Renate Künast.
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

BerlinIst Fleisch ein Luxusprodukt? Diese Frage bringe die Debatte nicht weiter, sagt Renate Künast. Nötig sei ein grundsätzlicher Wandel. „Wir haben den Bezug dazu verloren, was ‚sich ernähren‘ eigentlich bedeutet.“ Im Interview erzählt die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin, wie die Politik die Produktionsstrukturen verändern muss, was der Fleischkonsum des Einzelnen damit zu tun hat - und warum die Grünen trotzdem niemandem das Schnitzel verbieten wollen.

Frau Künast, es heißt, Fleisch in Deutschland sei zu billig, gleichzeitig soll es aber für jeden jederzeit erschwinglich bleiben. Aber was spricht eigentlich dagegen, Fleisch als ein Luxusprodukt zu bezeichnen? Immerhin reden wir von einem Lebewesen, das für unseren Genuss getötet wurde.

Wenn wir ein Produkt raussuchen und sagen: Das ist jetzt Luxus!, dann führt das zu einer Fehlwahrnehmung. Wir müssen uns grundsätzliche Gedanken über unseren Lebensstil machen. Damit meine ich nicht die individuelle Entscheidung darüber, wieviel Fleisch jeder einzelne isst oder ob man Gemüse kaufen sollte, das um den halben Globus gereist ist. Wir müssen die Strukturen verändern: Wie wir leben, wie wir produzieren, wie wir transportieren, ob Güter unter ökologischen und sozialverträglichen Bedingungen hergestellt wurden. Es stört mich, wenn es jetzt immer heißt, man müsse einfach nur mehr für Fleisch bezahlen, und nicht gleichermaßen mitdiskutiert wird, ob man damit auch wirklich mehr Tierschutz erreicht. Es darf nicht nur um ein kleines bisschen mehr Platz für die Schweine gehen. Wir müssen die Haltungsbedingungen grundsätzlich ändern. Da nützt es nichts, eine Debatte über Luxus anzufangen.

Aber wenn 600 Gramm Hähnchenbrustfilet 3,99 Euro kosten – zeigt das nicht, dass wir die Wertschätzung für Fleisch als Lebensmittel verloren haben?

Ich glaube, dass wir im gesamten Ernährungsbereich den Bezug dazu verloren haben, was „sich ernähren“ eigentlich bedeutet. Es geht nicht mehr in erster Linie darum, dem Körper die notwendigen Stoffe zuzuführen, um Wohlbefinden und Gesundheit zu erhalten. Essen ist zur Freizeitbeschäftigung geworden und wir zu Ein-Hand-Essern. Wir laufen mit dem Coffee-to-go durch die Stadt, essen Süßigkeiten, während wir am Computer arbeiten. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Essen immer dabei ist. Als könnte man nicht mal mehr auf einem Berggipfel sitzen und die Aussicht genießen, ohne nebenher zu essen, so suggeriert es die Werbung. Und hinter alldem tritt die Frage zurück, welcher Raubbau an der Natur für diese hochverarbeiteten Lebensmittel betrieben wurde, was mit den Tieren und den Arbeitern geschieht. Der Wahnsinn ist, dass das vollkommen entkoppelt ist von der Ernährung. Und dann wird so getan, als wäre es wahnsinnig schlimm, wenn darüber gesprochen wird, vielleicht mal etwas weniger Fleisch zu essen.

Laut Ernährungsreport 2020 des Bundeslandwirtschaftsministeriums sinkt der Fleischkonsum in Deutschland. Einer großen Mehrheit ist es wichtig, dass Fleisch unter fairen und nachhaltigen Bedingungen produziert wurde. 2013 ist Ihrer Partei der Vorschlag, man solle einen fleischlosen Tag in Kantinen einführen, auf die Füße gefallen; seitdem ist immer wieder von den Grünen als Verbotspartei die Rede. Wäre die Veggie-Day-Kampagne heute erfolgreicher?

Eigentlich war die Kampagne taktisch nicht breit genug angelegt. Die Idee vom Veggie-Day setzt ja auch bei der Frage an, was das Individuum tun könnte. Es ist aber Aufgabe der Politik, die Strukturen zu verändern. Ich bin doch nicht diejenige, die den Leuten das Fleisch verbieten will. Ich sage immer: Fragt euren Hausarzt! Es ist doch verrückt: Auf der einen Seite gibt es einen Aufschrei, weil es heißt, man wolle den Bürgern ihr Schnitzel wegnehmen, und gleichzeitig werden Bücher über die gesundheitlichen Vorteile von fleischloser Ernährung zu Bestsellern.

Zur Person

Renate Künast wurde 1955 in Recklinghausen/NRW geboren. Sie studierte erst Sozialarbeit in Düsseldorf und später Jura in Berlin. Von 2005 bis 2013 war Künast Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen und von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft.

Experten sind sich einig, dass die Tierbestände allein aus Umweltgründen dringend reduziert werden müssen. Die deutsche Fleischindustrie produziert aber auch für den Weltmarkt. Gerade erst haben die Unternehmen Rekordumsätze gemeldet, vor allem im Geschäft mit China. Aber wie kann man die Bauern und Fleischfirmen davon abhalten, zu expandieren und die weltweite Nachfrage auszunutzen?

Während der großen Industrialisierung in den 60er, 70er Jahren war es noch ganz selbstverständlich, dass Unternehmen einfach wirtschafteten und niemand vorschrieb, was oben aus dem Schornstein rauskommt. Aber mittlerweile ist doch klar, dass die dringende Notwendigkeit besteht, die anderen Interessen des Gemeinwesens mit zu berücksichtigen. Wir haben Umweltauflagen in jedem Bereich. Da können wir den ganzen Bereich der Tierhaltung und -schlachtung und der Fleischverarbeitung ja nicht raushalten.

Der Corona-Ausbruch bei Tönnies und in anderen Fleischkonzernen hat ein Schlaglicht auf die Zustände in der Branche geworfen. Aber eigentlich sind die prekären Arbeitsbedingungen und die Missstände in der Tierhaltung doch schon seit mehr als 20 Jahren bekannt. Warum hat sich in all der Zeit nichts maßgeblich verändert?

Ich sage das nicht aus Rechthaberei, aber: Es gibt so viele Dinge, die wir als Grüne immer wieder adressiert haben. Und immer hieß es: Das regelt der Markt. Uns wurde immer vorgeworfen, wir wollten dies oder jenes verbieten. Dabei sehen wir doch: Der Markt regelt es eben nicht. Und das wussten wir auch schon vor der Corona-Krise. Der Markt setzt nur eine Art von Wettbewerb ohne Leitplanke. Damit sind wir übrigens wieder bei der Debatte darüber, dass man sich Fleisch noch leisten können muss. Es wurde schließlich zugelassen, dass ordentlich bezahlte Facharbeiter von Subunternehmen und Werkverträgen verdrängt werden, um so billig wie möglich zu produzieren. Ich finde auch, dass wir der jüngeren Generation schwer vermitteln können, warum wir jetzt dreihundert Millionen Euro ausgeben wollen, um minimale bauliche Veränderungen in Ställen zu erreichen, wie sie die Borchert-Kommission vorsieht. Konsequent wäre es zu sagen: Wir zahlen nur, wenn auch die Kontrollen verbessert werden. Den Platz für eine 110 Kilogramm schwere Sau von 0,7 auf 0,9 Quadratmeter zu erhöhen, nützt nichts, wenn nicht überprüft wird, wie es dem Tier geht. Das wollen aber viele nicht, weil dann klar würde, dass wir die Gesetze für die Haltung verändern müssten. Solange das nicht passiert, werden wir zwei Systeme haben: Eines, in dem die Bauern freiwillig die Haltungsbedingungen verbessern, und ein anderes, in dem einfach weiter für den Weltmarkt produziert wird, und wo sich niemand um den Tierschutz schert. Ich muss Ihnen sagen: Das ist mir zu wenig.

Von 2001 bis 2005 waren Sie selbst Bundeslandwirtschaftsministerin – sind Sie in dieser Zeit Ihren eigenen Ansprüchen gerecht geworden?

Ich hätte immer gern mehr erreicht. Aber wenn ich es mal an der Anzahl der Kämpfe festmache, die ich damals ausgefochten habe. Da hieß es vonseiten der CDU, ich sei quasi das Ende der Landwirtschaft in Deutschland. In meiner Amtszeit habe ich 20 Prozent Ökolandbau gefordert und das Biosiegel eingeführt. Da hieß es, ich würde die deutschen Bauern diskriminieren, man nannte mich naiv. Und heute schlägt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor, dass es bis zum Jahr 2030 in der Europäischen Union 25% Ökolandbau geben soll. Es gibt durchaus Dinge, auf die ich stolz bin. Bei der Novelle zum Gentechnikgesetz haben die Verhandlungen zwischen meinem Ministerium und dem Wirtschaftsministerium damals 18 Monate gedauert! Aber wir haben es durchgehalten. Sonst hätten wir heute auch in Deutschland überall Gentechnik mit der dazugehörenden Chemie und die Bauern würden endgültig untergehen. Vielen ist das mittlerweile auch klar. Aber das sind eben Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind und die man nicht in wenigen Jahren überwindet. Es sind mühsame Kämpfe, und es dauert. Man muss aufpassen wie ein Höllenhund und braucht die Ausdauer eines Marathonläufers.