Die RBB-Journalistin Maria Ossowski hat am Montag einen offenen Brief an den Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, auf Facebook veröffentlicht. In dem Brief antwortet sie auf seinen Vorwurf, die deutsche Gesellschaft würde nicht ausreichend Engagement gegenüber der Ukraine und den ukrainischen Flüchtlingen zeigen. Etwas Ähnliches hatte Melnyk im Gespräch mit der Bild-Redaktion angedeutet.

In dem Brief heißt es:

Seine Exzellenz,

Sehr geehrter Herr Botschafter Melnyk,

Sie beklagen sich aktuell über unsere mangelnde Gastfreundschaft ukrainischen Flüchtlingen gegenüber.

Sie kennen Kerstin nicht. Kerstin steht jeden Morgen um 4 Uhr oder zur Spätschicht am Fließband einer Großbäckerei. Als ich für die Kiewer Musiklehrerin Nadja und ihre zwei Kinder eine Bleibe suchte, ist Kerstin zu ihrem Freund gezogen und hat ihre Marzahner Mietwohnung fast kostenlos mit Vertrag den drei Flüchtlingen überlassen.

Sie kennen Barbara nicht. Barbara führt ein Kino, steht jeden Abend an der Kartenkontrolle. Barbara hat ihre Wilmersdorfer Wohnung geräumt für die Kiewer Geschäftsfrau Anna mit ihren Kindern Mascha und Wanja.

Sie kennen Jens nicht. Er ist ein freier Publizist und hat die schönste Datscha direkt an einem Brandenburger See frei gemacht. Für Tamara und Katja aus Kiew.

Sie kennen Dieter nicht. In einem seiner drei Zimmer in Steglitz sind Olga aus Kiew mit Anastasia und Wanja untergekommen.

Olga aus Odessa wohnt mit zwei Söhnen, einer ist schwerbehindert, ebenfalls mietfrei in Moabit bei einem Bekannten.

All meine helfenden deutschen Freunde sind nicht besonders wohlhabend. Wir unterstützen die Ukrainerinnen und ihre Kinder in sämtlichen administrativen und alltäglichen Belangen. Zudem haben wir sehr viel Spaß zusammen, gehen gemeinsam in die Oper, ins Konzert, in die Waldbühne zu Björk demnächst, auf Stadtteilfeste, wir kochen und feiern.

Wenn Sie mehr wissen möchten: Wir alle würden Sie einladen, aber unsre Wohnungen sind klein. Gern jedoch besuchen wir Sie in Ihrer Zehlendorfer Residenz oder in der Botschaft und berichten Ihnen von den vielen Hilfsbereitschaften. Machen Sie sich aber bitte wegen der Verpflegung keine Mühe.

Ich freue mich auf Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre

Maria Ossowski

(...)

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