Rechtsextreme Polen stören Lesung von Ukrainerin: „Wir müssen wie die Deutschen sein!“

Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko wollte eine Lesung in Krakau absolvieren. Plötzlich riefen Rechtsextreme: „Bandera muss weg!“

Ein Protestzug der rechtsradikalen ONR-Bewegung in Warschau. Die ONR-Bewegung ist den Ukrainern gegenüber kritisch eingestellt.
Ein Protestzug der rechtsradikalen ONR-Bewegung in Warschau. Die ONR-Bewegung ist den Ukrainern gegenüber kritisch eingestellt.AP/Michal Dyjuk

„Bandera muss weg!“ „Er spuckt den Polen ins Gesicht!“ „Es lebe Großpolen!“ „Schluss mit der Fahnenflucht!“ „Schluss mit den historischen Lügen!“ So reagierten polnische Rechtsradikale auf eine Lesung der ukrainischen Schriftstellerin Oksana Sabuschko, die Krakau besuchte. Die Demonstranten fragten die Schriftstellerin, ob sie wisse, „wie viele Polen in Wolhynien ermordet wurden“. Die Einwürfe führten dazu, dass das Treffen mit der Autorin abgesagt wurde. 

Das Treffen sollte im Internationalen Kulturzentrum, einer staatlichen Einrichtung auf dem Krakauer Marktplatz, stattfinden. Die Gruppe bestand aus etwa fünfzig Personen, die rot-weiße polnische Fahnen trugen. Einige der Männer trugen die Abzeichen rechtsextremer Organisationen, andere verdeckten ihr Gesicht mit Sturmhauben. Es waren auch ältere Frauen dabei.

Die Schriftstellerin wurde von der Polizei durch einen Seitenausgang hinausbegleitet, die auch die Personalien der Demonstranten aufnahm.

Ein beschämender Vorfall

Einen Tag später erhielt Oksana Sabuschko den Stanislaw-Vincenz-Literaturpreis im ICE-Kongresszentrum in Krakau. Diesmal verlief die Zeremonie reibungslos. Nur fünf Nationalisten mit einem Transparent standen eine Zeit lang vor dem Eingang.

Oksana Sabuschko sprach den Angriff während der Zeremonie an: „Die Leute, die mir gestern die Möglichkeit genommen haben, zu sprechen, und stattdessen eine Parteiversammlung wie in einem Münchner Café der 1920er-Jahre inszeniert haben, werden die Kultur, die immer über den Lauf der Geschichte siegt, nicht beflecken. Sie werden die Würde dieser Stadt in meinen Augen nicht schmälern. Ein solches Verhalten und solche Aktionen bestätigen jedoch, dass der große Krieg und der große Kampf, dem Vincenz sein Leben gewidmet hat und der heute in der Ukraine andauert, auch in Polen und in der ganzen Welt stattfindet. Ich nehme diese Auszeichnung als Beweis dafür an, dass wir nicht das Recht haben, diesen Kampf zu verlieren.“

Der Angriff auf die ukrainische Schriftstellerin in Krakau ist ein beschämender Vorfall. Solche aggressiven und öffentlichen Reden gegen Ukrainer kommen in Polen nur selten vor.

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Albert Zawada
Der Autor
Witold Mrozek, 1986 geboren, arbeitet als Journalist für das Feuilleton der Gazeta Wyborcza, Polens wichtigster linksliberaler Tageszeitung. Er arbeitet zudem als Theaterkritiker und Dramaturg und veröffentlicht Texte in der Krytyka Polityczna.

Rafal Ziemkiewicz greift die Ukrainer an

Das Scheitern des Treffens mit Oksana Sabuschko ist jedoch kein Zufall. Etwa eine Woche lang hatte die rechte und rechtsextreme Presse die Schriftstellerin angegriffen und ihr vorgeworfen, sie sei antipolnisch eingestellt.

In der Zeitung Do Rzeczy, die mit Geldern des Justizministers und staatlicher Unternehmen finanziert wird, wurde Sabuschko von einem der führenden rechten Kolumnisten, Rafal Ziemkiewicz, angegriffen, der die regierende Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) häufig von rechts kritisiert. Ohne konkrete Zitate zu nennen, warf Ziemkiewicz der Schriftstellerin vor, die ukrainischen Nationalisten des Zweiten Weltkriegs zu loben und die Verbrechen in Wolhynien zu leugnen.

Kritik am Film „Wolhynien“

„Ich weiß nicht, ob die Werke von Frau Oksana Sabuschko aus literarischer Sicht als wertvoll angesehen werden können, aber ich weiß, dass, selbst wenn sie es wären, ihre Belohnung und ihre Förderung in Polen nicht nur gegen die Grundsätze der ‚Soft Power‘, sondern auch gegen den gesunden Menschenverstand und den normalen menschlichen Anstand verstößt“, schrieb Ziemkiewicz. Seiner Meinung nach sind das Vorbild für Polen die Deutschen, die durch die Förderung von Schriftstellern, die seiner Meinung nach „prodeutsch“ sind, wie Stefan Chwin oder Paweł Huelle aus Gdańsk, ihre „Soft Power“ mit Literatur aufgebaut hätten. Ziemkiewicz selbst wurde im vergangenen Jahr wegen der von ihm verbreiteten fremdenfeindlichen Parolen die Einreise in das Vereinigte Königreich verweigert.

Die nationalistische Website kresy.pl erhob noch konkretere Vorwürfe gegen die Schriftstellerin. Sie warf ihr vor, 2016 den Film „Wolyn“ („Wolhynien“) von Wojtek Smarzowski kritisiert zu haben, in dem es um Verbrechen geht, die während des Krieges von Ukrainern an Polen begangen wurden, und wies auf historische Ungenauigkeiten hin, die ihrer Meinung nach darin vorkommen – etwa die Weihe von Messern in einer griechisch-katholischen Kirche, die laut polnischen Historikern nicht stattgefunden hat. „Dies ist kein guter Zeitpunkt, um einen solchen Film zu drehen“, sagte die Schriftstellerin damals und bezog sich dabei unter anderem auf den Krieg im Donbass, der zu diesem Zeitpunkt – im Jahr 2016 – bereits im Gange war. In demselben Interview mit der polnischen Zeitung Newsweek betonte sie, dass sie die polnische Kultur liebt und Polnisch spricht.

Kippt die Stimmung in Polen?

Können wir angesichts der Tatsache, dass die Begeisterung der polnischen Öffentlichkeit gegenüber ukrainischen Flüchtlingen langsam nachlässt und dass kürzlich zwei polnische Bürger in der Nähe der ukrainischen Grenze wahrscheinlich durch eine verirrte ukrainische Rakete getötet wurden, mit weiteren antiukrainischen Reden rechnen?

Hier sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden, sondern es ist Vorsicht geboten. Die polnische Regierung und Präsident Andrzej Duda betonen, dass unabhängig von der Tatsache, dass die Rakete, die auf das Grenzdorf einschlug, ukrainisch war, die gesamte Verantwortung für die Tragödie bei Russland liegt, das einen Angriffskrieg direkt an der Grenze zu Polen, der Europäischen Union und der Nato führt. Gleichzeitig wird die Situation nicht dadurch verbessert, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj noch immer nicht direkt zugegeben hat, dass die Rakete tatsächlich vom ukrainischen Militär abgefeuert wurde. Wie ich kürzlich schrieb, wird dies von rechtsextremen Kolumnisten und Aktivisten ausgenutzt, die sogar die rechtsgerichtete Regierung von Recht und Gerechtigkeit (PiS) kritisieren, die sich solidarisch mit der Ukraine zeigt.

Die Reaktion des polnischen PEN-Clubs

Auch der polnische PEN-Club bezog Stellung zum Abbruch des Treffens mit Oksana Sabuschko. „Die aggressiven rechtsextremen Milizen, die zum Abbruch des Treffens mit Oksana Sabuschko führten, erinnern an die schlimmste Tradition faschistischer Gruppierungen der Zwischenkriegszeit. Der polnische PEN-Club verurteilt diesen brutalen Angriff, der eine inakzeptable Verletzung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit darstellt.“

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