Für die Franzosen kommt es knüppeldick. Der Terror ist über sie hereingebrochen, die Arbeitslosigkeit hat ein neues Rekordhoch erreicht, und nun greift auch noch der rechtspopulistische Front National nach der Macht, der doch am allerwenigsten berufen ist, die zerklüftete, von Fliehkräften gezeichnete französische Nation zu einen. In sechs der 13 Regionen liegt der FN nach der ersten Runde der Regionalwahlen vorn, in drei hat er beste Chancen, erstmals eine Regionalregierung zu stellen. Mit Blick auf die im Frühjahr 2017 stattfindenden Präsidentschaftswahlen lässt dies für Frankreich und damit auch für Europa Schlimmes befürchten.

Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Der Kampf gegen den Terror, der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, der Kampf gegen den Rechtsextremismus – sie alle verlangen einen langen Atem. Wenn Marine Le Pens Front National am Sonntag zur stärksten politischen Kraft aufgestiegen ist, dann ja auch deshalb, weil sie Illusionen auf einfache Lösungen geweckt hat. Frankreich raus aus Europa, Grenzen dicht, die Muslime christliche Werte lehren und voilà, alles wird gut – das ist die Botschaft der Rechtspopulisten.

Keiner hält, was er verspricht

Und niemand soll glauben, mit vereinten Kräften würden Sozialisten und Konservative sie dauerhaft ausbremsen können. Gewiss, dass die Sozialisten in zwei FN-Hochburgen auf eine Teilnahme an der zweiten Regionalwahlrunde verzichten, mag den Konservativen dort Stimmen sozialistisch gesinnter Wähler eintragen.

Der Rückzug der Linken ist für Marine Le Pen zugleich aber auch Wahlkampfmunition. Wenn es drauf ankomme, wenn es also um den Erhalt der Macht gehe, arbeiteten die verkommenen Eliten links und rechts der politischen Mitte zusammen, pflegt die selbst ernannte Anwältin des kleinen Mannes zu versichern. Der Aufruf der Sozialisten, mit den Konservativen gemeinsame Sache zu machen, scheint dies aufs Vortrefflichste zu illustrieren.

Was nicht heißt, dass FN-Wähler der Rechtspopulistin blind vertrauen. So mancher sieht in der Stärkung des Front National ein Experiment, das sehr wohl schiefgehen kann. Wenn er sich darauf einlässt, dann deshalb, weil in seinen Augen alles andere bereits schiefgegangen ist. Weder der rechtsbürgerliche Nicolas Sarkozy noch sein sozialistischer Nachfolger François Hollande haben im Präsidentenamt eingelöst, was sie versprochen hatten. Sarkozy wollte verkrustete Machtstrukturen aufbrechen und eine Aufbruchsstimmung entfachen. Hollande wollte Europa auf sozialistischen Kurs bringen und Frankreich ohne einschneidende Sparmaßnahmen international wettbewerbsfähig machen. Nichts davon ist Wirklichkeit geworden.

Und was das Frustrierendste ist: Die beiden Politiker, die das Vertrauen des Wählers verspielt haben, streben nun entschlossen ein zweites Mandat an. Knapp anderthalb Jahren vor den Präsidentschaftswahlen will Hollande im Elysée-Palast bleiben, Sarkozy dorthin zurückkehren. Beide taktieren, aber keiner wartet mit einer schlüssigen Strategie auf, wie er Frankreich aus der Krise führen will.

Keine Partei, für die die Wahl sich lohnte

Was Wunder, dass bei den zu Schicksalswahlen hochstilisierten Regionalwahlen 50 Prozent der Stimmberechtigten zu Hause geblieben sind. Wer den Glauben an Hollande und Sarkozy verloren hat, aber auch den Schalmeienklängen Marine Le Pens nicht erlegen ist, hat allen drei den Rücken gekehrt. Anders gesagt: 20 Millionen Franzosen haben am Sonntag keine Partei gefunden, für die es sich lohnte, ins Wahllokal zu gehen.

So deprimierend dies klingt, es lässt auch hoffen. Wenn es gelingt, die am Wahltag schweigenden Millionen für ein zwar langwieriges, aber realistisches Krisenmanagement zu gewinnen, wäre der Front National im Nu wieder da, wo er hingehört: am politischen Rand.

Und es gibt sie ja, die Stimmen der Vernunft. Der Konservative Alain Juppé etwa hebt sich wohltuend von polternden Parteifreunden ab, die dem Front National nacheifern, ihrerseits Fremden- und Islamfeindliches propagieren und sich wundern, dass der Wähler das Original der Kopie vorzieht. Auch die geradlinige Sozialistin Anne Hidalgo weckt Hoffnungen. Der Pariser Bürgermeisterin werden Chancen eingeräumt, wie einst Jacques Chirac vom Rathaus aus nach der Präsidentenschärpe zu greifen. Als erste Frau im Elysée-Palast könnte sie Geschichte schreiben. Noch finden die Stimmen der Vernunft allerdings kaum Gehör. Und noch sieht es nicht so aus, als sollte sich in den knapp 17 Monaten bis zu den Präsidentschaftswahlen daran etwas ändern.