugt, ihren bewaffneten Kampf zu beenden und unter falscher Identität ein „normales“ Leben in der DDR zu führen. Weitere RAF-Kader folgen dem Angebot aus Ostberlin. Zehn Terroristen sind es schließlich, die sich zum Ausstieg und einem zivilen Leben in Ostdeutschland überreden lassen.

Zurück ins Jahr 1975. Stasi-Hauptmann Stürzebecher und seinen Vorgesetzten ist klar, dass sie sich mit ihrer Bearbeitung der Familie Raspe in einem politischen Minenfeld bewegen. Und so beschränkt man sich vorerst auf die Beobachtung der Zielpersonen. Telefon und Post werden weiter überwacht, Spitzel in Stellung gebracht und jede Reise der Mutter zu ihrem inhaftierten Sohn registriert. Allerdings gestaltet sich die „operative Bearbeitung“ von Mutter und Tochter Raspe als kompliziert, da beide sehr zurückgezogen leben und sich abkapseln. „Sowohl im Freizeitbereich als auch im Arbeitsbereich ist das Heranbringen eines IM nicht möglich“, beklagt sich die Stasi.

Ein „Sachstandsbericht“ zum Vorgang „Primaner“ vom November 1975 gibt schließlich Entwarnung. „Verbindungen zur Baader-Meinhof-Gruppe oder anderen linksradikalen Kreisen konnten, soweit sie über familiäre Belange hinausgehen, nicht festgestellt werden“, heißt es in dem Papier. Zudem „konnten keine Beweise zu dem bestehenden Verdacht des ungesetzlichen Verlassens der DDR erarbeitet werden“.

Im Februar 1976, schließt die Stasi den Vorgang „Primaner“ ergebnislos ab. Charlotte und Inka Raspe werden „unter allgemeine operative Kontrolle gestellt“, heißt es in dem Vermerk. „Bei operativer Notwendigkeit wird die Bearbeitung erneut aufgenommen.“ Offenbar hat es diese operative Notwendigkeit aber nicht gegeben. Weitere MfS-Akten über die Mutter und die Schwester des RAF-Terroristen sind noch nicht aufgetaucht. Jan-Carl Raspe tötet sich am 18. Oktober 1977 in Stammheim. Charlotte und Inka Raspe bleiben in dem Haus in der Parkstraße wohnen. 2001 stirbt die Mutter, sie ist auf dem Weißenseer Friedhof beigesetzt. Tochter Inka, heute Ende 70, war auf Anfrage zu einem Gespräch nicht bereit.

Auf dem Grundstück der alten Weißenseer Gärtnerei befinden sich heute ein Supermarkt und ein Hotel. Die alte Villa der Raspes ist verschwunden – in der Parkstraße 87/88 steht nun eine Wohnanlage.

* Name geändert