Peking - „China-Killer“ nennen indische Boulevardmedien die neue Langstreckenrakete, die in der Lage sein soll, Atomsprengköpfe bis nach Peking oder Shanghai zu schicken. In der chinesischen Hauptstadt gab es am Donnerstag zunächst keine offizielle Reaktion auf den indischen Raketentest. Allerdings dürfte sich die Volksrepublik darin bestärkt sehen, dass eine weitere Aufrüstung und Expansion der chinesischen Einflusssphäre alternativlos ist.

Chinesische Medien und Experten warfen Indien vor, Feindseligkeiten zu schüren, bemühten sich aber gleichzeitig darum, die Bedeutung des Tests tiefzuhängen. Die einflussreiche Zeitung „Huanqiu Shibao“ warnte Indien davor zu glauben, die Rakete versetze das Land in die Lage, „gegenüber China eine arrogante Haltung in Territorialkonflikten einzunehmen“.

Seit einem Regionalkrieg im Jahr 1962 sind Teile der 3500 Kilometer langen Grenze noch immer umstritten. „Indien weiß genau, dass Chinas strategische Nuklearkräfte stärker und verlässlicher sind“, schreibt die Huanqiu Shibao. „In absehbarer Zukunft hat Indien keine Chance, einen umfassenden Rüstungswettkampf gegen China zu gewinnen.“ Chinas Nukleararsenal wird auf etwa 410 Sprengköpfe geschätzt, das indische auf 70.

Die Regierung in Delhi solle auch nicht ihre „westlichen Alliierten überschätzen oder den Profit, der sich daraus schlagen lässt, an der Eindämmung Chinas mitzuwirken“, so die Huanqiu Shibao. In Peking fürchtet man, dass die USA mit anderen Mächten in der Region eine antichinesische Allianz schmieden könnten. Um dem entgegenzuwirken, bemüht sich die chinesische Armee seit langem um eine Präsenz im Indischen Ozean. Als Brückenköpfe dienen den Chinesen unter anderem Marinebasen in Burma und Pakistan, Indiens Erzfeind.

China erinnert an gemeinsame Wirtschaftsinteressen

Du Wenlong von der Akademie für Militärwissenschaften betonte, die Inder hätten die Reichweite ihrer Rakete bewusst auf 5000 Kilometer beschränkt, um ein Zeichen gegen Peking setzen zu können, ohne Washington oder Moskau zu verschrecken. „Wäre die Reichweite 8000 Kilometer gewesen, wären auch die USA und Russland gegen diesen Test gewesen“, schrieb Du in einem Internetbeitrag.

Liang Yongchun, Militärkorrespondent von China National Radio, erklärte, der Raketentest sei vor allem symbolischer Natur. „Die Agni-5 ist 50 Tonnen schwer und es ist fraglich, ob Indien überhaupt geeignete Fahrzeuge hat, um sie im eigenen Land zu transportieren“, schrieb er in einem Internetbeitrag. „Außerdem ist Indiens Infrastruktur so schlecht, dass die meisten Brücken ein solches Gewicht gar nicht aushalten würden.“ Das Land solle seine Ressourcen lieber in den Aufbau der Volkswirtschaft stecken statt in militärische Abenteuer.

Die Beziehungen zwischen China und Indien sind traditionell von Spannungen und Misstrauen geprägt. Trotzdem bemühen sich die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt neuerdings darum, sich als Teil einer gemeinsamen Wirtschaftszone zu begreifen. Ein Kommentar im chinesischen Staatsfernsehen rief Indien deshalb auf, sich gemeinsam mit China und den anderen BRICS-Staaten auf gemeinsame Interessen zu besinnen, statt sich von seinen westlichen Alliierten in eine Konfrontation treiben zu lassen.

Indien hatte am Donnerstag erstmals eine neue atomwaffenfähige Langstreckenrakete getestet. Nach Angaben der für die Entwicklung von Militärtechnologie zuständigen Behörde (DRDO) verlief der Test erfolgreich. Der Test ist ein bedeutender technologischer Fortschritt für die Atommacht Indien. Die Langstreckenrakete könnte mit ihrer Reichweite Experten zufolge theoretisch jegliche Ziele in China sowie ganz Asien und verschiedenen Ländern Europas treffen.