Etwa ein Fünftel lehnt derzeit die Corona-Maßnahmen ab.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinCornelia Betsch erforscht an der Universität Erfurt Risikowahrnehmung und die Kommunikation von Risiken. Um einen Einblick zu erhalten, wie die Bevölkerung die Corona-Pandemie wahrnimmt, befragen sie und ihr Team seit März regelmäßig jeweils circa tausend Menschen – momentan im zweiwöchentlichen Abstand. Die schnappschussartige Beobachtung soll ein Bild der psychologischen Covid-19-Lage Deutschlands zeichnen. Gedacht ist das als Feedback für die Politik, als Grundlage für die Ausrichtung von Kommunikationsmaßnahmen und zur Unterstützung der Berichterstattung. Wir erreichen sie am Telefon.

Berliner Zeitung: Frau Betsch, Sie fragen die Deutschen seit einem halben Jahr immer wieder, was sie von den Corona-Maßnahmen der Regierung halten. Wie halten Sie es selbst mit den Regeln, tragen Sie an öffentlichen Orten eine Maske?

Cornelia Betsch: Ja, klar. Ich zweifle das nicht an. Simulationen zeigen, dass es zu einer Reduktion von Übertragungen kommt. Es ist ein Mittel, nicht perfekt und nicht das einzige, wie wir diese Pandemie kontrollieren können, aber wenn viele mitmachen, ist es eben doch wirksam. Wir sehen auch, dass sehr viele Deutsche diese Regel beachten.

Wir sehen viele Menschen ohne Mundschutz in der U-Bahn und bei Demonstrationen gegen Maßnahmen am Reichstag. Ihre Befragungen zeigen etwas anderes?

Natürlich gibt es die, die es anders machen. Aber für das, was sehr stark beworben wird, die AHA-Regeln, Abstand, Maske, Händewaschen, ist die Akzeptanz hoch. Wir fragen regelmäßig, ob die Menschen das sinnvoll finden, ob die Masken abgeschafft oder beibehalten werden sollen. Da sehen wir sehr hohe Werte für das Tragen von Masken. Am Anfang wurde ja geradezu davon abgeraten, aber mit der Einführung der Maskenpflicht ging die Akzeptanz steil nach oben.

Foto: Marco Borggreve
Cornelia Betsch

Cornelia Betsch, geboren 1979 in Witten, schloss 2002 ein Psychologiestudium an der Universität Heidelberg ab und promovierte 2006 zum Dr. phil. (summa cum laude). Ihre Arbeit über „Die Rolle von Risikowahrnehmung und Risikokommunikation bei Präventionsentscheidungen am Beispiel der Impfentscheidung“ führte zur Habilitation 2006 an der Universität Erfurt. COVID-19 Snapshot Monitoring steht als Download auf der Internetseite der Universität Erfurt bereit.

Aus Ihrer Befragung kann man entnehmen, dass 88 Prozent häufig oder immer Masken tragen. Das sind enorm viele. Können Sie noch mehr zu den Maskenträgern sagen?

Ja, Frauen tragen sie häufiger, wer mehr Vertrauen in Behörden hat, wer mehr weiß über Covid. Ältere. Wer Maske trägt, hält sich auch häufiger an andere Schutzmaßnahmen.

Wie hat sich denn die Risikowahrnehmung seit März verändert?

Sie ist im Vergleich zum Anfang auf einem niedrigeren Niveau stabil. Es gibt einen Gewöhnungseffekt. Die verbreitete Wahrnehmung scheint zu sein, dass die Zahl der Fälle momentan einigermaßen kontrollierbar ist. Zwischenzeitlich stieg die Sorge an, dass das Gesundheitssystem überlastet werden könnte, aber das hat sich auch wieder beruhigt. Im August, als die Fälle wieder hochgingen, gab es keine drastische Verschärfung der Maßnahmen. Damit kann es auch zusammenhängen, dass die Risikowahrnehmung momentan eher moderat ist.

Warum empfehlen Sie dann, über alle Maßnahmen noch mehr zu sprechen?

Die Regeln immer wieder zu wiederholen ist wichtig. Aber es muss auch noch mehr über Übertragungswege gesprochen werden und darüber, was bei einem Verdacht auf Infektion zu tun ist. Was ist zum Beispiel, wenn ein Freund des Kindes in der Schule einen positiven Test hat? Sollte es dann noch in die Schule gehen? Es ist für Betroffene sehr schwer, an Informationen zu kommen. Wenn die Zahlen jetzt weiter hochgehen, wird es mehr Fragen geben. Darf ich meinen Geburtstag feiern? Mit wie vielen Leuten ist es vertretbar, auch drinnen? Bei welchen Symptomen darf ich mein Kind in die Schule schicken und wann nicht? Ich wünsche mir da leicht auffindbare Empfehlungen, auch dort, wo es keine gesetzlichen Reglungen oder Verordnungen gibt. Viele wollen es richtig machen, denen muss man es so leicht wie möglich machen.

Was ist mit der App, sind da alle Fragen geklärt?

Nein. Es ist nicht klar, was es bedeutet, wenn ich zum Beispiel einen Risikokontakt hatte und die App immer noch „grün“ anzeigt – soll ich mich dann von alten Eltern fernhalten? Lieber nicht arbeiten gehen? Oder soll ich es ignorieren – warum wird es mir dann angezeigt? Ich soll mich bei Fragen ans Gesundheitsamt wenden, das geht aber nur, solange wir nicht allzu viele Fälle haben. Auch wenn es sinnvoll erscheint, sehr lokal zu entscheiden, weil dort das Wissen darum, „wie es wirklich ist“, am größten ist, wird das sehr individualisierte System die Grätsche machen, wenn die Zahlen hochgehen.

Wir brauchen also mehr Regeln?

Bestimmte Sachen sollten überall gelten und sich nicht verändern, wenn ich über die Grenze des Bundeslandes fahre. Wenn die Leute mehr wissen über Regeln und Übertragungswege, halten sie sich auch eher dran. Es wird auch Einheitlichkeit gewünscht. Nicht beim Lockdown, da soll es lokal gehandhabt werden, je nach Fallzahlen. Aber in den Schulen wünscht man sich zum Beispiel bundeslandspezifische Regeln und keine schulspezifischen Regeln. Ein Schulleiter hat nicht die dieselbe Expertenberatung, die Landespolitiker haben können. Und er muss im Zweifel alles mit nörgelnden Eltern aushandeln – da ist es für alle besser, wenn es klare Kriterien „von oben“ gibt. Und es sollte auch nicht jedes Gesundheitsamt alles neu erfinden müssen. Die Kriterien sind oft nicht klar genug, und das sorgt für doppelte Arbeit und Unsicherheit.

Wir erreicht man denn Zweifler?

Etwa ein Fünftel lehnt derzeit Maßnahmen ab. Man muss schauen, was dahinterliegt. Es sind oft Leute, die sich ökonomisch unter Stress gesetzt fühlen, die vor dem Jobverlust stehen, die es sich nicht leisten können, im Homeschooling zu sein. Unter den Maßnahmenablehnern sind auch Verschwörungstheorien mehr verbreitet, gern auch zwei sich ausschließende Theorien gleichzeitig: Corona ist menschengemacht, und Corona gibt es gar nicht. Daran sieht man, dass die eigentliche Verschwörungstheorie fast egal ist. Es geht oft darum, sich Gehör zu verschaffen. Es sollte von der Politik als Aufforderung verstanden werden zuzuhören.

Würden Sie insgesamt eher auf Verbote oder Empfehlungen setzen?

Es kommt darauf an, was man erreichen will. Wir fragen auch, ob die Leute es gut finden, wenn es nur freiwillige Empfehlungen gäbe. 40 Prozent sagen, dass sie nicht glauben, dass Freiwilligkeit etwas bringt. Noch weniger glauben, dass sich die Leute dann dran halten würden. Menschen, die Maßnahmen ablehnen, wünschen sich mehr Freiwilligkeit, aber sie halten sich auch weniger dran. Beim Maskentragen haben wir sehr deutlich gesehen, dass Regulierung funktioniert. Beim Feiern sehen wir, dass es wieder gemacht wird, wenn es erlaubt ist. Wenn man eine schnelle Verhaltensänderung braucht, ist Regulierung wohl das Mittel der Wahl.

Das ist interessant. Warum funktioniert es besser, wenn verordnet wird?

Zum einen ist es dann eben eine geltende Regel, und daran halten sich die meisten auch. Zum anderen hängt es vermutlich auch mit der Risikowahrnehmung zusammen. Wenn die Pandemie sich stärker entwickelt, steigt die Risikowahrnehmung auf natürlichem Wege. Aber auch eine starke Regulierung kann die Risikowahrnehmung erhöhen. Wenn ich meine Grundrechte nicht mehr wahrnehmen darf und mich nicht mehr frei bewegen darf, hat das Signalwirkung – natürlich gilt das nicht beliebig, das Vertrauen in die Regulierer muss dabei ebenfalls hoch sein, und das war es bislang auch.

Wie kann man die jüngeren Leute besser erreichen?

Jüngere Leute haben ein geringeres Risiko für schwere Verläufe, das spiegelt sich auch in der Risikowahrnehmung. Und wer ein geringeres Risiko fühlt, der verhält sich eben auch so, vor allem, wenn Dinge erlaubt sind. Soziale Appelle haben sich in der Forschungsliteratur bewährt, also betonen, dass man auch andere schützt. Manches sollte wenn nötig trotzdem verboten werden – eine Mischung aus guter Risikokommunikation und klaren Regeln, deren Einhaltung dann aber auch kontrolliert werden muss.

Warum ist das Vertrauen in Wissenschaft und Regierung in dieser Krise so extrem hoch?

Es ist gut gelaufen. Es war gut, dass sich regelmäßig Wissenschaftler zu Wort gemeldet haben in Podcasts, Stellungnahmen und auch in anderen Interaktionen mit der Politik und Öffentlichkeit. Es war eine hohe Aufmerksamkeit damit verbunden. Die Regierung hat die Wissenschaft genutzt, um Maßnahmen zu begründen. Sie hat aber auch von der Wissenschaft gelernt und sich irgendwann getraut zu sagen: Das ist der Stand heute und morgen ist es vielleicht anders. Manches muss man auch mal revidieren. Regelmäßige Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts haben sicher auch geholfen. Vertrauen ist ein Resultat von gelungener Krisenkommunikation.

Aber der Gesundheitsminister Jens Spahn hat doch sehr geschwankt in seinem Kurs?

Man kann immer etwas finden, was nicht gut lief. Es muss auch sicher noch manches erledigt werden. Wie soll ich mich verhalten, wenn ich denke, ich hatte vielleicht Kontakt zu Infizierten, kann ich Schritt halten mit der Veränderung der Regeln, wird auf Falschinformationen eingegangen, wie wird mit mir kommuniziert, wenn ich infiziert bin, kann die App ihre Wirkung entfalten, wie geht man mit dem Impfthema um: Da gibt es viele lose Enden, die aufgenommen werden müssten. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen mal ganz außen vor gelassen.

Vermutlich ist noch nie in einer Krise so viel informiert worden wie in dieser. Das scheint ja ein erfolgversprechendes Rezept zu sein?

Informieren ist das eine, zuhören das andere – dass das wichtig ist, steht in jedem Krisenhandbuch auf Seite eins. Da müssen sich vielleicht auch noch neue Formate etablieren, bei denen Bürger stärker beteiligt werden. Unsere Studie ist da ein Baustein, aber da geht noch mehr und da muss die Politik selbst aktiv werden.