Immer ran ans Büfett, wenn es schon eröffnet ist!
Illustration: Getty Images/iHideyuki Suzuki

BerlinIn der Schule diskutiert meine Tochter jetzt häufiger über Geschlechtergerechtigkeit. Dabei gebe es immer einige Jungen, berichtet sie, die unwirsch darauf hinwiesen, dass inzwischen ja längst die Männer diskriminiert würden. „Die verstehen einfach nicht, dass Feminismus nichts Aggressives ist“, sagt sie. „Den Männern soll ja nichts weggenommen werden. Wir wollen nur Gleichberechtigung.“

Da liegen sie Satz an Satz beisammen, die Schönheit und das Elend des Themas. Denn doch: Feminismus muss notwendig etwas Aggressives sein. Wer seinen Anteil will, muss ihn denen wegnehmen, die ihn längst unter sich aufgeteilt haben. Und da reicht es nicht, zu sagen: Jetzt bin ich dran! Da muss man sich den Job, die Freiheit, das Geld und die Deutungshoheit unter Umständen einfach nehmen. Das ist schwer, wie man daran sieht, wie stark unterrepräsentiert Frauen in politischen Funktionen und den vielzitierten Aufsichtsräten sind. Oder in universitären Positionen.

Eine Freundin, die Gleichstellungsbeauftragte in einer wissenschaftlichen Institution ist und einer Runde männlicher Amtsträger vorschlug, ab jetzt nur noch Frauen in ihre Reihen aufzunehmen, bis Parität erreicht sei, erntete den ehrlich entsetzen Ausruf: „Aber die Qualität darf doch nicht leiden!“ Deutschland im Jahr 2020 und obwohl Gleichstellung ein überall erklärtes politisches Ziel ist! Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass Frauen es sich in der Tat oft dreimal überlegen, ob sie ein Amt annehmen und sich ganz vorne aufstellen. Sie fragen sich, ob sie wirklich die Richtige sind. Und vielleicht auch, ob das Privatleben nicht unter der Aufgabe leiden wird. Sie sind gründlich, lassen andere ausreden, versuchen, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Männer haben weniger Skrupel: und wollen – mit Shakespeare – den Löwen immer auch noch spielen. Ja, es ist ein Klischee, aber deswegen nicht weniger wahr. Machen Sie den Praxistest, schauen Sie sich um! Ob es am Testosteron oder an der Erziehung liegt – die Mischung aus einem Unterschätztwerden und dem Sich-überfordert-Fühlen lähmt Frauen oft am meisten.

Die wichtigste Maßnahme, die aus dem „Runden Tisch Frauen in Kultur und Medien“ resultierte, der auf Anregung von Staatsministerin Monika Grütters 2017 getagt hatte, ist ein Mentoringprogramm für weibliche Führungskräfte, das diesen Herbst in die vierte Runde geht. Knapp 30 hochgestellte Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur, Fernsehen oder Theater beraten Frauen, die seit Jahren aus der zweiten Reihe heraus den Männern in der ersten den Rücken freihalten. Wie schaffen sie es, die gläserne Decke zu durchbrechen, die sie mit sich herumtragen als sei sie ihr ureigener Kopfschmuck? Wie lernt man es, an der richtigen Stelle Nein und im wichtigen Moment Ja zu sagen? Auch wenn es immer mehr Beispiele von Frauen in Spitzenpositionen gibt, ist allein die Tatsache, dass sie auffallen, Beweis dafür, wie weit es zur Normalität noch ist.

Ob die zunehmende Fluidität von Geschlechterkategorien dazu beitragen wird, dass auch binäre Menschen Zuschreibungen besser von sich fernhalten können? Es wäre zumindest eine Hoffnung. Aber wie kann man als gelernte Frau schon jetzt den Sprung über den Graben schaffen, der die Fleißigen von den Verantwortlichen trennt? Der Kulturrat, in dessen Gefüge auch das Mentoringprogramm angesiedelt ist, hat für seine Klientel vor ein paar Tagen einen umfangreichen Katalog von Gerechtigkeitsforderungen vorgelegt, der von A wie anonymisierte Auswahlverfahren über G wie Gehaltstransparenz bis zu V wie vermehrte Teilzeitangebote für Führungspersonen reicht. Das alles hilft und schürt das Momentum, das es für Gleichstellung gibt.

Aber die allerbeste Gelegenheit nutzt nichts, wenn man sie nicht ergreift. Und da sind nun die Frauen selbst gefordert. Zu erwarten, dass am Tisch serviert wird und man nicht ans Büfett stürzen muss, ist der Fehler, den Frauen, die sich als Feministinnen bezeichnen, in Zeiten der Paritätsgesetzgebung häufig machen. Wie sehr die Qualität leidet, wenn eine Einrichtung die Quote nicht erfüllt, wird erst deutlich, wenn sich genug Frauen ein gewisses Maß an Aggressivität abnötigen, wenn sie ihren Gestaltungswillen ernst nehmen und bereit sind, sich in die verbale Schusslinie zu begeben. Wenn sie da sind. Statt untereinander zu klagen, sollten gut sichtbar die Hände hochgehen: Hier sind wir! Feminismus hat nichts Behagliches. Die Schuljungs, die sich darüber beschweren, haben die Idee schon ganz richtig verstanden. Verhältnisse verändern zu wollen, reicht nicht. Man muss auch wollen, dass sie dann anders sind.