Es ist erst eine Woche her, dass die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), eine Studie zum Rechtsextremismus in Ostdeutschland veröffentlichte – eine Studie, die von Anfang an hoch umstritten war. Der Befund lautete, dass es in den neuen Ländern eine besondere Anfälligkeit dafür gebe, aber keinen Anlass für Verallgemeinerungen.

Die Wissenschaftler des Instituts für Demokratieforschung an der Universität Göttingen hatten keine repräsentative Untersuchung gemacht, sondern sich auf die besonders betroffene Region Dresden und den ebenfalls besonders betroffenen Erfurter Stadtteil Herrenberg konzentriert und dabei 40 Einzelinterviews mit Menschen geführt, die mit dem Thema befasst oder von ihm betroffen sind.

Der Inhalt rückt in den Hintergrund

Nun berichtete die Tageszeitung Die Welt, es seien in der Studie Menschen aufgeführt, die es gar nicht gebe – so ein „Dr. Reese“ von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Ihm werden lobende Äußerungen zu Monarchie und Mauerbau zugeordnet. Die linke Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz wird mit dem Pseudonym „Frau Ackermann“ versehen. Der ehemalige Chef der Deutschen Bank hieß Ackermann.

Neben der Landeszentrale für politische Bildung, die Auskunft verlangt, übt auch Köditz Kritik. „Mir ist die Anonymisierung in meinem Fall eigentlich nicht nachvollziehbar“, sagte sie dieser Zeitung. Denn ich bin für meine Standpunkte bekannt. Ich würde darüber gern mit den Autoren sprechen.“ Und den Namen Ackermann hätte sie sich „nie selbst ausgesucht“. Köditz fügte hinzu: „Ich finde es traurig, dass die Debatte jetzt darüber läuft und nicht über die Inhalte der Studie.“

„Jede Person ist eine reale Person“

Michael Lühmann, einer der Göttinger Forscher, betonte hingegen, dass hinter „Dr. Reese“ eine real existierende Person stehe, die einst in der Landeszentrale für politische Bildung gearbeitet habe. Den Namen will er aus Rücksicht auf die Person nicht nennen.

Generell habe man von allen Personen die Klarnamen genannt, wenn bis zum Druck der Studie deren Genehmigung dafür vorlag, so Lühmann – weil gerade Menschen in der Provinz, die sich gegen den Rechtsextremismus wendeten, mit körperlichen Gefahren oder dem Vorwurf der Nestbeschmutzerei leben müssten. Im Fall von Kerstin Köditz lag die Genehmigung demnach nicht vor.

„Jede Person ist eine reale Person“, sagte der in Leipzig geborene Forscher. „Wir haben sämtliche Gespräche auf Tonband und später transkribiert.“ Er räumte aber ein, wegen eines gewissen Zeitdrucks „haben wir es leider versäumt, an jeder Stelle die Anonymisierung für jeden Einzelfall kenntlich zu machen“.

Wirtschaftsministerium ist ohne Zweifel

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Arnold Vaatz, erklärte: „Die Studie ist in ihrem Aufbau abwegig und wissenschaftlich höchst bedenklich.“ Hier werde ausgehend von drei Städten „ein Urteil für ganz Ostdeutschland gefällt“. Sollten Gesprächspartner frei erfunden worden sein, sei dies „skandalös“. „Der Nutzen dieser Studie ist gleich null“, so Vaatz, „der Schaden für Ostdeutschland aber enorm.“ Zudem werde der Linksextremismus in Berlin oder Leipzig ignoriert.

Das Bundeswirtschaftsministerium teilte dieser Zeitung mit: „Iris Gleicke sieht keine Veranlassung, an Inhalt und Methodik der Studie zu zweifeln.“ Das von ihr nach einer öffentlichen Ausschreibung betraute Göttinger Institut sei renommiert und genieße einen hervorragenden Ruf. Die Gefahr, die vom Rechtsextremismus in Ostdeutschland ausgehe, sei im Übrigen völlig unbestreitbar und werde nur noch von Ignoranten geleugnet.