München - Es ist nicht gelogen, wenn der Zeuge Hendrik L. angibt, er  sei „selbstständig im Einzelhandel“. Doch es ist nur die halbe Wahrheit: Er betreibt, wie sich nach vielleicht drei Stunden seiner quälend langen Vernehmung im NSU-Prozess herausstellt, einen „Streetwear-Laden“ mit dem unverfänglichen Namen „Backstreet Noise“, in dem es heute ganz normale Klamotten  zu kaufen gibt, früher aber auch Shirts mit eindeutigen Aufdrucken, rechtsradikale Szenemagazine und „bis zu meiner Lossagung vom Rechtsrock“ auch einschlägige Musik. Zu seinen Kunden, musste L. einräumen, zählt auch heute noch der auf freiem Fuß befindliche Mitangeklagte André E. Im Nachbargebäude sitzt  die Platten-Firma „PC Records“, deren Gründer L. war. Aber als die   CD „Döner-Killer“ dort herauskam, habe ihm das Label längst nicht mehr gehört.

Durch mühsame Befragung, die seiner Contenance einiges abverlangt, gelingt es dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl, dem hartleibigen Zeugen immerhin zu entlocken, dass er vom NSU-Trio am meisten Kontakt mit Uwe Mundlos gehabt habe. „Der Uwe hatte grafisch was drauf“, deswegen habe er ihn um Unterstützung beim Herstellen eines T-Shirt-Motivs gebeten. Der Entwurf („Die Skinsons“), angelehnt an die Zeichentrick-Serie „Die Simpsons“ habe von ihm gestammt, er habe ihn Mundlos mit der Bitte gegeben,  ihn „ein bisschen zu verfeinern“. Das sei der einzige Grund für einen Besuch in der Wohnung in Chemnitz gewesen, die Beate Zschäpe und ihren beiden Komplizen als Unterschlupf diente, An Einzelheiten kann oder will sich L. nicht mehr erinnern - bloß dass sie „spartanisch“ eingerichtet gewesen sei. Mit der Beate habe er kaum Kontakt gehabt, sie war manchmal dabei, „wenn wir mit unseren Bräuten unterwegs waren“.

Rüge für Rückzieher

Gänzlich verschlossen verhält sich L., wenn es um Namen früherer Mitstreiter geht und um gemeinsame Aktivitäten. „Normale Freizeitgestaltung halt“, sagt er achselzuckend. Als es dem Vorsitzenden zu bunt wird, rügt er den Zeugen schroff: „Sie sollten sich überlegen, ob Sie uns mit solchen Sprüchen abspeisen. Sie machen eine Andeutung, und dann machen Sie einen Cut und es folgt ein Rückzieher. Vollkommen unbeeindruckt zeigt sich L. von der Ermahnung nicht, wenngleich es nicht sehr glaubwürdig klingt, wenn er zum Untertauchen des Trios 1998 in Chemnitz anmerkt, er habe die Situation „nicht als so extrem brisant empfunden“. Und wie ernst muss man seine Einschätzung nehmen, Mundlos sei „rechtskonservativ“ gewesen. Nach weiterem Bohren Götzls sagt er über das Weltbild von Mundlos schließlich, „die eigene Nation hat im Vordergrund gestanden“. Schließlich nennt er ihn, weil der Richter nicht locker lässt, einen „strammen Rechten“.

Mit Sturmhaube und Luftgewehr

Während der gesamten Befragung ist L., der den Spitznamen „Laschi“ trug, sichtlich bemüht, seine Bedeutung in der damaligen rechten Chemnitzer Szene herunterzuspielen. Er sei, entgegen anderer Darstellungen, nicht derjenige gewesen, „der das Sagen hatte“. Daran ändert auch nicht ein Platten-Cover mit dem ihm der Berliner Nebenklage-Vertreter Carsten Ilius konfrontiert: Dort posiert er zusammen mit drei anderen Kameraden mit Sturmhaube und Luftgewehr. „Ich war der die Ansprechperson für Musik.“ Wenn man die Akten von L. lese, bemerkt Anwalt Ilius, sei es „erstaunlich“, dass der Zeuge von den Behörden in Ruhe gelassen worden sei. L. weiß natürlich, dass der Verfassungsschutz gemeint ist und kontert: „Ich habe mich noch mit keiner einzigen Behörde eingelassen."

Und noch ein Hinweis zum Schluss der Verhandlung: Mit Rücksicht auf den psychischen Zustand von Beate Zschäpe wird bis auf Weiteres nur noch an zwei Tagen, mittwochs und donnerstags, verhandelt.