Gemeinsam mit Peter Habeler bestieg Reinhold Messner 1978 als Erster den Gipfel des Mount Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff. Und wiederum als erster Mensch stand er auf den Gipfeln aller vierzehn Achttausender – ohne Flaschensauerstoff. Seine alpinen Exkursionen, aber auch zahlreichen anderen Abenteuerreisen hat Messner in vielen Büchern verarbeitet. Und hält darüber auch gerne Vorträge: An diesem Freitag wird Messner um 20 Uhr an der Universität der Künste/Konzertsaal zum Thema „Leben am Limit“ sprechen.

Herr Messner, wie weit sind Sie mit dem sechsten, dem letzten Ihrer Bergmuseen in Südtirol?

Im Herbst, zu meinem 70. Geburtstag, will ich es fertig eingerichtet haben.

Dieses Museum wird sich vor allem mit den Bergsteigern beschäftigen. Sie hatten immer wieder Streit. Wird es eine Art Abrechnung?

Keineswegs. Die Beziehungen zu meinen Kollegen, den Partnern, mit denen ich etwas unternommen habe, sind so gut wie nie. Probleme gab es eigentlich immer nur mit der sogenannten Szene.

Was ist der Unterschied zwischen Bergsteigern und Bergszene?

Bei den Leuten der Szene gab es immer sehr viel Neid, sehr viel Häme. Da waren auch immer Denunzianten. Ich werde nie mehr auf irgendeine Kritik aus dieser Richtung antworten. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man auf Erfundenes und Verschwörungstheorien reagiert und etwas richtigstellen will, wird es immer nur noch schlimmer. Ich habe genügend Auseinandersetzungen geführt, alles ist gesagt. Jetzt will ich nur noch meine Erfahrungen mit einem Publikum teilen, das dafür Interesse hat.

Immer wieder haben Sie den Zauber der Berge beschworen. Sind die Berge nicht längst nur noch Sportgerät für risikobereite Tiefschneefahrer, Skiflieger, Paraglider oder Mountainbiker?

Die Berge werden von vielen nur noch als Kulisse benutzt. Es hatte zwischenzeitlich den Anschein, die Alpen würden zu einem einzigen Hype werden. Das Bergsteigen hat sich in Tourismus und reinen Sport verwandelt. Es gibt heute weniger Bergsteiger als vor 30 Jahren. Aber das hat eine positive Seite: Das hat den Bergsteigern Räume zurückgebracht, denn die Szene geht auf das Matterhorn, den Mont Blanc, den Kilimandscharo und bei genügend Kleingeld auf den Everest. Und die Skifahrer sind dort, wo alle schon sind. Die Faszination der Berge beginnt aber dort, wo die anderen nicht sind.

Gibt es diesen Ort in den Alpen denn überhaupt?

Unbedingt. Nur zehn Minuten von meinem Wohnort gibt es Plätze, an die nur alle Jahre einmal ein Mensch kommt. Das ist nicht das große Abenteuer, Eis, Fels und Schnee. Aber es ist faszinierend. Es hat auch Vorteile, dass die Menschen dazu neigen, sich in Massen zu treffen. 95 Prozent der Alpen sind wild und verlassen.

Haben diese Plätze eine Chance oder werden Sie einfach nur später überrannt, wenn sich die heutigen Touristenzentren vernutzt haben?

Das ist tatsächlich eine Gefahr, aber im Moment passiert das nicht. Ich bin überzeugt, dass das Pendel wieder zum traditionellen Alpinismus zurückschlagen wird. Dass Werte wie Stille, Entschleunigung, Verzicht wieder in den Vordergrund rücken. Es gibt junge Leute wie David Lama oder Hansjörg Auer, die diese Pfade wieder gehen. Für die anderen gibt es das Jungfraujoch, das ist auch in Ordnung. Das ist seit hundert Jahren verbaut. Da können Europäer, Japaner, Amerikaner und Chinesen mit der Bahn hinauffahren und fotografieren. Da sind sie einen Tag lang gut untergebracht und sie lassen die übrige Natur in Ruhe.

Spricht da die Arroganz dessen, der alles gehabt hat?

Ich hindere niemanden daran, dorthin zu gehen, wo die anderen nicht sind. Mir ging es übrigens nie um Rekorde.

Sie haben aber eine Menge aufgestellt.

Ich lasse mir aber nicht vorwerfen, dass ich durch meine öffentliche Präsenz Schuld daran bin, dass die Berge überrannt sind. Ich habe genau das Gegenteil davon vorgemacht und propagiert. Ich habe auf die Gefahren hingewiesen. Die alpinen Vereine wie etwa der Deutsche Alpenverein mit einer Million Mitgliedern sind Massentourismus-Organisationen.

Wenn heute der Speedkletterer Christian Stangl einen Rekord nach dem anderen aufstellt, dann tritt er doch in ihre Nachfolge als einer, der Grenzen überschreitet.

Er ist ein sehr schneller Bergsteiger, aber er interessiert mich nicht. Er hat noch nie eine große Tour gemacht. Mich interessiert, wenn jemand in der Wildnis auf sich allein gestellt die wildesten Sachen macht. Mich interessiert nicht, ob es jemand schafft, fünf Mal an einem Tag das Matterhorn zu besteigen. In meiner Chronik des Bergsteigens kommt er nicht vor.

Das Museum wird bald fertig sein. Haben Sie Angst vor der Frage: Und was kommt dann?

Nein, weil ich die Erfahrung habe, dass immer etwas kommt. Ich werde danach ein neues Leben beginnen. Da ich jetzt 70 werde, wird es vielleicht mein letztes Leben sein.

Das Gespräch führte Frank Herold.