Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Bundestag
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BerlinEs dauert genau vier Minuten, bis Richard von Weizsäcker bereits den entscheidenden, den bleibenden Satz seiner Rede sagt: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Im weiten Rund des Plenarsaals des Bundestages herrscht tiefes Schweigen.  

Weizsäcker spricht in dem für ihn typischen Redestil, klar, entschieden, mit einer Mischung aus Strenge und Verbindlichkeit. Er sucht keine Effekte und baut keine rhetorische Spannung auf. Die liegt allein im Text. Ohne Pause spricht er weiter: „Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.“

Hier nun setzt zum ersten Mal Beifall ein, und als er fortfährt mit dem Satz „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen“, wird es ein großer Beifall, in den mit kräftigem Klatschen auch Bundeskanzler Helmut Kohl einfällt, wie die Fernsehaufnahme von jenem Tag zeigt. Er sitzt mit den Präsidenten der anderen Verfassungsorgane der mit gelben Blüten schlicht geschmückten Rednertribüne gegenüber, Weizsäcker schaut auf ihn herab. Das ist nicht ohne symbolische Bedeutung, denn viele werden diese Rede Weizsäckers als eine Art Antwort auf Kohls Umgang mit der Geschichte verstehen.

Rede von Richard von Weizsäcker vom 8. Ami 1985.

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Nicht ohne Grund. Die Ansprache zum 8. Mai 1985 wurde vom Bundespräsidenten und seinen Mitarbeitern monatelang vorbereitet und als Beitrag zur gedächtnispolitischen Debatte jener Jahre konzipiert. Diese hatte sich seit der Wahl Kohls zum Bundeskanzler stark polarisiert. Kohls Diagnose einer „geistig-moralischen Krise“ als „Resultat einer seit über einem Jahrzehnt betriebenen Verunsicherung [...] im Verhältnis zu unserer Geschichte“ und „unserem nationalen Selbstverständnis“ war im linken und linksliberalen Lager von Anfang an auf vehemente Kritik gestoßen. Man fürchtete einen Schlussstrich unter die mühsam erkämpfte öffentliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, zu der nicht zuletzt die Kanzlerschaft Willy Brandts geführt hatte.

Nur drei Tage zuvor, am 5. Mai 1985, hatte Kohl gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg besucht, auf dem auch SS-Männer lagen. Dieses Treffen wurde zu einem internationalen Skandal, und Weizsäckers Rede wirkte wie ein Kontrapunkt des Staatsoberhauptes zu dem Auftritt des Kanzlers. Aber Weizsäcker wollte mehr als Tagespolitik.

Es sei ihm um eine Intervention in den bundesrepublikanischen Gedächtnis- und Identitätsdiskurs gegangen, hat die Historikerin Cornelia Siebeck analysiert: „In erster Linie ist die Rede als eine wohldurchdachte Operation historischer Sinnbildung und nationaler Vergemeinschaftung zu lesen.“ Weizsäcker selber stellte später schlicht fest: „Mir ging es um ein klares Bild über unsere Vergangenheit.“ Ihm ist es damit als einzigem Präsidenten gelungen, eine weit über seine Amtszeit hinaus gültige politisch-historisch Prägung der Republik zu hinterlassen.

Die Wirkmacht dieser Rede erklärt sich aus verschiedenen Gründen, vor allem aus ihrer Funktion als Brückenschlag: Weizsäcker sucht die Versöhnung der liberalen Konservativen mit den Linken im Land, die den Sieg der Alliierten 1945 schon lange als Befreiung auch der Deutschen vom Joch der mörderischen faschistischen Unterdrückung verstanden haben. Er holt diese Deutung in die Mitte der Gesellschaft. Das gilt auch für viele Menschen in der DDR, die den 8. Mai immer schon als Tag der Befreiung begangen hat.

Weizsäckers Rede führt wenige Jahre vor dem Fall der Mauer zu einem Stück gemeinsamem deutschen Geschichtsverständnis, das ist etwas ganz Neues und Verbindendes. Und die Ansprache wirkt generationsübergreifend. Der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte sie auf Weizsäckers Trauerfeier 2015 aus der Perspektive der damaligen Studenten: „Wir haben uns auf- und ernst genommen gefühlt darin.“ 

Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer ging noch weiter. Sie sagte, die Rede „erlaubte uns, den damals Jüngeren, ganz vorsichtig wieder einzuwandern in das eigene Land, in dem wir gelebt hatten wie Fremde.“ Ein wichtiger Adressat der Rede war aber auch Weizsäckers eigene Generation, die der jungen Kriegsteilnehmer. Viele fühlten sich herausgefordert, aber auch verstanden in dieser Einordnung des Unglücks, das ihnen in jungen Jahren aufgezwungen worden war. Dem Bundespräsidenten gelang es, die Deutschen in der Deutung des tiefsten Kulturbruchs ihrer Geschichte zu vereinen und zu versöhnen. Das ist eine historische Leistung.