Hanau - Als Ajla Kurtović am Abend des 19. Februar 2020 schlafen gehen will, bekommt sie eine Nachricht auf ihrem Handy: In der Innenstadt soll es einen Überfall gegeben haben. Oder eine Schießerei. Ajla Kurtović tauscht mit ihrem Vater noch kurz ein paar Handynachrichten aus, dann geht sie ins Bett.

Am nächsten Morgen, vor fast genau einem Jahr, so erzählt Kurtović bei einem Online-Gespräch Anfang Februar 2021, sei ihr Handy voller Nachrichten gewesen. Dann kam der Anruf ihres Vaters: Ajlas Bruder Hamza sei in der vergangenen Nacht angeschossen worden. Man habe ihnen gesagt, die Verletzungen seien nur leicht. Hamza sei im Krankenhaus, wo genau, wüssten sie nicht, sie warteten bei der Polizei.

Als Ajla Kurtović ebenfalls bei der Polizeistation eintrifft, wissen ihre Eltern immer noch nicht, wo Hamza ist. Im Krankenhaus, heißt es. In welchem, bleibt unklar.

Was passiert ist, erfahren Ajla Kurtović und ihre Familie erst später, inzwischen kann man es in unzähligen Berichten nachlesen: Am Abend des 19. Februar, kurz vor 22 Uhr, erschießt der 43-jährige Tobias R. in zwei verschiedenen Bars in der Innenstadt drei Männer, bevor er in sein Auto steigt und zum Kurt-Schumacher-Platz im Hanauer Stadtteil Kesselstadt fährt. Dort erschießt er auf der Straße, in einer Bar und in einem Kiosk sechs weitere Menschen, dann fährt er nach Hause. In den frühen Morgenstunden des 20. Februar führen Hinweise aus der Bevölkerung die Polizei zum Wohnhaus des Täters; dort finden die Beamten den Attentäter; er hat erst seine Mutter und dann sich selbst getötet.

Warum konnte der Täter einfach weitermorden?

Familie Kurtović wartet am frühen Morgen des 20. Februar auf Nachrichten. Irgendwann, erzählt Ajla Kurtović, und ihre Stimme zittert für einen Moment, habe dann jemand eine Liste mit den Todesopfern der Schießerei verlesen. Darunter der Name ihres Bruders: Hamza Kurtović. Er wurde 22 Jahre alt.

„Für uns ist die Welt in diesem Moment stehen geblieben“, sagt seine Schwester.

Heute, ein Jahr später, läuft die Welt weiter und steht trotzdem still. Noch immer, sagt Ajla Kurtović an diesem Vormittag im Februar, wüssten sie, ihre Familie und die Angehörigen der anderen Opfer nicht, was genau in jener Nacht passiert ist. Obwohl der Tathergang rekonstruiert wurde, bleiben viele Fragen offen, zu viele, um irgendwie abschließen zu können mit der furchtbaren Tat.

Warum hat man uns nicht gesagt, in welchem Krankenhaus mein Bruder liegt?

Ajla Kurtović, Hamzas Schwester

Warum konnte der Täter, nachdem er bereits drei Menschen erschossen hatte, in sein Auto steigen, zum nächsten Tatort fahren und dort weitermorden? Wie konnte es sein, dass der Polizeinotruf in der Tatnacht nicht einwandfrei funktionierte? Warum konnte ein psychisch kranker Mensch legal Waffen erwerben? Das psychiatrische Gutachten wird dem 43-Jährigen nach der Tat eine paranoide Schizophrenie bescheinigen, auch wird sich herausstellen, dass er schon einmal wegen einer schizophrenen Psychose in einer psychiatrischen Klinik behandelt wurde. Trotzdem konnte Tobias R. Mitglied eines Schützenvereins werden.

Eine der drängendsten Fragen für Ajla Kurtović und ihre Familie: Warum hat es so lange gedauert, bis sie Hamza sehen durften? „Warum hat man uns nicht gleich in der Nacht gesagt, in welchem Krankenhaus mein Bruder liegt?“, fragt Ajla Kurtović. Das, sagt sie, sei „unmenschlich“ gewesen. Außerdem habe die Polizei ihren Eltern die ganze Nacht über Hoffnung gemacht. „Noch am Morgen haben sie meinen Eltern gesagt: ‚Ihr Sohn ist nur leicht verletzt, machen Sie sich keine Sorgen.‘ Dabei ist Hamza schon kurz nach Mitternacht verstorben.“ Tatsächlich vergeht eine ganze Woche bevor Ajla, ihre Geschwister und ihre Eltern den toten Hamza wiedersehen werden – in der Gerichtsmedizin.

Autopsie ohne Einwilligung der Familie

Hier erhebt Armin Kurtović, Ajlas und Hamzas Vater, schwere Vorwürfe. Denn sein Sohn sei ohne die eigentlich nötige Einwilligung der Familie obduziert worden, ohne seinen Eltern und Geschwistern die Chance zu geben, sich vorher von ihm zu verabschieden. Armin Kurtović sieht seinen Sohn erst nach der Autopsie wieder. „Sie haben meinen Sohn aufgeschlitzt – diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, sagt Kurtović in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Andreas Jäger ist der Opferbeauftragte der Stadt Hanau, er hat die Familien der Ermordeten das letzte Jahr über begleitet, hat ihnen geholfen, Kontakt zu Behörden herzustellen, ihnen bei der Organisation eines Umzugs geholfen, wenn die Nähe zum Tatort unerträglich wurde. Und vor allem hat er zugehört. Auch er sagt, dass die offiziellen Anfragen in Richtung Polizei bisher ungehört verhallt seien.

Auch für Jäger bleibt die Tat ein Jahr danach unbegreiflich. „Als ich am Morgen des 20. Februar von dem Anschlag gehört habe, war mein erster Gedanke: ‚Das ist doch nicht hier passiert. In Hanau werden doch keine Leute erschossen.‘“ Man könne sich als Stadt nicht auf so etwas vorbereiten, sagt Jäger. „Es ist für mich immer noch unvorstellbar, dass ein Hanauer Hanauer erschießt.“

So unbegreiflich die Tat ist – unangekündigt kam sie nicht.

Schon Tage zuvor hatte der Täter auf seiner Website ein Manifest veröffentlicht, 24 Seiten lang und gespickt mit rassistischen Fantasien und Verschwörungstheorien. Auch hatte er, so viel ist inzwischen belegt, bereits im November 2019 verschwörungsideologische Strafanzeigen bei der Generalbundesanwaltschaft und der Staatsanwaltschaft Hanau gestellt. Schon damals gingen die Ermittler von einer psychischen Krankheit aus.

Als ich von dem Anschlag gehört habe, war mein erster Gedanke: ‚Das ist doch nicht hier passiert. In Hanau werden doch keine Leute erschossen.‘

Andreas Jäger, Opferbeauftragter der Stadt Hanau

Dass ein psychisch kranker Mann legal Waffen besitzen durfte, können die Angehörigen nicht verstehen. Genau wie die Tatsache, dass nichts geschah, obwohl der Täter seine Vorhaben im Internet angekündigt hatte. Auch dass mehrere Medien in der Mordnacht über eine sogenannte Milieutat spekulierten, hat die Familien der Opfer schwer erschüttert.

Sichtbare Konsequenzen aus der Politik vermissen Ajla Kurtović und die anderen Angehörigen der Opfer bis heute. Auch mehrere Migrantenverbände und Anti-Rassismus-Organisationen fordern eine umfassendere Aufklärung der Tat.

Liisa Pärssinen, Leiterin der hessischen Beratungsstelle Response für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, kritisiert zudem, dass die Opferfamilien vom Land Hessen nicht ausreichend unterstützt würden. „Den Angehörigen der Opfer wird kaum zugehört und sie müssen sich Hilfe selbst hart erkämpfen“, sagt Pärssinen. Die geleisteten finanziellen Mittel reichten nicht aus, auch gebe es nicht genug Therapieplätze, um die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer ausreichend zu betreuen. Response fordert einen Opferfonds für Betroffene rechter Gewalt.

Der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent glaubt, dass die Behörden, die Medien, die Politik seit dem Attentat in Hanau dazugelernt haben. „Rassismus wird inzwischen beim Namen genannt.“ Aber immer noch, auch ein Jahr später, habe sich die Erkenntnis nicht durchgesetzt, dass es sich bei den rassistischen Taten, bei den Morden des NSU, dem Attentat auf Walter Lübcke, bei den Anschlägen in Hanau und Halle um die Folgen eines institutionellen Rassismus gehandelt habe, einem, der seit Jahrhunderten gewachsen sei.

„Stattdessen wird oft das Bild eines psychisch gestörten Einzeltäters verbreitet, des ‚einsamen Wolfes‘, der aus seinem Wahn heraus handelt.“ Immerhin: Inzwischen hat die Bundesregierung einen 89-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus vorgelegt. „Das bedeutet zumindest, dass man erkannt hat, dass Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist“, sagt Quent. „Ein Problem, das wir als Gesellschaft lösen müssen.“

Eine Entschuldigung der Polizei gab es nicht

In Hanau selbst, sagt Ajla Kurtović, sei die Solidarität nach dem Anschlag riesig gewesen. Überhaupt gelten ihre Vorwürfe nicht der Stadt. „Die Stadt Hanau und der Oberbürgermeister standen an unserer Seite“, sagt die junge Frau. Ein Gespräch mit der Polizei hingegen hat immer noch nicht stattgefunden, auch eine Entschuldigung gab es nicht. Ihre Fragen und die der anderen Familien bleiben unbeantwortet.

Das ist umso quälender, weil es kein Verfahren geben wird. Der Täter ist tot. Kein Gericht wird klären können, wie es zu der Tat kommen konnte, an welcher Stelle Fehler gemacht wurden, was hätte verhindert werden können. Trotzdem hoffen die Angehörigen der Opfer, irgendwann Antworten zu bekommen. Sie vertraue immer noch auf den Rechtsstaat, sagt Ajla Kurtović, aber dieses Vertrauen werde auf eine harte Probe gestellt.

Ihr Bruder und die anderen Opfer hatten sich ja alle sicher gefühlt, vorher, vor dem 19. Februar 2020, in Hanau, in ihrer Heimat. Natürlich habe es auch vor der Tat Rassismus gegeben, sagt Ajla Kurtović. Auch in Hanau. Aber: „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal persönlich davon betroffen sein würde.“

Zur Ruhe kommt die Stadt auch aus einem anderen Grund nicht. Der Vater des toten Attentäters soll Angehörige und Freunde der Opfer am Rande von Mahnwachen mehrfach beleidigt haben. Auch hat der 73-Jährige die Mordwaffe seines Sohnes laut Medienberichten von der Staatsanwaltschaft zurückgefordert. Diese soll inzwischen Klage gegen ihn erhoben haben, auch die Angehörigen der Opfer haben Medienberichten zufolge Anzeige erstattet.

Die Familien und Freunde der Opfer vom 19. Februar sind eng zusammengerückt – so eng, wie es die Corona-Pandemie gerade zulässt. Es helfe ihr, sich mit den Geschwistern der anderen Ermordeten zu treffen, sagt Ajla Kurtović. „Wir müssen dabei nicht viel sagen. Sie haben ja das Gleiche erlebt wie ich. Sie spüren den gleichen Schmerz.“

An diesem Freitag, am 19. Februar 2021, ein Jahr, nachdem ein psychisch kranker Mann aus rassistischen Motiven und voller Hass Jagd auf seine Mitmenschen machte und neun von ihnen tötete, wird Hanau an die Opfer erinnern. An Hamza Kurtović, Ferhat Unvar, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin.