Rechtsterror in Deutschland: Das ist, weil wir Türken sind

Ich denke noch, er hat es an den Füßen. Sie öffnen die Tür. Ich sehe als erstes seinen bandagierten Kopf. Dann schaue ich auf die Füße. Ich sehe sie nicht. Da fasst mich einer seiner Brüder an und sagt „Yenge“, also Schwägerin, „Yenge“, sagt er, „das waren Skinheads“. „Was ist das?“, frage ich, „Was ist das – Skinhead?“. „Das ist, weil wir Türken sind“. Ich wollte nichts mehr hören: „Ramazan, komm steh auf. Wir gehen nach Hause. Komm!“ Dann weiß ich nichts mehr.

Ich bin viel unterwegs. Treffe meine Leute. Egal, wo ich bin, egal, mit wem ich mich unterhalte, alle haben Zorn. Alles Typen wie ich. Mischmaschdeutsche. Viele kommen aus einfachen Verhältnissen, haben ein Studium geschafft. Zu Hause bei den Eltern gilt: Schuhe ausziehen, literweise Tee trinken, formvollendete Folklore abliefern. Dann geht es wieder hinaus in das andere Leben, das mit Dielen und Parkett, unnötigen Taxifahrten und derlei. Viele von uns sitzen auf Podien, halten Lesungen in Theatern ab, Vorträge, Reden. Wir sind Publizisten, Schauspieler, Regisseure, Musiker, Produzenten, Parlamentarier. Man schlägt die Zeitung auf, macht den Fernseher an und sieht die eigenen Freunde. Es kommen kaum Migranten in der Öffentlichkeit vor. Darum kennen die, die es dahin schaffen, einander.

„Ich habe keinen Bock mehr zu reden“

In der Kulturcommunity der Mischmaschdeutschen brodelt es, seit bekannt wurde, dass in Zwickau ein Haus völlig abbrannte, bis auf eine DVD mit einem Paulchen Panther drauf, der sich freut, Türken umgelegt zu haben. Kaum wurde das bekannt, erhielt ich eine E-Mail: „wir wollen reagieren angesichts der rassistischen morde, der verwicklung staatlicher stellen in die morde. wir treffen uns um 20 uhr in der maifoto galerie.“ Im Verteiler sind ungefähr 100 Namen. Mischmaschdeutsche.

Als ich in die Kreuzberger Galerie eintrete, spricht gerade Osman Tok. Er ist Mitbegründer des Nürnberger „Filmfestivals Türkei-Deutschland“. Er sagt: „Seit bekannt wurde, dass der Nürnberger Schneider nicht von der Türkenmafia, sondern von Neonazis erschossen wurde, denke ich, was würde ich tun, wenn Abdurrahim Özüdogru mein Vater gewesen wäre?“

Osman Tok hatte Özüdogrus Tochter schon vor dem Mord an ihrem Vater kennengelernt. Alle haben Vorschläge: „Aufruf! Nein, kein Aufruf. Demo! An eine Demo anschließen! Nein, nein, keine Demo.“ So geht es hin und her. Mürtiz Yolcu platzt der Kragen. „Freunde, ich habe keinen Bock mehr zu reden. Wir reden seit 20 Jahren.“ Mürtiz Yolcu ist einer von zwei Deutsch-Türken, die jemals auf der Bühne des Berliner Ensemble stehen und spielen durften. Er ist ein guter Schauspieler. Also weiß man nicht, folgt jetzt eine Pointe? Alle schauen ihn an: Er meint es ernst. Er ist sauer.

Er hat wirklich keinen Bock mehr zu reden. Später sagt er: „Ich habe mich im Griff. Aber was ist mit den türkischen Kids? Die werden irgendwann denken, dieser Staat schützt uns nicht. Und dann werden sie Gangs gründen, und dann? Dann haben wir das Desaster.“

Ich hatte mich am Vormittag von Ramazan verabschiedet. Ich war im achten Monat schwanger und konnte keine großen Strecken mehr laufen. Es war unser erstes Kind. Wir waren gerade ein Jahr verheiratet. Wir liebten uns sehr. Einen Monat lang hatten wir nur miteinander telefoniert. Manchmal die ganze Nacht hindurch. Ich sagte: „Ramazan, lass uns auflegen. Du musst früh raus, ich muss früh raus.“ Er sagte: „Nein, noch ein bisschen reden“. Dann endlich fragte er: „Würdest du mit mir einen Kaffee trinken gehen?“ Drei Monate später heirateten wir. Ich war so jung, 22 Jahre alt. Als er an jenem Morgen das Haus verließ, sagte er noch: „Heute versuche ich, das Auto zu verkaufen.“ Ich wünschte ihm: „Viel Glück.“

Frau Avci und ich telefonieren. Sie spricht türkisch. Wir kamen sehr kurzfristig zusammen. Ich hätte sie gerne besucht. Ich werde es nachholen. Manchmal überschlägt sich Frau Avcis Stimme. Dann wieder schweigt sie, seufzt, einmal höre ich, wie sie mit der Hand auf ihr Bein schlägt, ich höre: patsch, patsch, patsch.