Rechtspopulisten: Hessische Juden gründen AfD-Vereinigung

Berlin - „Gmar Chatima towa!“ wünschen sich Juden noch bis zum 30. September, dem Ende des einwöchigen Sukkot, auch Laubhüttenfest genannt. Der Wunsch heißt übersetzt „Möge deine Einschreibung (in das Buch des Lebens) gut abgeschlossen werden.“

Genau eine Woche später wollen im hessischen Offenbach jüdische AfD-Mitglieder zusammenkommen, um sich in ein anderes Buch einschreiben zu lassen: Für den 7. Oktober ist dort die Gründungsversammlung der Vereinigung „Juden in der Alternative für Deutschland“ angesetzt.

Rätselraten über mögliche Mitglieder

Über die möglichen Mitglieder ist bislang wenig bekannt; der Vorsitzende der AfD Hessen teilte dieser Zeitung nun jedoch mit, Wolfgang Fuhl und Dimitri Schulz seien für die Öffentlichkeitsarbeit der noch zu gründenden Vereinigung zuständig.

AfD-Mitglied Artur Abramovych, der sich als Mitgründer und Organisator der jüdischen AfD-Untergruppe bezeichnet, antwortete auf Anfrage dieser Zeitung, dass „die Stimmung in den Gemeinden“ mit Blick auf die Rechtspopulisten „eine gänzlich andere ist als im Präsidium des Zentralrats". Der in Freiburg lebende Abramovych schätzt, dass bis zu 40 Prozent der jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland die AfD wählen würden. Der AfD-Mann weiter: „Nicht nur die Masseneinwanderung (der Muslime, Red.), sondern auch das deutsch-israelische Verhältnis hat dazu beigetragen.“

Fuhl hat bei der vergangenen Bundestagswahl im baden-württembergischen Wahlkreis Lörrach-Müllheim für die AfD kandidiert und ist ehemaliges Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland. Schulz tritt bei der hessischen Landtagswahl Ende Oktober sowohl als Direktkandidat als auch auf einem aussichtsreichen Listenplatz an. Das Vorhaben hat schon vor seinem Abschluss hitzige Debatten ausgelöst.

Verärgerung unter prominenten Juden

Gegenüber der „Bild“ drückten mehrere jüdische Verbände und Prominente Empörung aus. „Wie jüdische Menschen ihre Mitgliedschaft in einer solchen Partei vor sich selbst rechtfertigen können, ist völlig unverständlich“, sagt Charlotte Knobloch, ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und heutige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. „Die AfD ist und bleibt eine Partei, in der Antisemiten sich pudelwohl fühlen können.“

Michel Friedman, Publizist und ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats, bezeichnete die AfD als „die Partei, die geistige Brandstiftung wieder salonfähig macht. Niemand sollte in die AfD eintreten, ein Jude erst recht nicht.“

Stephan J. Kramer, ehemaliger Generalsekretär des Zentralrats und heutiger Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, sagte dieser Zeitung: „Ich bin bekanntermaßen Jude. Unabhängig von der Religion: Als Bürger und Demokrat kann ich nur sagen, ich bin kein AfD-Mitglied und werde es im Traum nicht werden. Michel Friedman hat dazu alles Nötige gesagt.“

Scharfe Worte auch vom jüdisch-deutschen Verein „Werteinitiative“: „Juden dienen nicht als Feigenblatt für plumpe AfD-Hassbotschaften!“ schreibt der Verein auf seiner Webseite.

Die Partei verwende ihre vermeintliche Juden- bzw. Israel-Freundschaft vor allem als Legitimation, um gegen Muslime zu agitieren. „Ihr Muster wird dabei sein: „Heute die, morgen ihr“.“ Die Rhetorik mancher Parteifiguren und ihr Schweigen gegenüber dem äußersten rechten Rand ihrer Anhänger machten deutlich, woher der Wind wehe.

Der Zentralrat der Juden selbst hat sich bislang offiziell nicht geäußert. 

Das Verhältnis zwischen AfD und Juden ist seit Jahren kontrovers, weil einzelne Mitglieder und Anhänger der Partei sich immer wieder offen antisemitisch äußern. Aufsehen erregte etwa die Rede von AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der in einer Rede sagte: „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Parteichef Alexander Gauland bezeichnete den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ im Vergleich zur gesamten deutschen Geschichte.

Anti-Islamismus als gemeinsamer Nenner

Auf der anderen Seite gibt es in der AfD immer wieder Versuche, sich bei jüdischen Wählern beliebt zu machen, wegen eines vermuteten gemeinsamen Feindes: dem Islam. So stand es auch in der Einladung zur Gründungsversammlung der „Juden in der AfD“. Dimitri Schulz teilte am Dienstag schriftlich mit: „Die AfD ist die einzige Partei der Bundesrepublik, die muslimischen Judenhass thematisiert, ohne diesen zu verharmlosen.“