Das Coronavirus greift immer stärker um sich.
Foto: AP/Mark Schiefelbein

Denken Spiegel-Redakteure an China, sehen sie nicht rot – sie sehen gelb. Bereits 1957 brachte das Nachrichtenmagazin ein Stück über Mao Tse-tung mit der Schlagzeile „Die gelbe Gefahr“. 1978 widmete das Blatt sich gar auf dem Titel jener ominösen „gelben Gefahr“ aus Fernost. Diesmal ging es um Geo-Politik, um einen Pakt zwischen Japan und China, durch den sich die damalige Sowjetunion „eingekreist“ gefühlt haben soll. Und 2007 warnte der Spiegel, ebenfalls auf dem Titel, vor „gelben Spionen“, die „deutsche Technologie“ ausspähten.

Und nun das: In seiner aktuellen Ausgabe konstatiert das Nachrichtenmagazin in Bezug auf das Coronavirus: „Made in China“. Die drei Worte prangen – wie sollte es auch anders sein? – in knalligem Gelb auf dem Titelbild.

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Der Titel kann so verstanden werden, als hätten die Chinesen, das gefährliche Virus hergestellt. Und tatsächlich kursieren in sozialen Netzwerken Verschwörungstheorien, die genau das insinuieren: Das Virus, das eine gefährliche Lungenkrankheit verursacht, an der weltweit mehr als 17.000 Menschen erkrankt und der rund 360 von ihnen zum Opfer gefallen sind, sei in Labors gezüchtet worden, heißt es dort.

Dass dies Unsinn ist, weiß man natürlich auch beim Spiegel. Von daher sind Beteuerungen von Spiegel-Redakteuren glaubhaft, man habe das Siegel „Made in China“ verwendet, um aufzuzeigen, welche Auswirkungen das Coronavirus auf die boomende Wirtschaft des Landes habe. Und so geht es in der dazugehörigen Titelgeschichte vor allem um Ökonomie. Rassistische Untertöne findet man in dem Text an keiner Stelle.

Dennoch: Darf man in Zeiten, da Rassismus in Deutschland in immer mehr Milieus wieder salonfähig wird, mit einer so zweideutigen Titelzeile um Leser buhlen? Erst vergangenen Freitag wurde in Berlin-Moabit eine Chinesin von zwei Frauen rassistisch beleidigt, bespuckt, an den Haaren zu Boden gerissen, geschlagen und getreten. In der chinesischen Community Berlins wird der Vorfall mit dem Spiegel-Artikel in Verbindung gebracht. Das jedoch ist ein Ding der Unmöglichkeit: Die aktuelle Ausgabe des Nachrichtenmagazins mit dem „Made in China“-Cover erschien erst vergangenen Sonnabend.

So oder so: Die chinesische Botschaft schreibt auf ihrer Website, der Titel sei ein Dokument „radikaler Diskriminierung“. Man „verachte“ ihn. Ein in deutscher Sprache verfasster Tweet ist diplomatischer formuliert. Dort heißt es „Panikmache und Schuldzuweisung“ nütze keinem. Den Adressaten dieser Mahnung findet man erst am Ende der Textnachricht. Dort steht die Twitter-Adresse @derspiegel.

Wahr ist aber auch, dass das deutsche Nachrichtenmagazin im internationalen Vergleich noch ziemlich zurückhaltend getitelt hat: Die dänische Zeitung Jyllands-Posten hielt es für eine gute Idee, die gelben Sterne in der chinesischen Nationalflagge durch stilisierte gelbe Coronaviren zu ersetzen. Und der französische Courier picard rief auf seinem Titel einen „gelben Alarm“ aus und schrieb an anderer Stelle von einer „neuen gelben Gefahr“. Dafür hat sich das Blatt mittlerweile entschuldigt.

Der Begriff „Gelbe Gefahr“ kam Ende des 19. Jahrhunderts auf. Er sollte Ressentiments gegen ostasiatische Völker schüren, insbesondere gegen China. Dass er mit Rassismus eine ganze Menge, mit gutem Journalismus aber eher nichts zu tun hat, liegt auf der Hand. Aber gilt das im Zusammenhang mit dem Coronavirus auch für die in gelben Lettern gedruckte Schlagzeile „Made in China“? Der Titel ist zumindest ebenso geschmacklos wie die Idee der Bild-Zeitung, im Kontext mit der Pandemie allen Ernstes die Frage aufzuwerfen, ob man jetzt „noch Glückskekse essen“ dürfe.

Der Vorwurf des Rassismus ist in Bezug auf den Spiegel-Titel aber doch überzogen. Er ist eher ein Dokument der Einfallslosigkeit. Denn gelb sehen die Redakteure des Nachrichtenmagazins nicht nur, wenn es um China geht. Das tun sie auch, wenn sie an die FDP denken: 2005, 2006 und 2015 zierten Spiegel-Geschichten über die Liberalen die wenig originelle Schlagzeile: „Die gelbe Gefahr“.