Eine Reservebank. 
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BerlinNeulich besuchte ich meinen Freund Theo in Greifswald. Morgens lasen wir in der Ostsee-Zeitung diese laut Theo „nicht untypische“ Geschichte: Vor zwei Jahren hatten Flüchtlinge aus Syrien in Greifswald den FC Al Karama gegründet. Karama bedeutet Würde; und tatsächlich schaffte es der neue Club in die Kreisliga. Jetzt aber zieht er sich zurück, nachdem die Spieler zum zweiten Mal beim VSV Lassan zu Gast gewesen waren, also in jenem entlegenen Städtchen am Peenestrom, das Wolf Biermann in der „Ballade von der alten Stadt Lassan“ als über fünf Jahrhunderte in sich schlummernd besungen hat. Ganz anders bei besagtem Fußballspiel. Da skandierte am 25. Juli 2020 eine urgermanische Zuschauerhorde mit Kurzhaarschnitt und Bomberjacken „Wir sind gar nicht rechtsradikal!“ – in ihrer Mitte ein rassereiner Deutscher mit Schweinskopfmaske. Zwei Männer reckten den Arm zum Hitlergruß, einer brüllte „Sieg Heil!“.

Zum Besuch des Spiels hatte die – ebenfalls vor zwei Jahren geschaffene - Facebook-Seite „Fußball im Kreis bleibt weiß“ getrommelt. Ihr Logo besteht aus dem DDR-Ährenkranz, der einen grimmigen Reichsadler umschließt, und ist im Schwarz-Weiß-Rot der Reichskriegsflagge gehalten. Die nur eines gebrochenen Schriftdeutsch mächtigen Rassisten präsentieren sich so: „Wir sind eine Seite die gegen eine Asyl-Mannschaft im Amteurfußball sind.“ Gemeint ist die Flüchtlingsmannschaft. Das Motto „Fußball im Kreis bleibt weiß“ riecht nach Volksverhetzung. Aber das kümmert in dieser angebräunten Ecke Deutschlands weder die Polizei noch den Staatsanwalt oder Facebook.

Ibrahim Al-Najjar lebt seit 1993 in Greifswald. Er ist Deutscher, Integrationsbeauftragter des Kreises und Präsident des FC Al Karama. Obzwar zähneknirschend, neigt er zur Anpassung: „Natürlich finden wir das doof, aber was sollen wir machen?“ Er schlägt vor, die arabische Mannschaft mit „deutschen“ Spielern zu verstärken. Die gäbe es. Allerdings „sehen sie eben nicht aus wie Deutsche und werden auch angefeindet“.

Als am 30. November 2019 der Volkssportverein (VSV) Lassan schon einmal gegen den Al Karama antrat, wurden die Gäste aus der Mitte von rund 300 Zuschauern mit vollen Bierbechern beworfen. Der Trainer von Al Karama, Mohamed Alkhalif, bezeugte: „Zu Beginn des Spiels ist es üblich, dass sich die Spieler per Handschlag begrüßen. Das war in Lassan nicht der Fall. Während des Spiels haben wir immer wieder Affenlaute vernommen.“ Anders als die Polizei wollte Schiedsrichter Björn Wudke von all dem nichts bemerkt haben. Der Trainer der nordisch-hellhäutigen VSV-Mannschaft, René Mattausch, kommentierte: „Für das Verhalten der Fans bin ich nicht verantwortlich.“ Der Bürgermeister von Lassan, Fred Gransow (CDU), hatte das Spiel nicht gesehen, befand jedoch: „Man kann keiner Seite die Schuld geben. Beide haben sich hochgeputscht und gegenseitig provoziert.“

Bei der Bundestagswahl 2017 erzielte die AfD in Lassan 24,7 Prozent und die NPD 11,4 Prozent der Zweitstimmen. Ende 2019 hatte Al Karama den 10. Platz der Kreisliga erobert, während der VSV Lassan auf Platz 12 rangierte. Merke: Erfolgreiche Integration führt nicht zum Ende von Diskriminierung, sondern häufig zu neidgetriebenen, noch schärferen Formen rassistischen Hasses.