Die Tür der Synagoge von Halle mit den Einschusslöchern vom 9. Oktober 2019.
Foto: dpa/Sebastian Willnow

HalleDie schmale Tür in der übermannshohen Mauer der Hallenser Synagoge scheint Zuflucht zu bieten. An diesem trüben Sommertag kann man an sie herantreten, sich anschmiegen an das dunkle Eichenholz und unter dem gemauerten Rundbogen Schutz vor dem Regen finden. Man könnte sich behütet fühlen. Doch da sind Unebenheiten im sonst glatten Holz, Löcher, zerfetzte Ränder. Man kann sie sehen, ertasten. In der Synagoge in der Humboldtstraße 52  wollte am 9. Oktober vergangenen Jahres ein rechtsextremistischer Attentäter so viele Juden wie möglich töten, wie er später der Polizei sagte. Mit dem Vorhaben  scheiterte er an dieser Tür, weil sie den Kugeln seiner Schrotpatronen standhielt.

Die nur einen guten Meter schmale und zwei Meter hohe Tür, an der viele Menschen inzwischen wieder achtlos vorübergehen, ist immer noch da. „Sie wird demnächst durch eine neue ersetzt werden, aber dennoch nicht verschwinden“, sagt Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle. „Zum ersten Jahrestag des Anschlags wollen wir sie auf dem Gelände der Synagoge aufstellen. Als Denkmal.“

Wenn man Privorozki das erste Mal begegnet, ist man froh, dass in Corona-Zeiten der Handschlag entfällt. Der 57-Jährige, der 1990 aus seiner Heimatstadt Kiew nach Deutschland kam, ist das, was man einen Bär von einem Mann nennt – um die 1,90 Meter groß, kräftig, fast kahl auf dem Kopf. Dieser Mann mit dem gemütlichen Gesicht kann zupacken, das sieht man. Und doch wirkt er müde an diesem Morgen im Gemeindezentrum, das mitten im alten jüdischen Viertel von Halle liegt. „Ich habe eine Woche Urlaub hinter mir, aber ich bin immer noch erschöpft“, sagt er. „Die letzten Monate waren so anstrengend.“ Nachwirkungen des Anschlags? Privorozki winkt ab. „Corona“, sagt er nur.

Gemeindeleben musste nach Anschlag umorganisiert werden

Das Gemeindeleben habe völlig umorganisiert werden müssen, vieles von dem, was man schon auf die Beine gestellt hatte für dieses Jahr, musste abgesagt oder verschoben werden. „Eine geplante Konferenz über Toleranz, das Kinderferienlager in Bulgarien, ein viertägiger Workshop für Senioren, Deutsch- und Computerkurse für unsere Gemeindemitglieder, die Bildungsreise nach Israel“, zählt Privorozki auf. „Sogar das Pessach-Fest musste erstmals seit dem Krieg abgesagt werden, konnte nur von jedem zu Hause gefeiert werden. Und dann müssen die Gottesdienste organisiert werden, die wir erst seit Juni sehr eingeschränkt wieder feiern dürfen. In unserer Synagoge, die eigentlich 100 Menschen Platz bietet, dürfen sich jetzt gleichzeitig nur jeweils 15 Männer und vier Frauen aufhalten.“

Das Kümmern um all das habe die Erinnerung an den Anschlag in den Hintergrund gedrängt. „Ich hatte den Kopf voll mit anderen Dingen. Zum Glück“, sagt er. „Denn wer von uns diese Stunden damals miterlebt hat in der Synagoge, den lässt das nicht los.“ Er selbst spüre das immer dann, wenn er einen Hubschrauber vorbeifliegen hört, erzählt Privorozki. Eine Unruhe fühle er dann in seinem Körper. Er schaue sich um, um sich zu vergewissern, dass keine Gefahr besteht. „Sie müssen wissen, dass in der Nähe unseres Gemeindezentrums ein Krankenhaus ist, da landen häufiger Helikopter. Das habe ich früher gar nicht mehr wahrgenommen. Aber jetzt sind dann immer wieder die Bilder vom 9. Oktober in meinem Kopf, als stundenlang Polizeihubschrauber über der Synagoge kreisten.“

Er und etwa 20 Gemeindemitglieder, dazu 25 Gäste und eine Familie mit Kleinkind waren an diesem Tag in dem Gebäude. Sie feierten den höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, als sie die Schüsse auf der Straße hörten und auf einem Bildschirm die Videobilder vom Eingang sahen, wo Stephan B. vergeblich auf die Tür in der Mauer feuerte. Stundenlang saßen die Menschen in der Synagoge fest, sie durften nicht heraus, weil die Lage für die Sicherheitskräfte unübersichtlich war. „Wir waren abgeschottet von der Welt, wir wussten nicht, was ist da draußen los, wie viele Menschen sind unterwegs, wie viele Opfer gibt es schon“, sagt der große Mann und wirkt dabei plötzlich ganz kraftlos. „Das ist bei mir geblieben, und das werde ich wohl nicht mehr loswerden.“

Blick der jüdischen Gemeinde ging nach dem Anschlag nach vorn

Und doch ist der Anschlag kein beherrschendes Thema in der Gemeinde mit ihren 530 meist älteren Mitgliedern, von denen viele aus der früheren Sowjetunion stammen. „Viel gesprochen wird darüber nicht mehr“, sagt Privorozki. Selbst im Dezember, zwei Monate nach dem Geschehen, sei es in der Mitgliederversammlung vor allem darum gegangen, welche Sicherheitskonzepte umgesetzt werden. „Der Blick ging nach vorn. Was passiert war, welche Fehler die Behörden gemacht haben, warum die Synagoge an dem Feiertag nicht von der Polizei bewacht wurde, wann die ersten Einsatzkräfte in der Humboldtstraße auftauchten – all diese Themen, die in den Medien und im Untersuchungsausschuss des Landtages so eine große Rolle spielten, wurden von unseren Gemeindemitgliedern gar nicht erfragt.“

Einen halben Kilometer südwestlich der Hallenser Synagoge ringt auch Ismet Tekin mit der Erinnerung an den 9. Oktober. „Ich hätte alles dafür gegeben, diesen Tag nicht zu erleben“, sagt er. Der 36-jährige Türke mit dem sanften Gesicht und den schmalen Schultern arbeitet mit seinem Bruder im Kiez-Döner auf der Ludwig-Wucherer-Straße, in den der Attentäter Stephan B. nach dem misslungenen Attentat auf die Synagoge stürmte. „Ich hatte kurz zuvor den Laden verlassen und war die Straße hochgegangen“, erzählt er. „Da rief mich mein Bruder auf dem Handy an, sagte, es habe gerade einen Anschlag gegeben im Geschäft.“ Er sei sofort zurückgerannt zum Dönerladen, „ich war geschockt, alles war schwarz in meinem Kopf“, sagt er. Seine Erinnerung habe erst wieder ein paar Hauseingänge vor dem Geschäft eingesetzt, als zwei Kugeln an seinem Kopf vorbeipfiffen und in die Hauswand neben ihm einschlugen. „Da hab ich den Mann gesehen vor dem Laden, der die Straße auf und ab sah und in meine Richtung feuerte. Ich warf mich hinter ein Auto und wartete. Dann kam die Polizei, sie schossen aufeinander, dann kletterte der Mann in sein Auto und fuhr los, die Polizei hinter ihm her.“

Er sei dann aufgesprungen und zum Laden gelaufen, wo schon sein Bruder wartete und ihn umarmte, erzählt Tekin. „Dann bin ich rein und habe Kevin gesehen, der am Boden lag. Er war tot.“ Kevin Schwarze, ein 20-jähriger Deutscher, war zufällig und wohl auch das erste Mal im Kiez-Döner, als der Attentäter hereinstürmte. Stephan B. richtete ihn regelrecht hin, wie er wenige Minuten zuvor schon die 40-jährige Jana Lange erschossen hatte, auf der Humboldtstraße vor der Synagoge. Beide wurden zufällige Opfer eines Mannes, der töten wollte an diesem Tag.

Die vergessenen Opfer des Anschlags

Der Kiez-Döner gehört jetzt Ismet Tekin und seinem Bruder. Der vorherige Besitzer hat ihnen den Laden geschenkt, aus Dankbarkeit, weil sie damals als seine Angestellten ihr Leben riskiert haben. Die Brüder haben das Geschäft renoviert und eine Gedenkwand für die beiden Opfer gestaltet. Auf einem Wandfoto vom Fußballstadion des Halleschen FC, dessen Fan der erschossene Kevin Schwarze war, klebt eine Messingtafel mit der Aufschrift „Jana & Kevin. Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Hass aufkommt, droht Untergang“. Fotos der beiden Opfer sind an die Wand gepinnt, ein langes Gedicht verspricht „Fünf Türme leben noch“, eine Anspielung auf das Wahrzeichen der Stadt. Ein Kondolenzbuch liegt aus, es ist fast bis auf die letzte Seite vollgeschrieben.

Der Laden aber ist leer. „Er ist fast immer leer“, sagt Ismet Tekin traurig. Dabei hätten er und sein Bruder am Anfang sehr viel Solidarität erfahren. Der Imbiss sei voll gewesen mit Anwohnern, mit Politikern, mit wichtigen Leuten aus der Stadt, wie er sagt. „Alle sagten, wir sind bei euch, wir unterstützen euch. Wir wollen euch hier haben in unserem Kiez. Das hat uns so viel Freude und Hoffnung gegeben. Aber heute sehen wir kaum noch jemanden von ihnen bei uns. Und keiner fragt, wie es uns geht.“

Zu Beginn der Corona-Krise hatten die Tekins den Döner zugemacht, es ging nicht mehr, die finanziellen Probleme wuchsen ihnen über den Kopf. Die Mobile Opferberatung in Halle stand ihnen bei, machte den Brüdern Mut, und so öffneten sie das Geschäft nach einem Monat wieder. „Aber es läuft immer noch nicht gut“, sagt Ismet Tekin. Seit Jahresbeginn habe er kein Geld verdient, alles gehe für Miete und Steuern und Einkauf der Waren drauf. „Ich bin erschöpft, fertig“, sagt er, „mein Bruder auch. Wir sind sowieso kaputt durch den Anschlag. Und jetzt wissen wir nicht, ob es richtig oder falsch war, den Laden zu übernehmen.“

Hinzu komme, dass sie sich vernachlässigt fühlten als Opfer des Anschlags, vergessen. „Ich habe das Gefühl, dass wir nicht mehr so richtig wahrgenommen werden als Betroffene“, sagt er. In den Medien werde immer von einem antisemitischen Attentat gesprochen, wenn es um Halle geht. „Es stimmt ja auch, der Mann wollte Juden töten. Aber als es ihm nicht gelang, wollte er Ausländer erschießen. Deshalb kam er doch in unseren Dönerladen.“

Und dann erzählt Ismet Tekin aufgebracht, dass das Gericht ihn nicht als Nebenkläger zu dem am 21. Juli beginnenden Prozess gegen den Attentäter Stephan B. zulässt. „Mein Bruder ist Nebenkläger, weil er im Geschäft war, als alles passierte“, sagt er. „Die Menschen in der Synagoge sind Nebenkläger, auch wenn der Täter glücklicherweise nicht bis zu ihnen vordrang. Warum aber darf ich nur Zeuge sein, obwohl der Mann auch auf mich geschossen hat, auf der Straße?“ Eine Enttäuschung sei das für ihn. Denn mit der Ablehnung als Nebenkläger habe er das Gefühl, das Gericht respektiere nicht, was er erlitten hat. „Die Richter verstehen nicht, wie wichtig es ist für mich, dass meine Gefühle, mein Schmerz ernst genommen werden“, sagt er. „Dabei wäre das so wichtig für mich, weil es mir die Kraft geben würde, hier weiterzumachen.“

Will er weg aus Halle, fort von den Erinnerungen an diesen 9. Oktober? Ismet Tekin schüttelt den Kopf. „Ich bin so gern in Halle, es ist meine Lieblingsstadt“, sagt er. Die Menschen seien nett und lieb, er werde nicht angefeindet und fühle sich nicht bedroht hier. „Es ist ein schönes Gefühl, hier zu Hause zu sein“, sagt er.

So empfindet es auch Max Privorozki. „Ich habe keine Angst in dieser Stadt, wir Juden müssen nicht fürchten, bedroht zu werden“, sagt er. Deshalb sei der Anschlag ja auch so überraschend gewesen für alle. „Wir haben so etwas nicht kommen sehen.“

Angesichts der massiven Zunahme an antisemitischen Straftaten in Deutschland in den vergangenen Jahren und immer häufiger offen vorgetragenen judenfeindlichen Äußerungen überrascht diese Einschätzung. Hetzt nicht auch seit längerem ein Rechtsextremist auf Kundgebungen auf dem Hallenser Marktplatz regelmäßig gegen die Bundesregierung, gegen Linke und Migranten? Und werden diese im Internet verbreiteten Reden nicht immer wieder mit Hasskommentaren auch gegen Juden geteilt? Und was ist mit den aus Papiertaschentüchern gefalteten Hakenkreuzen, die in den letzten Wochen vor das Jüdische Gemeindezentrum gelegt wurden?

Offene antisemitische Vorfälle

Privorozki wiegt bedächtig mit dem Kopf. „Das gibt es alles, richtig. Aber zur Quantität antisemitischer Vorfälle will ich mich nicht äußern, weil ich nicht weiß, wie diese Statistik entsteht“, sagt er vorsichtig. „Doch was die Qualität angeht, da hat sich tatsächlich einiges verändert.“ Schon früher etwa habe man Briefe, Postkarten und Anrufe mit antisemitischem Inhalt bekommen. „Meist waren die aber anonym. Heute dagegen treten die Absender häufig ganz offen auf, schreiben ihre Namen und Anschrift auf die Briefe, benutzen ihre normalen Mailadressen, unterdrücken bei Anrufen ihre Telefonnummer nicht. Die zeigen sich und sind stolz darauf.“

Es gebe aber auch die große Welle der Solidarität und den Zuspruch, den die Gemeinde nach dem 9. Oktober erfahren habe. „Zwei Tage nach dem Anschlag standen 2000 Menschen vor unserer Synagoge, mit Blumen und Kerzen“, sagt er. „Zu den Jüdischen Kulturtagen wenige Wochen später kamen mehr Besucher als sonst üblich. Ich habe bergeweise Post bekommen, die mich zum Teil zu Tränen rührte.“

Fühlt er sich als Jude also erwünscht in Halle? Privorozki zögert. „Erwünscht wäre doch zu viel verlangt, oder?“, fragt er spöttisch. Denn die jüdische Gemeinschaft werde nun mal in Deutschland nicht als Teil der Gesellschaft empfunden. Sie werde eher wie eine wertvolle, ungewöhnliche Blume behandelt, die man besonders schützen muss. Mit Polizeistreifen, Videokameras, hohen Mauern. „Selbst die Gutmeinenden sprechen von uns immer als jüdische Mitbürger“, sagt Privorozki. „Dabei sind wir jüdische Bürger.“

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