Den vier Soldaten, die Anfang dieser Woche einem Richter im US-Bundesstaat Georgia vorgeführt wurden, war es ernst. Automatische Waffen und Bombenteile im Wert von 87.000 Dollar hatten sie angesammelt. Mit diesem Arsenal wollten sie zuerst Fort Stewart, ihren eigenen Stützpunkt, übernehmen, dann einen Staudamm in die Luft sprengen, anschließend die Apfelernte vergiften und schließlich nach Washington ziehen.

Festgenommen wurden sie, nachdem sie zwei Mitwisser erschossen hatten, die die Gruppe verlassen wollten. Ihre Pläne seien schon sehr weit vorangeschritten gewesen, sagte die Staatsanwältin Isabel Pauley. „Sie hatten die Mittel, die Motivation und das Know-how.“

Milizen schießen wie Unkraut aus dem Boden

Wollten die Sicherheitsbehörden der USA jeden Verrückten verfolgen, der behauptet, er wolle den Präsidenten ermorden und die Regierung stürzen – sie hätten schon immer alle Hände voll zu tun gehabt. Doch seit Barack Obama Präsident ist, gilt dies mehr denn je. Rechtsradikale Milizen wie die Gruppe in Georgia schießen aus dem Boden wie Unkraut. Experten erklären, schon lange verkörperten sie eine deutlich größere Gefahr als islamistische Terroristen.

Daryl Johnson beschäftigt sich mit den Milizen schon seit Beginn der 90er Jahre, als er eine Anti-Terror Einheit der Armee leitete. Als 2007 ein aufstrebender Senator namens Barack Obama seine Kandidatur für das Präsidentenamt anmeldete, „da wurde mir gleich klar: Das wird den Rechtsextremisten in den USA einen Zulauf bescheren wie noch nie“, sagt er. Ein Schwarzer als Präsident wäre „ein Symbol von allem, was sie am meisten fürchten und hassen“.

Alles nur linke Propaganda?

Johnson, der zu diesem Zeitpunkt für die Heimatschutzbehörde HSA arbeitete, ließ umgehend ein Dossier darüber anfertigen, was das Land von der extremen Rechten zu befürchten habe, sollte Obama gewählt werden. Der Bericht, der 2009 fertiggestellt wurde, bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen: Rechte Organisationen wie die „Patrioten“ und die „Sovereign Citizens“-Gruppen rüsteten massiv auf aus Angst, Obama könnte schärfere Waffengesetze erlassen. Und sie begannen, unter Irak- und Afghanistan-Veteranen neue Mitglieder zu rekrutieren.

Als dann der Abtreibungsarzt George Tiller von „Patrioten“ erschossen wurde und ein Mann einen Sicherheitsbeamten im Holocaust Museum in Washington erschoss, bevor er das Museum zu stürmen versuchte, dachte Johnson, nun werde niemand mehr die rechte Gefahr leugnen können. Doch er täuschte sich: Konservative Kommentatoren im ganzen Land machten sich über seinen Bericht her und denunzierten ihn als „linke Propaganda“ mit dem Ziel, insbesondere die „Tea Party“-Bewegung zu kriminalisieren. Heimatschutzministerin Janet Napolitano geriet so sehr unter Druck, dass sie den Bericht zurückziehen musste.

Johnson verstand die Welt nicht mehr. Er, der überzeugte Republikaner, der doch nur seinen Job gemacht hatte, wurde von seinen eigenen Leuten kaltgestellt. Seine Abteilung, die die ultrarechte Szene beobachtete, wurde praktisch dichtgemacht, fünf Spezialisten wurden entlassen. So nahm auch Johnson seinen Hut.

Seitdem schläft er ausgesprochen schlecht. „Unser Land ist unter Beschuss von innen“, sagt er. „Allein in den vergangenen Monaten gab es drei Briefbomben an Regierungsbehörden. In Washington wurde bei einer Parade für den Bürgerrechtler Martin Luther King eine Rucksackbombe platziert, und in Tennessee wurde während einer Verkehrskontrolle ein Polizist von Rechtsextremen niedergeschossen. Sie wissen genau, dass wir nichts mehr gegen sie unternehmen. Sie haben alle Freiheiten, einen Angriff im großen Stil zu planen. Und unsere Politiker verschließen davor die Augen.“

Mehr als tausend Hassgruppen

Die militante Rechte in den USA ist heute so stark wie noch nie. Das Southern Poverty Law Center, eine private Organisation von Bürgerrechtsanwälten aus Alabama, schätzt, dass es derzeit mehr als tausend rechte Hassgruppen in den USA gibt, viele von ihnen bewaffnet. Als Obama gewählt wurde, seien es gerade einmal 150 gewesen. Den sogenannten „Patrioten“, der stärksten Fraktion, gehörten rund 300.000 Mitglieder an.

Ihre Ideologie deckt sich in weiten Teilen mit jener der Tea Party. Sie befürchten die Einschränkung individueller Rechte und Freiheiten durch die Regierung, die Überfremdung der USA durch den zunehmenden gesellschaftlichen Einfluss von Afro-Amerikanern, durch Einwandererströme aus Lateinamerika und dem Rest der Welt sowie durch die wachsende Akzeptanz von Homosexuellen.

Von der Tea Party unterscheidet sie jedoch ihre Gewaltbereitschaft und ihr geradezu extremer Hang zu Verschwörungstheorien. Allen Ernstes verbreiten sie im Internet, in den USA solle die Scharia zum Gesetz gemacht werden, und in staatlichen Schulen würden Kinder zur Homosexualität erzogen. Es kursieren sogar Gerüchte, die Obama-Regierung unterhalte geheime Konzentrationslager, in denen aufrechte Amerikaner, die sich dem „Multikulturalismus“ widersetzten, eingesperrt werden.

Den Ursprung dieser Bewegung verortet eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie in der Frustration der armen weißen Bevölkerung im Süden über die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den 60er-Jahren. Nach und nach habe sich das Gefühl immer mehr verfestigt, die Gleichberechtigung der Schwarzen gehe zu ihren Lasten, schreiben die Autoren. Als dann 1993 der eher konservativ gesonnene Präsident George Bush senior durch Bill Clinton abgelöst wurde und im selben Jahr die Bundespolizei FBI im texanischen Waco nach siebenwöchiger Belagerung eine Ranch stürmte, in der sich schwerbewaffnete Angehörige einer Sekte verschanzt hatten, galvanisierte das die extreme Rechte geradezu.

Eine Welle der Empörung baute sich auf, und die ohnehin regierungsfeindlichen Kreise radikalisierten sich weiter. So weit, dass 1995 der Milizionär Timothy McVeigh in Oklahoma City ein Regierungsgebäude in die Luft sprengte und 168 Menschen tötete.

Vorübergehend im Mainstream

Der Anschlag von Oklahoma war – rückblickend betrachtet – der Höhepunkt der „Patrioten“-Bewegung. Mit der Regierungsübernahme durch George W. Bush und den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde ihr Zorn indes obsolet. Nach dem Rechtsruck in Washington fanden sie sich vorübergehend im politischen Mainstream wieder.

Seit aber Barack Obama die Bühne betrat, meldeten sie sich umso lautstärker zurück. Die Wirtschaftskrise, von der die arme weiße Landbevölkerung besonders stark betroffen ist, tat ihr Übriges zur Radikalisierung. Dass sich die Lage in absehbarer Zeit entspannen könnte, ist nicht absehbar. Es höchste Zeit für Amerika hinzuschauen. Und nicht nur in Georgia.