Berlin - Es kann niemand behaupten, sie hätten es sich in den letzten Monaten leicht gemacht. Weder die Bundeskanzlerin noch der Bundesgesundheitsminister noch die Regierungschefinnen und -chefs der Länder, die sich regelmäßig zur Ministerpräsidentenkonferenz, kurz MPK, zusammenfinden, um über Maßnahmen in der Corona-Pandemie zu beraten.

Das sei vorangestellt angesichts der MPK-Marathonsitzung von Montag samt der absurden, später wieder zurückgenommenen Entscheidung, die Oster-Feiertagsruhe um zwei Tage auszuweiten. Eine Entscheidung, für die sich Angela Merkel am Mittwoch gleich zweimal entschuldigte. Sofort erging sich ganz Deutschland in der Interpretationen dieses scheinbar so historischen Schrittes.

Natürlich war die Entschuldigung Merkels richtig und man kann, man sollte Respekt davor haben. Am Ende aber ist sie eine Symbolhandlung. Denn das eigentliche Ärgernis, von dem eine öffentliche Kanzlerinnen-Entschuldigung, so aufrichtig sie auch gemeint sein mag, ablenkt, liegt anderswo.

Ein vermeidbarer Fehler der MPK

Der Vorschlag, als Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie zusätzliche Ruhetage einzuführen, ohne Sinn und Machbarkeit der Maßnahme auch nur ansatzweise zu überprüfen, war nur ein Fehler von vielen, aber einer, der vermeidbar gewesen wäre und der hätte vermieden werden müssen. Und der die große Ratlosigkeit zeigt, die in der Politik herrscht.

Blickt man ein paar Monate zurück, so lässt sich feststellen, dass es wohl selten eine Krisensituation gab, in der politisch Verantwortlichen so viel Raum für Fehlentscheidungen zugestanden wurde wie in der Corona-Pandemie, wo sich Forschungserkenntnisse im Wochentakt einstellten und der medizinische Fortschritt nicht schrittzuhalten drohte. Trotz oder gerade wegen dieser Unsicherheiten war das Vertrauen in die Politik groß.

Das hätte eine Chance sein können, gerade weil der populistische Ansatz „die Politiker da oben“ versus „wir Bürger hier unten“ in der Pandemie nicht greift. Stattdessen war von Anfang an klar: Nur gemeinsam können wir das Virus besiegen. Selbst als sich zeigte, dass die große geplante Impfoffensive doch eher ein Nebenkriegsschauplatz wurde, schwankte das Vertrauen in die Fähigkeiten der politischen Führungsriege zwar – aber es stürzte nicht ein.

Dass sich das jetzt ändern könnte, liegt nicht daran, dass die Menschen auf einmal nicht mehr verstehen, wie ernst die Lage ist. Und erst recht nicht daran, dass sie von den Regierungsverantwortlichen Übermenschliches verlangen.

Niemand behauptet, es wäre einfach, ein Land durch eine Krise zu navigieren

Politikerinnen und Politiker haben die Aufgabe übernommen, Entscheidungen zu treffen. Dafür, dass das mitunter schwer ist, kann man Verständnis haben. Mitleid aber ist unangebracht. Da muss man nicht erst betonen, dass Regierungsverantwortliche, sei es auf Bundes- oder Landesebene, einen Eid geschworen haben, mit dem sie ihr Tun in den Dienst des Volkes stellen. Dass die politische Verantwortung für ein ganzes Land auf ihren Schultern lastet, ist ebenso Teil ihres Berufes wie die Macht, die ihnen übertragen wurde. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille, und es ist keine Option, nach dem einen zu streben, das andere aber nicht tragen zu wollen.

Nun hat niemand behauptet, es wäre einfach, ein Land durch eine beispiellose Krise zu navigieren. Absolute Fehlerlosigkeit angesichts einer dynamischen Pandemieentwicklung kann man dabei kaum verlangen. Was man aber verlangen kann, ist ein Höchstmaß an Professionalität.

Angesichts dessen ist es einigermaßen irritierend zu beobachten, wie erratisch die Mitglieder der MPK agieren. Denn die unglückliche Hals-über-Kopf-Oster-Entscheidung ist nicht das erste Armutszeugnis des Gremiums. Man erinnere sich nur an den Impfgipfel im Februar, der den Eindruck erweckte, die Chefs von Bund und Ländern suchten tatsächlich das erste Mal ernsthaft den Kontakt zu den Impfstoffentwicklern – ein Jahr nach Pandemiebeginn.

Wahlkampf statt Pandemiebewältigung?

Am Ende entsteht so der fatale Eindruck, die Pandemie werde von den Verantwortlichen missbraucht. Als stünden parteipolitische Befindlichkeiten über dem ernsthaften Ansinnen, die Virus-Krise zu besiegen. Schließlich war den MPK-Protagonisten in der Nacht zu Dienstag offenbar nichts wichtiger, als den potenziellen Wählern irgendein Ergebnis zu präsentieren, so halbgar es auch sein mochte.

Eine gescheiterte Verhandlungsrunde einzugestehen und eine neue anzuberaumen, hätte hingegen unterstrichen, dass sich die politische Führungsriege auch im Superwahljahr noch an ihren Amtseid erinnert, statt nur blinden Wahlkampf zu betreiben.

Einen Wahlkampf, in dem die besten Karten übrigens voraussichtlich diejenigen haben werden, die ihre Verantwortung in der Krisenbewältigung jetzt besonders ernst nehmen.