2020 findet die Feier zur deutschen Einheit in Potsdam statt.
Foto: Andreas Gora/imago

Berlin - Die Lebensverhältnisse im Osten und Westen der Republik gleichen sich zwar weiter an, die regionalen Unterschiede sind aber immer noch erheblich. Das geht aus dem neuen Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit hervor, der der Berliner Zeitung vorliegt. So klaffen insbesondere die Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten sowie die Infrastruktur und Daseinsvorsorge je nach Region auseinander.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi)

Im Osten erreicht das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 73 Prozent des bundesdeutschen Durchschnitts. Positiver Ausreißer nach oben ist Berlin mit 79 Prozent. 1990 lag die ostdeutsche Wirtschaftskraft noch bei 37 Prozent. Damit liegt die Wirtschaftskraft des Ostens laut Bericht gleichauf mit „vielen französischen Regionen“.

Noch hat kein ostdeutsches Flächenland mit dem Westen gleichgezogen

Ebenfalls geringer als im Westen ist das ostdeutsche Haushaltseinkommen. Das beträgt aktuell 88 Prozent des gesamtdeutschen Durchschnitts. „Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer hat noch kein Flächenland der neuen Bundesländer das Niveau des westdeutschen Landes mit der niedrigsten Wirtschaftskraft erreicht“, stellt der Bericht fest. Lediglich Brandenburg und Sachsen haben zum Saarland, dem wirtschaftsschwächsten westdeutschen Land, aufgeschlossen.  Das niedrigste Niveau erreichen die Haushalte in Mecklenburg-Vorpommern. Die Gründe für die Differenz sind vielfältig. Einerseits fehlen den Länden Konzerne und große Mittelständler. Dadurch mangelt es wiederum an Investitionen und Innovationspotenzial. Andererseits tragen sinkende Einwohnerzahlen und ein nur geringer Zuzug von Fachkräften zur Strukturschwäche bei.

Unterschiede spiegeln sich heute noch im Familienleben wider. So nutzen ostdeutsche Mütter die – strukturell besser ausgebauten – Kinderbetreuungsmöglichkeiten intensiver als westdeutsche Mütter. Das schlägt sich auch in der Erwerbsarbeit nieder. Während im Osten 74 Prozent aller Mütter einer Arbeit nachgehen, sind es im Westen sechs Prozent weniger. Dabei arbeiten ostdeutsche Mütter häufiger in Vollzeit. Signifikante Unterschiede gibt es dem Bericht zufolge in den Familienkonstellationen. Im Westen gibt es mehr verheiratete Paare und weniger Alleinerziehende als in den neuen Ländern.

Insgesamt haben sich die Lebenseinstellungen der Bundesbürger einander angeglichen. Der Bericht stellt fest, dass die Menschen heutzutage zufriedener sind als zur Wendezeit. So beurteilten im Westen 66 Prozent der Einwohner ihre wirtschaftliche Situation als „gut“, im Osten waren es dem Bericht zufolge zwei Prozent mehr. Lediglich die Corona-Krise hat der Zufriedenheit ein messbares Ende gesetzt.

Ostdeutsche haben geringeres Vertrauen in die Politik

Doch Einigkeit herrscht nicht auf allen Gebieten. „Politische Wertüberzeugungen“, beschreibt der Bericht als „eines der wenigen Felder“, in denen messbare Differenzen feststellbar sind. „Kennzeichnend dafür ist eine in den neuen Ländern durchgängig skeptischere und auch kritischer ausgeprägte Grundeinstellung gegenüber Politik“, heißt es in dem Bericht.

Zwar ist ein „nennenswerter Teil“ unzufriedener Bürger in der ganzen Republik nachweisbar, doch im Osten ist dieser stärker ausgeprägt. So wird das Vertrauen in die Institutionen Bundestag und Bundesregierung für Gesamtdeutschland als „gering ausgeprägt“ bezeichnet. Mit der aktuellen Bundesregierung sind 30 Prozent der Ostdeutschen absolut unzufrieden, bei den Westdeutschen sind es nur 18 Prozent. Die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform für Deutschland liegt bundesweit bei 88 Prozent. Die Ostdeutschen stimmen zu 78 Prozent zu. 2007 lag die Zustimmung im Osten noch bei 56 Prozent.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi)

Während der Mauerfall und wirtschaftliche Entwicklungen in Ost und West annähernd gleich bewertet werden, gehen die Einstellungen gegenüber politischen Institutionen sowie „der Verbreitung rechtsextremistischer Orientierungen“ noch auseinander. Diese Differenzen sind laut Bericht jedoch kein grundlegendes Problem, sondern gradueller Natur.