John McWhorter fand so einiges an der Jussie-Smollett-Geschichte von Anfang an seltsam. Zum einen: Was haben zwei weiße Trump-Anhänger an einem bitterkalten Abend in einer vornehmen, vorwiegend schwarzen Wohngegend von Chicago verloren, einer Stadt, in der Trump-Anhänger ohnehin dünn gesät sind? Zweitens: Wie kommt es, dass sich zwei „Make America Great Again“-Fanatiker als Ziel für eine Hass-Attacke Jussie Smollett aussuchen – einen TV-Star aus der zweiten Reihe, der in einer hauptsächlich für ein schwarzes Publikum gedachten Serie einen schwulen Rapper spielt? Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Leute jemals von Smollett gehört haben und auch noch wissen, dass er schwul ist?

Nach ersten Ermittlungen wurde Inszenierung von Smollett klar

Doch McWhorter, Linguist an der New Yorker Columbia University, wischte wie so viele liberale Amerikaner solche Zweifel erst einmal weg, als er Ende Januar hörte, dass Smollett in der Nähe seiner Wohnung in Chicago von zwei rassistischen Trump-Fanatikern attackiert worden sein sollte. Die Details passten bestens in das Weltbild eines linken schwarzen New Yorkers. Natürlich passiert so etwas im Amerika Trumps: Ein erfolgreicher schwarzer Schwuler wird auf offener Straße angefallen, mit Bleiche übergossen und bekommt eine Schlinge, Symbol des jahrhundertealten Rassenhasses in Amerika, um den Hals gelegt, während man ihn mit homophoben Parolen diffamiert.

So stimmte McWhorter erst einmal in den Chor der Entrüstung ein, der sich in den sozialen Medien ergoss, nachdem Smollett den Vorfall bei der Chicagoer Polizei zur Anzeige brachte. Doch als nach ersten Ermittlungen immer klarer wurde, dass Smollett die Attacke nicht nur erfunden, sondern sie mit der Gewissenhaftigkeit des Berufsschauspielers durchinszeniert hatte, musste sich McWhorter eingestehen, dass er reflexhaft die Münchhausiade gekauft hatte, weil sie allzu sauber in sein eigenes vorgefertigtes Weltbild gepasst hatte.

Smollett-Fall zeigt Spannungen in Amerika

Auch wenn Smollett es noch immer leugnet: Die Angreifer, zwei seiner nigerianischen Schauspielkollegen aus der Serie „Empire“, haben gestanden, von Smollett bezahlt worden zu sein, um den Angriff publikumswirksam im Aufnahmeradius von Überwachungskameras durchzuführen. Der genaue Ablauf, die Positionen, alles war genauestens durchgeprobt.

Statt einmal mehr zu bestätigen, dass der Hass, den Donald Trump und die Seinen schüren, immer unverfrorener ins Öffentliche drängt, scheint der Smollett-Vorfall nun eine ganz andere Wahrheit über das Amerika des Jahres 2019 zu erzählen. Er ist nur der jüngste einer langen Liste von Fällen, in denen jemand aus den tiefsitzenden Spannungen zwischen den Rassen in Amerika Kapital zu schlagen versucht. In der Regel müssen dabei Schwarze als Sündenböcke herhalten – etwa bei den Fällen von Charles Stuart 1989 oder Susan Smith 1994. Beide begingen schwere Verbrechen und lenkten den Verdacht bewusst auf Schwarze. In Einzelfällen wurden die Stereotype auch in die entgegengesetzte Richtung ausgebeutet – wie im Fall von Tawana Brawley im Jahr 1987, die behauptete, von mehreren weißen Männern vergewaltigt worden zu sein. Ihr Motiv war mutmaßlich, der Gewalttätigkeit ihres Stiefvaters zu entgehen.

„Durst nach Ruhm und ein bisschen zu wenig Analysefähigkeit“ als Grund für die Inszenierung

Im Fall von Smollett ist die Motivlage auf den ersten Blick eher undurchsichtig. Die Vermutung des Chicagoer Polizeichefs Eddie Johnson, der 36-Jährige habe so gehandelt, um sein Gehalt beim TV-Sender Fox hochzutreiben, hält genauerer Betrachtung nicht stand. Smollett hatte sich noch bei niemandem über die Bezahlung beklagt, am wenigsten bei seinen Vorgesetzten. Seine Entlohnung von rund 100.000 Dollar pro Folge gilt als angemessen für einen Schauspieler seines Standings.

Die Theorie von John McWhorter scheint da weiterzuführen. Smollett hat viel von seinem Markenwert der Tatsache zu verdanken, dass er eine überzeugende Historie von Bürgerrechtsaktivismus vorweisen kann. Smolletts Mutter war Mitglied der Black Panthers, er selbst hat sich Zeit seines öffentlichen Lebens für alles von der Aids-Hilfe bis hin zum Widerstand gegen Polizeigewalt eingesetzt.

Wie McWhorter zu Beginn dieser Woche in einer Kolumne für den Atlantic schreibt, hat Smollett nun offenbar entdeckt, dass es im derzeitigen Klima des Landes gut ankommt, wenn man Opfer rechtspopulistischer, rassistischer und homophober Gewalt ist. „Wie schafft man in unserer Zeit ein politisches Statement, das so monumental ist, wie die Aussagen von Martin Luther King oder Malcolm X?“, fragt McWhorter. „Mit ein bisschen zu viel Durst nach Ruhm und ein bisschen zu wenig Analysefähigkeit kann man leicht zu der Überzeugung kommen, dass der Weg über das Durchleben einer solchen Attacke führt.“

Karriereschub für Jussie Smollett wird ausbleiben

Verkürzt gesagt hat Jussie Smollett für sich zumindest die potenzielle Vermarktbarkeit des „Opfer-Chics“ entdeckt. Leider hat er sich dabei so dämlich angestellt, dass die Late-Night-Talker sich tagelang an den Details gelabt haben. Warum etwa jemand mit einer Schlinge um den Hals, die man ihm gewaltsam angelegt hat, in eine Polizeistation marschiert, blieb ein Mysterium. Es sei denn, es ging darum, einen dramatischen Auftritt zu inszenieren.

Der mutmaßlich erhoffte Karriereschub für Smollett wird ausbleiben. Seine Rolle in der Serie „Empire“ hat er bereits eingebüßt. Der Sache des dringlichen Kampfes gegen den institutionellen und tief sitzenden Rassismus in Amerika hat er nicht minder geschadet als seiner eigenen Laufbahn. Jussie Smollett hat Trump und seinen Anhängern die größtmögliche Angriffsfläche geboten.

Ein Gutes kann McWhorter der Geschichte allerdings abgewinnen: Dass jemand glaube, er könne es in der Rolle eines Rassismus-Opfers weiter bringen als mit seiner Schauspielkunst, zeige immerhin, dass wir dem Rassismus heute eine größere Bedeutung beimessen – das sei „auf verquere Weise ein Zeichen dafür, dass wir heute weiter sind“.