Berlin - Im August 2019 forderte der Botschafter Nigerias, Yusuf Tuggar, von Angela Merkel die Rückgabe Hunderter Prunkstücke der Berliner ethnologischen Sammlung, die im Humboldt-Forum ausgestellt werden sollen. Es handelt sich um die weltberühmten Benin-Bronzen. Weil Botschafter Tuggar ohne Antwort blieb, fragte er jetzt per Tweet, wann und wie Merkel antworten wolle.

Zerstört wurde das am Fluss Niger gelegene Königreich Benin 1887 von britischen Marinesoldaten. Brandschatzend und schießend vernichteten sie die Residenzstadt, in der 50.000 Menschen lebten. Sie raubten „wahrscheinlich rund 10.000 Bronzen, Elfenbeinschnitzereien und andere Objekte“. Wie all das vonstatten ging und wie das Raubgut dann in Europa verschenkt und verhökert wurde, hat Dan Hicks, Professor für Archäologie und Anthropologie in Oxford, jüngst unter diesem Titel detailreich dargestellt: „The Brutish Museums. The Benin Bronzes, Colonial Violence and Cultural Restitution“. In Anspielung auf das Britische Museum, das ebenfalls Hunderte Benin-Schätze bunkert, nutzt Hicks das Adjektiv „brutish“, das bestialisch bedeutet.

Um die Berliner Diskussionen mit Fakten zu unterfüttern, sollte dieses Buch schnell auf Deutsch erscheinen. Eine spezielle Provenienzforschung ist im Fall der Benin-Bronzen nicht mehr erforderlich. Blickt man in die bewusst dürftige, allgemein zugängliche Datenbank der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), wird man lügnerisch in die Irre geführt. Setzt man zum Beispiel die Begriffskombination „Benin Webster William“ in die Suchmaske ein, erzielt man 58 Treffer und findet wundervolle Bronze-Objekte aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Über deren Herkunft im Zuge einer mörderischen Gewaltaktion wird nichts verraten, auch nichts über die Umstände des Erwerbs. Stattdessen wird ein William Downing Webster als „Sammler“ genannt. Der Mann war jedoch Hehler, der das Londoner Auktionshaus W.D. Webster betrieb und das in Benin Geplünderte namens der räuberischen Mordbrenner unter den Hammer brachte.

Trotzdem behauptete der SPK-Präsident Hermann Parzinger 2017 in einem Gespräch über möglicherweise geraubte Kunstwerke in den Sammlungen seiner Stiftung: „Wenn’s nach der gesetzlichen Lage geht, müssen wir auch NS-Raubkunst nicht zurückgeben.“ Parzinger fügte hinzu, dass es in diesem Fall „eben eine moralische Verpflichtung“ gegenüber den Nachfahren der verfolgten und ermordeten Juden gebe.

Deshalb restituiere man „unabhängig von der Rechtslage“. Mit anderen Worten: Parzinger erkennt gegenüber den kolonial unterworfenen ausgeplünderten Völkern keine rechtliche und moralische Verpflichtung zur Rückgabe an. Fern aller Tatsachen phantasiert er, die überwiegend geraubten Kulturgüter des ihm unterstellten Ethnologischen Museums seien „gutgläubig erworben“ worden.

Womöglich freuen sich nun die wenigen, immer gleichen Dekolonisierungsaktivisten und Säuberer angeblich beleidigender Straßennamen, die der Berliner Senat mit Steuermitteln päppelt. Aber aufgepasst! Das Königreich Benin konnte deshalb so lange bestehen und so bedeutende Kunstwerke hervorbringen, weil die Angehörigen der schwarzen Oberschicht sich massiv am Sklavenhandel beteiligten und Hunderttausende Afrikaner an Briten, Franzosen und vor allem Niederländer verkauften. Geschichte hält keine einfachen Wahrheiten parat.