Rafal Trzaskowski.
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WarschauEs ist ein schwüler Sonntagabend in Warschau, kurz vor 21 Uhr. Die Bars sind voll, die Menschen prosten sich zu, während die Videoprojektoren heiß laufen. Es wird nicht Fußball gezeigt, sondern die Berichterstattung zur ersten Runde der polnischen Präsidentschaftswahlen. Elf Kandidaten sind aufgestellt, aber nur ein Mann hat wirklich eine Chance, den amtierenden Präsidenten Andrzej Duda herauszufordern: Er heißt Rafał Trzaskowski und führt das Land gerade aus einem politischen Koma. Erstmals seit 2015, seit der totalen Machtübernahme der nationalkonservativen Regierungspartei PiS, könnte Polen einen neuen Kurs einschlagen – einen proeuropäischen. Ein Wort, das man in Warschau lange nicht mehr gehört hat.

Rafał Trzaskowski, aktuell der Bürgermeister von Warschau, ist der neue Hoffnungsträger der Liberalen. Dabei hat er seine Kandidatur einem Zufall, nämlich der Corona-Krise zu verdanken. Eigentlich war die Kandidatin Małgorzata Kidawa-Błońska aufgestellt. Doch als die Wahl im Mai wegen der Pandemie verschoben werden musste, entschloss sich die größte Oppositionspartei, die Bürgerplattform PO, dazu, wegen der schlechten Umfragewerte die Karten neu zu mischen und alle Hoffnungen auf den talentiertesten Politiker aus ihren Reihen zu setzen: den 48-jährigen Trzaskowski. Der ganzen Opposition ist klar: Wenn es dem charismatischen Bürgermeister nicht gelingt, am nächsten Sonntag zu gewinnen, dann dürfte dies niemandem gelingen.

Als das Ergebnis der ersten Wahlrunde verkündet wird, steht Trzaskowski auf einem Platz vor einem hippen Kaufhaus im Zentrum von Warschau. Sein Hemd glänzt weiß, sein blauer Anzug wirkt maßgeschneidert, die Hitze scheint ihm nichts anzuhaben. Und auch das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der regierungsnahe Präsident Andrzej Duda kommt auf 43 Prozent, Trzaskowski immerhin auf 30. Der Rest verteilt sich auf die neun anderen Kandidaten. Eine absolute Mehrheit kann niemand erreichen, also müssen die beiden bestplatzierten Duda und Trzaskowski bei einer Stichwahl gegeneinander antreten. Der Herausforderer ist zufrieden, denn der Wahlkampf war kurz und schmutzig. Andrzej Duda konnte auf die ungeteilte Unterstützung des Staatsfernsehens TVP bauen, das in nahezu nordkoreanischer Manier den Amtsträger als Heilsbringer und den Konkurrenten als Volksfeind inszeniert hat.

Jetzt geht der Kampf in die heißeste Phase. Am 12. Juli müssen die Polen entscheiden, was sie wollen: eine Machtkonzentration aufseiten der Regierung samt aller autokratischen Maßnahmen wie der Gleichschaltung der Gerichte und der Medien. Oder eben einen Präsidenten, der der Regierung auf die Finger schaut und die radikalsten Reformen durch sein Veto-Recht blockiert. Eigentlich geht es genau darum: ob jemand der PiS-Regierung den Wind aus den Segeln nehmen kann. Denn in Polen fungiert der Staatspräsident als letzte Kontrollinstanz. Aktuell ist diese Funktion ausgehebelt, denn Andrzej Duda ist der verlängerte Arm des heimlichen Herrschers Jarosław Kaczyński, Vorsitzender der PiS-Partei. Die Frage ist nun, wie groß der Wunsch der Bevölkerung ist, das Land in eine neue Richtung zu lenken oder zumindest das Kräfteverhältnis wieder in Balance zu bringen.

Wenn man sich in diesen Tagen in Warschau umhört, merkt man, dass Liberale und Intellektuelle seit langer Zeit wieder so etwas wie Hoffnung verspüren. Erstmals wird nicht mehr abgewunken, wenn es um Innenpolitik geht, sondern heißblütig debattiert. Linke, Liberale, Schwule, Feministen, Künstler hoffen darauf, dass sich eine kleine Mehrheit der Polen von der Rhetorik Trzaskowskis begeistern lässt. Klar, er ist kein Linker, sondern ein Wirtschaftsliberaler, aber immerhin ein bekennender Europäer mit tolerantem Programm. In Umfragen kündigt sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen an. Trotzdem überwiegt bei der Opposition die Befürchtung, dass Duda die Wiederwahl gewinnt und Polen für die nächsten vier Jahre, vielleicht sogar fürs nächste Jahrzehnt, in die Isolation manövriert.

Dass es überhaupt eine Chance auf einen Richtungswechsel gibt, ist allein Trzaskowski zu verdanken. Sein Erfolg beruht auf einer Strategie, die die liberale Elite in Polen lange nicht verstanden hat. Der Warschauer Bürgermeister legt Wert auf eine positive, menschennahe Inszenierung. Er ist ein Intellektueller, ohne arrogant zu wirken. Er ist gebildet, ohne besserwisserisch zu sein. Der Mann, dessen Vater ein bekannter Jazz-Musiker war, präsentiert sich nicht so verbissen wie der ehemalige liberale Ministerpräsident Donald Tusk oder so geleckt wie der ehemalige Außenminister Radosław Sikorski. Stattdessen ist er warmherzig, klug und erstaunlich uneitel.

Die Macht dieser Inszenierung hat auch damals Barack Obama in sein Amt geholfen – in einem Land, das sich später für die Rhetorik eines Donald Trump, eines Charismatikers ex negativo empfänglich zeigte. Dieses Beispiel beweist, dass krasse Richtungswechsel in polarisierten Gesellschaften durchaus möglich sind. Die Überzeugungskraft einer positiven Führungsfigur könnte also auch in Polen dem tief verwurzelten Nationalismus Einhalt gebieten. Wenn man Trzaskowski beim Reden erlebt, spürt man diese Energie. Man kann sich sogar vorstellen, dass selbst entfernte Wählergruppen – etwa betagte Großmütter im Osten Polens – sich nachts dabei erwischen, unchristlich von Trzaskowski zu träumen. Zugeben würde eine Konservative so etwas nicht. Aber Wahlen sind wie Träume ja schließlich geheim.

Diese Äußerlichkeiten wären nur eine Randnotiz wert, wenn die westliche Welt – und damit ist Polen mitgemeint – nicht eine Phase erreicht hätte, in der Wahrheiten zweitrangig und die Empfindungen der Massen wahlentscheidend geworden wären. Mit Intelligenz und Fremdsprachenkenntnissen allein kann man Wahlen nicht mehr gewinnen. Aura und Charme, eine digitale Strategie und eine hohe Akzeptanz in den weniger privilegierten Gesellschaftsschichten sind viel wichtiger geworden, zumal in Ländern mit großer Landbevölkerung.

Das Wissen um die emotionale Manipulierbarkeit des Wählerwillens hatten bislang eher rechte Politiker für sich genutzt. Auch die polnische Regierungspartei PiS ist geschult darin und hat im Wahlkampf wieder gezeigt, mit welchen Halbwahrheiten und Ängsten sie die Wähler für sich begeistern will. Besonderes Opfer dieser Verschärfung der Tonlage sind die Schwulen- und LGBT-Bewegungen, die in Polens Staatsmedien als aggressive Neo-Marxisten präsentiert werden, die – so die Inszenierung – aggressiver als das Coronavirus zu wüten scheinen und nichts anderes vorhaben, als Polens Familien in transsexuelle Patchwork-Gewebe zwangszuverwandeln.

Dass das Quatsch ist und dass diese Gruppen zu den Schwächsten in der Gesellschaft gehören, wollen viele polnische Erzkonservative nicht wahrhaben. Die Propaganda-Kanäle der Regierungspartei brauchen sie als Feindbild, um von der Staatsverschuldung und dem wachsenden Zwist innerhalb der Partei abzulenken. Sie müssen vor der LGBT-Bedrohung warnen, um sich als Bewahrer der polnischen Werte zu inszenieren.

Für Trzaskowski ist diese Polarisierung eine Herausforderung. Denn auch der Liberale kann es nicht ändern, dass die meisten Polen im ländlichen Raum leben, konservativ sind und den Reformeifer der PiS-Partei mehrheitlich gutheißen. Daraus ergibt sich ein Dilemma: Trzaskowski darf den Schwulen- und Linkenbewegungen nicht zu nahe kommen, um für die Konservativen noch wählbar zu bleiben. Zugleich darf er seine Stammwählerschaft und seine liberalen Werte nicht verraten. Das Ergebnis ist, dass seine Inhalte bei allem Charisma beizeiten verwaschen wirken. Darüber hinaus biedert er sich bei rechten Wählergruppen an. Das hat dazu geführt, dass er sich sogar bei der neuen, neofaschistischen „Konfederacja“-Partei eingeschmeichelt hat, die gerade bei jungen Wählern erschreckend populär ist.

Würde das Angela Merkel auch bei NPD-Wählern tun? In Deutschland ist das aktuell ausgeschlossen. Trzaskowskis Strategie ist aus der Not geboren und der wachsenden Radikalisierung der Gesellschaft geschuldet. In der Hoffnung, die Gerichte und die demokratische Verfasstheit des Staates zu retten, werden zähneknischend Schulterschlüsse gesucht, die noch vor ein paar Jahren unmöglich gewesen wären. Man sollte Trzaskowski für diesen Schachzug nicht aburteilen. Er muss mit einer tief gespaltenen Gesellschaft fertig werden, die auch im Rest Europas Wirklichkeit werden und die etablierte Politik in unangenehme Zwangslagen führen könnte. Nicht nur deshalb sollte der Westen den Wahlausgang in Polen ganz genau beobachten.