Berlin - Die Bundesregierung hat zurückhaltend auf den Ausgang des Verfassungsreferendums in der Türkei reagiert. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) mahnte angesichts des knappen Ergebnisses am Sonntagabend zur Besonnenheit. Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) sagte, es sei noch zu früh für Schlussfolgerungen. Politiker von Grünen und Linken sprachen dagegen von einem „schwarzen Tag“ für die Türkei. 

Altmaier sagte in der ARD, die Bundesregierung werde das „in einer freien und demokratischen Wahl“ zustande gekommene Ergebnis akzeptieren. Ob die Wahl fair verlaufen sei, würden unter anderem die Berichte der Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und des Europarats zeigen. „Ich glaube, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt mit Schlussfolgerungen und Festlegungen vorsichtig sein müssen“, fügte Altmaier hinzu. Auf jeden Fall gebe es ein „sehr enges Wahlergebnis“.

Schulz: „Erdogan ist nicht Türkei“

Auch Gabriel hielt sich zunächst bedeckt. „Wie auch immer das Votum des türkischen Volkes am Ende ausfallen wird: Wir sind gut beraten, jetzt kühlen Kopf zu bewahren und besonnen vorzugehen“, erklärte der Außenminister. „Es ist gut, dass der so erbittert geführte Wahlkampf, auch bei uns in Deutschland, jetzt vorbei ist.“ Der Streit um Wahlkampfauftritte türkischer Regierungsvertreter in Deutschland, in dem Erdogan der Bundesrepublik „Nazi-Methoden“ vorwarf, hatte das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Berlin und Ankara weiter belastet.

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz rief nach der Volksabstimmung dazu auf, den Einsatz für Demokratie und Menschenrechte fortzusetzen. „Der knappe Ausgang des Referendums zeigt: Erdogan ist nicht Türkei“, schrieb Schulz auf dem Onlinedienst Twitter.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat das Referendum zu einer Solidaritätsbekundung für den im Februar inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel genutzt. Er würde gerne die Analysen von Yücel und vielen anderen inhaftierten Journalisten zu dem Referendum lesen, schrieb Maas am Sonntagabend auf Twitter.

Der Grünen-Chef Cem Özdemir sprach auf Twitter von einem „schwarzen Tag“ für die Türkei. Das Land sei tief gespalten, aber fast 50 Prozent hätten für Demokratie und gegen Diktatur gestimmt. „Wir stehen an ihrer Seite.“

Die Linken-Bundestagsabgeordete Sevim Dagdelen warf Erdogan vor, sich „durch organisierte Behinderung der Opposition eine Mehrheit für die Diktatur gesichert zu haben“. Von einer freien und fairen Abstimmung könne bei diesem Referendum keine Rede sein. Die Bundesregierung und die Europäische Union müssten ihren „Schmusekurs“ zum türkischen Staatschef beenden, forderte sie.

Weber: „Müssen jetzt reinen Tisch machen“

Der CSU-Europapolitiker und Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, Manfred Weber, forderte im ZDF die Aussetzung der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei. „Wir müssen jetzt reinen Tisch machen“, sagte er. Auch wenn der Ausgang des Referendums „kein unbeschränkter Erfolg“ für Erdogan sei, gehe die Türkei in die falsche Richtung und entferne sich von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Auch der FDP-Politiker und Vizepräsident des Europaparlaments, Alexander Graf Lambsdorff, verlangte ein Ende der EU-Beitrittsgespräche mit Ankara. „Präsident Erdogan konzentriert wie ein osmanischer Sultan alle Macht auf sich“. FDP-Chef Lindner sprach bei Twitter, wie Grünen-Chef Özdemir, von einem „schwarzen Tag“. (afp, dpa, red)