Ein Reisebericht aus der Ukraine: Wo russische Scharfschützen ukrainischen Bürgern auflauern

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Marcus Faber war zum zweiten Mal für mehrere Tage in der Ukraine. Seine Erlebnisse nahe der Front schildert er in einem exklusiven Gastbeitrag.

Isjum, in der Region Charkiw. Ein zerstörtes Mehrfamilienhaus mit Spielplatz
Isjum, in der Region Charkiw. Ein zerstörtes Mehrfamilienhaus mit Spielplatzimago/Ukrinform

Als ich im August in Kiew, Charkiw und im Donbass war, war die Ukraine in Bewegung. Nach dem Schock von Russlands Überfall war der bloße Impuls zu überleben spürbar. Die Hoffnung, dass die grausamen Taten in Butscha nicht aufs ganze Land übergehen dürfen. Die Befreiungen von Lyman und Cherson haben diese Hoffnung durch die entdeckten Massengräber und Folterkammern zerstört. Heute wissen die Ukrainerinnen und Ukrainer, dass es ein langer, schmerzvoller Weg bis zum Sieg werden kann. Die Ratio hat die Emotio verdrängt. Die Entschlossenheit ist geblieben.

Das wird deutlich, wenn man im Präsidentenpalast über die täglich verschossene Munition und den benötigten Nachschub redet – über die Produktionskapazitäten, die in Europa geschaffen werden müssen. Das wird deutlich, wenn man sich in Charkiw die bombardierte Sporthalle der Universität zeigen lässt – ein Totalschaden. Dennoch sind die Menschen hoffnungsvoll, dass es besser wird. Der Feind ist zurückgedrängt. Die Hälfte der besetzten Gebiete ist befreit. Die Einschläge der Raketen und Kamikaze-Drohnen werden weniger. Und meistens hat man sogar Strom und Heizung.

Um den russischen Krieg erfolgreich abwehren zu können, braucht es moderne Panzer

Es ist kalt, und ich spüre die frostige Luft auf meiner Haut. Der Panzertruppe an der Front bei Kupjansk merkt man die minus 15 Grad Celsius gar nicht an. Sie sind stolz auf ihren T64. Sie erklären die Bedienung des Geräts gerne sehr praktisch, im Kampfpanzer. Ein robustes Fahrzeug aus einer anderen Zeit. Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass es in den Dienst gestellt wurde. Auch nach der erfolgreichen Zerstörung von Panzern der Besatzer wissen die jungen Ukrainer, dass sie mit einem Leopard 2 erfolgreicher sein könnten. Natürlich ist das ihr Wunsch für 2023. Sie wollen modernes Gerät, um ihr Land schneller und mit weniger Verlusten zu befreien. Sie wollen den Leopard, um den Krieg schneller erfolgreich zu beenden. In der Ukraine vergeht kein Gespräch, ohne dass dieser Wunsch geäußert wird.

Die Fahrt durch Lyman ist eisig. 30 Prozent der Wohngebäude sind komplett zerstört, 90 Prozent sind beschädigt. Eine Heizung hilft wenig, wenn die Wohnung keine Fenster mehr hat. Etwas außerhalb der Stadt findet man die Massengräber. 350 Menschen wurden hier verscharrt, davon 290 Zivilisten. Die 60 Kinder darunter gehen mir besonders nah. Die Ukrainer nehmen vor der ordentlichen Bestattung DNA-Proben zur Identifizierung. Sie gleichen sie mit DNA-Proben von Bürgern ab, die Angehörige vermissen. So konnten viele Opfer identifiziert werden.

Charkiw: die durch russische Raketen zerstörte Sporthalle der Universität
Charkiw: die durch russische Raketen zerstörte Sporthalle der UniversitätDr. Marcus Faber

Im August konnte ich in Kramatorsk bei 35 Grad Celsius sehen, wie Schützengräben in der Innenstadt ausgehoben wurden. Damals habe ich nicht angenommen, die Stadt noch einmal besuchen zu können. Die Stadt wurde gehalten. Die Schützengräben sind noch da. Und zum Glück unbesetzt. Die stärksten Kämpfe finden 40 Kilometer entfernt, in Bachmut, statt. Die Unmenschlichkeit des Häuserkampfs dort will ich mir nicht vorstellen.

Die Bitte des Kommandeurs eines Infanteriebataillons nach mehr modernen Gewehren und Munition kommt da wenig überraschend. Meine Frage nach seiner Rotation und ob er auch Fronturlaub bekomme, beantwortet er lächelnd.

Mein Heimatort ist besetzt. Dort kann ist nicht hin. Meine Familie ist ins Ausland geflohen. Auch dort kann ich als wehrfähiger Mann nicht hin.“

Kommandeur eines Infanteriebataillons

Im gleichen Atemzug ergänzt der Kommandeur kämpferisch und hoffnungsvoll zugleich:

Ich brauche keinen Fronturlaub. Ich brauche jetzt Gewehre. Für den Sieg. Danach möchte ich Urlaub machen.“

Scharfschützen lauern Bürgern auf

In Saporischschja ist es ruhig. Keine Häuserzeilen mehr, die willkürlich weggesprengt werden. Die S300-Batterien der Invasionstruppen wurden größtenteils durch das Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesystem Himars zerstört. Danach hat der Feind die verbliebenen außer Reichweite der Stadt zurückverlegt.

In den Dörfern weiter südlich sieht das anders aus. Die russische Artillerie kann jederzeit einschlagen und tut es täglich. Einige alte Menschen und wenige Familien wollen das Evakuierungsangebot der ukrainischen Regierung nicht annehmen.

Es ist unsere Heimat und wir haben doch sonst nichts. Wenn die ukrainische Armee endlich vorrückt, würde es schon besser werden.“

Ukrainerin im Gespräch mit Marcus Faber

Nur kann sie seit Monaten nicht vorrücken, denn es fehlt an Panzern und Artillerie. Die Zerstörung dieser Dörfer ist ein Zeugnis davon.

Ausgebrannte Kinderbetten in der Geburtsklinik in Cherson nach einem russischen Raketenangriff
Ausgebrannte Kinderbetten in der Geburtsklinik in Cherson nach einem russischen Raketenangriffimago/Independent Photo Agency Int.

Das schlechteste Wasser der Ukraine findet man in Mykolajiw. Die Stadt, vor der die Russen gestoppt wurden, hat nach zahlreichen Bombardierungen kein funktionierendes Klärwerk mehr. Man behilft sich mit Wasser aus dem Fluss Dnepr und chlort es ordentlich. Seit von hieraus die Befreiung von Cherson organisiert wurde, sind zumindest die Einschläge massiv zurückgegangen. Diese konzentrieren sich jetzt auf die Nachbarstadt. Zwischen Cherson und den Besatzern liegt nur der Fluss. Der Beschuss erfolgt daher nicht nur mit Raketen, Drohnen und Artillerie. Auch Mörser kommen zum Einsatz.

Scharfschützen lauern Bürgern auf. Alle zwei, drei Minuten hört man das dumpfe Grollen einer einschlagenden Granate.“

Marcus Faber

Dennoch herrscht geschäftiges Treiben in der Stadt, die einst 300.000 Einwohner hatte und heute wohl nur noch 70.000 zählt. Der Gouverneur strotzt vor Optimismus. Er will mit verteilten Kleinstbunkern die Sicherheit seiner Bürger erhöhen und den Wiederaufbau voranbringen. Sein Büro liegt aus Sicherheitsgründen im Keller und ähnelt einem Bunker.

500 Menschen wurden allein in diesem Haus gefoltert

Den Optimismus des Gouverneurs kann der pensionierte Polizist nicht teilen, der mir von seiner wochenlangen Folter durch die Besatzer erzählt. Die Schläge wären verkraftbar gewesen, meint er, aber die Elektroden nicht. Sie wurden manchmal an seinen Ohrläppchen angebracht, manchmal an seinen Hoden. „Die Schmerzen der Stromstöße hallen nach.“ Wir stehen in seiner alten Zelle. Sie ist für zwei bis drei Personen ausgelegt. Sie waren hier zu neunt. An den Wänden sind Spuren der Gefangenen geblieben, die von der Verzweiflung und der Hoffnung auf Erlösung zeugen. 500 Menschen wurden allein in diesem Haus gefoltert. In ganz Cherson waren es Tausende. Mutig finde ich, dass er mir das erzählt, während die nächste russische Stellung nur gute zwei Kilometer entfernt ist und wir die Artillerie hören. Gebrochen ist er nicht.

Dr. Marcus Faber und ein ukrainischer Polizist in einer Folterzelle. Hier haben russische Soldaten ukrainische Bürger misshandelt.
Dr. Marcus Faber und ein ukrainischer Polizist in einer Folterzelle. Hier haben russische Soldaten ukrainische Bürger misshandelt.Marcus Faber

Im Kinderkrankenhaus treffe ich eine Ärztin, die Kinder vor der Deportation nach Russland bewahrt hat. Sie gab Behandlungen vor, damit die Kinder bleiben mussten.

10.000 Kinder werden in den besetzten Gebieten vermisst. Sie wurden mutmaßlich nach Russland verschleppt, um dort zur Adoption verkauft zu werden.“

Unbekümmert ist die Ärztin dennoch nicht. Um die Jahreswende wurde das Kinderkrankenhaus bombardiert. Acht Einschläge in unmittelbarer Umgebung. Seitdem ist nur noch das halbe Krankenhaus nutzbar.

Den „Sound of Ukraine“ lerne ich in Odessa kennen. Laut surrende Generatoren vor jedem Café. Das Stromnetz ist fragil. Als ich eine der wichtigsten Trafo-Stationen besuche, erschließt sich mir aus den Spuren der Angriffe auch warum. Die „Luftverteidigung“ der Station besteht aus einem Geschütz aus dem Jahr 1947. Es feuert einen Schuss pro Minute ab. Da haben die Drohnen leichtes Spiel. Militärische Hilfe würden sie hier gern humanitär einsetzen, meint der Direktor der Anlage. Doch davon kommt zu wenig an. So wie auch zu wenig Getreide aus dem Hafen von Odessa in der Welt ankommt, sagt der Gouverneur der Region. Man könne pro Tag bis zu 20 Schiffe abfertigen. Der russische Teil der Arbeitsgruppe im Bosporus bearbeite täglich nur drei bis vier Anträge, sicher nicht aus Versehen.

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imago/Christian Spicker
Zur Person
Dr. Marcus Faber, 38 Jahre alt, kommt aus Stendal (Sachsen-Anhalt). Er ist seit 2017 Bundestagsabgeordneter und gehört der FDP-Fraktion an. Er ist Verteidigungsexperte und Mitglied des Verteidigungsausschusses.

Das Schwarze Meer kann man in Odessa sehen, spüren kann man es nicht. Alle Zugänge sind abgesperrt, Teile der Gewässer sind vermint, um eine Invasion von der See aus zu verhindern.

Die Ukrainer kämpfen und sterben allein, aber nicht nur für sich

Zum Abschluss meiner Reise besuche ich Lwiw. Man erweitert gerade das Krankenhaus, um der Verwundeten aus dem Osten Herr zu werden. Auch die Prothesenproduktion soll aufgenommen werden. Der Bedarf ist groß. Der Chefarzt spricht mit einem traumatisierten Soldaten aus Bachmut. Er hat nur noch ein Bein.

In den acht Tagen habe ich viele Anekdoten von Ukrainern gehört, was sie nach dem Sieg alles machen möchten. Wie viele Ukrainer diesen Tag erleben werden und wann, das liegt auch an uns in Deutschland. Die Ukraine bei der Selbstverteidigung ihres Territoriums materiell zu unterstützen, liegt nicht nur in unserem und im europäischen Sicherheitsinteresse.

Wir tragen auch eine moralische Verantwortung, unserem überfallenen Nachbarn in gemeinsamer Anstrengung mit unseren Partnern in EU und Nato zu helfen.“

Dr. Marcus Faber

Russlands bewusster Verbreitung von Terror gegen die Zivilbevölkerung dürfen wir nicht tatenlos zusehen. Wenn wir unserem eigenen Anspruch gerecht werden wollen, eine konstruktive Führungsrolle in Europa zu spielen, müssen wir der konstatierten Zeitenwende auch Taten folgen lassen. Denn wie Bundeskanzler Scholz drei Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine betonte: „Für ein Land unserer Größe und unserer Bedeutung in Europa“ müsse das möglich sein. Die Ukrainer kämpfen und sterben allein, aber nicht nur für sich. Wir sollten so rational sein wie sie und ihnen helfen, so gut wie wir können. Wie unsere Verbündeten können auch wir ihnen Kampfpanzer liefern.

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