Berlin - Die Mordserie einer mutmaßlich neonazistischen Terrorgruppe wirft immer weitere Fragen auf. Die Antworten bleiben rar.

Am Dienstag war es der hessische Verfassungsschutz, der in Erklärungsnot geriet. In Kassel war am 6. April 2006 der 21-jährige Halit Y. in seinem Internet-Café erschossen worden. In Verdacht geriet damals ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, der nachweislich am Tatort war. Aber war er auch während der Tat in dem Café, wie es in Wiesbadener Sicherheitskreisen jetzt heißt? Die offizielle Darstellung ist nach wie vor, der Mann habe kurz vor dem Schuss den Tatort verlassen. Der hessische Verfassungsschutz schwieg dazu am Dienstag.

Exzerpte aus „Mein Kampf“

Dafür redeten andere. In Berlin wurde bekannt, dass der Spitzel behördenintern den Spitznamen „kleiner Adolf“ trug. Seine rechte Gesinnung sei seinen Kollegen durchaus bewusst gewesen. Zumal bei der Durchsuchung seiner Wohnung handgeschriebene Exzerpte von Hitlers „Mein Kampf“ gefunden wurden. „Da muss man sich schon fragen, welche Leute der hessische Verfassungsschutz in seinen Reihen hat“, hieß es in Berliner Parlamentarierkrisen.

Rätselhaft sei auch, wieso die Ermittler trotzdem nie von einem rassistischen Tatmotiv ausgegangen seien. Stattdessen wurden dieser und weitere Morde jahrelang von einer Soko namens „Bosporus“ untersucht – als käme nur eine Fehde unter Türken als Erklärung in Frage.

Aber war der „kleine Adolf“ tatsächlich in der Nähe von weiteren Tatorten? Bewegungsprofile der Polizei hätten das ergeben, meldete die Bild-Zeitung am Dienstag exklusiv. Gleichwohl seien die Ermittlungen gegen den Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, der suspendiert wurde und heute im Regierungspräsidium Kassel tätig sein soll, im Januar 2007 eingestellt worden. Man habe es zu seinen Gunsten ausgelegt, dass sich der Mitarbeiter „nur“ in der Nähe von sechs der neun Mord-Tatorte befunden hätte.