MITROVICA - Das Grundstück von Vater Nenad Stojanovic  ist von alten, verrosteten Stacheldrahtrollen umgeben. Wer durch das Eingangstor geht und dem neuen, gepflasterten Weg folgt, kommt an einem Polizisten vorbei. Er sitzt in einem weißen, kapselartigen Container – der einzige Kontrast zum grauen Stein der Kirche, die sich auf dem Hügel dahinter auftut. Die Sonntagsliturgie ist gerade zu Ende gegangen. Einige Gläubige sitzen noch im Pfarrhaus bei türkischem Kaffee, Keksen und Schnaps zusammen.

Zum Abschied macht jeder von ihnen das Kreuzzeichen und küsst die Heiligenikonen. Dann brechen sie in den Norden auf. Keine 500 Meter weiter überqueren sie die Brücken, die sich über den Fluss Ibar spannt. Mitrovica steht wie keine Stadt im Kosovo für die ethnische Teilung zwischen Serben und Albanern. Vater Nenad und seine Familie jedoch bleiben hier. Sie sind die letzten Serben, die heute noch im Süden der Stadt leben. Sie sind Augenzeugen der schwierigen Geschichte dieser Stadt, und sie künden mit ihrem Ausharren zugleich davon, dass es eine Zukunft auf Ruinen geben kann.

Schwere Ausschreitungen

Am 17. Februar 2008, neun Jahre nach Kriegsende, rief der Kosovo seine Unabhängigkeit aus. Das jüngste Land Europas ist zwar von der Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten, aber noch lange nicht von allen Uno-Staaten (113 von 193) anerkannt, darunter Serbien, China, Russland, Spanien, Griechenland und Zypern.

Mit dem Zerfall Jugoslawiens und dem Aufkommen der Unabhängigkeitsbewegungen in Slowenien, Kroatien und Bosnien wurde auch in der mehrheitlich von Albanern bewohnten Provinz Kosovo der Wunsch laut, sich vom ehemaligen Vielvölkerstaat loszusagen. Doch der serbische Machthaber Slobodan Milosevicć beschnitt die Rechte der Kosovo-Albaner und entmachtete die ehemals autonome Provinz durch eine Verfassungsänderung. Albaner wurden gekündigt und aus den Universitäten verdrängt.

Als albanische Widerstandskämpfer die paramilitärische Organisation UÇK formierten, ging der Konflikt 1997 endgültig in eine bewaffnete Auseinandersetzung über. Nach dem Eingreifen der Nato fiel der Kosovo unter die Verwaltung der Vereinten Nationen. 800 000 albanische Flüchtlinge kehrten in ihre Heimat zurück. Im März 2004 kam es im ganzen Kosovo zu schweren Ausschreitungen, den schlimmsten seit Kriegsende.  Auch wenn sich diese Vergeltungsaktionen nicht mit den in den Neunzigerjahren an der albanischen Zivilbevölkerung verübten Massakern und Schikanen vergleichen lassen, waren sie doch für viele Serben ein traumatisches Erlebnis.

Mehrere Tausend Familien flüchteten, nachdem ihre Häuser gestürmt, geplündert oder angezündet wurden. Steine und Molotow-Cocktails flogen, Einsatzwagen wurden demoliert. Mindestens 19 Menschen starben, 1 000 weitere wurden verletzt. Tausende Serben, Roma und Aschkali mussten aus ihren Häusern fliehen.

In Mitrovica versuchte ein nationalistischer Mob, die Brücke zu stürmen und in den Norden vorzudringen. Als sie von französischen KFOR-Soldaten daran gehindert wurden, zogen sie zur einzigen serbisch-orthodoxen Kirche im Südviertel. Es ist jenes Grundstück, auf dem Nenad Stojanovic heute mit seiner Familie lebt. „Am Ende des Tages wurde  die Kirche völlig ausgeräuchert“, sagt er.

Der Priester mit der bodenlangen, schwarzen Kutte führt durch die Pforte der Kirche. Die Wände sind kahl, der Altar wurde durch einen unscheinbaren Holztisch ersetzt. Die erhöhte Galerie fehlt, seitdem die Flammen das Gebälk völlig niedergebrannt haben. Doch die wenig einladende Kirche tut ihren Zweck. „Ohne meine Liturgien würden viel weniger Serben in den Süden kommen“, sagt Nenad Stojanovic. Trotzdem wird die große Sankt-Demetrius-Kirche im Nordteil, die auf einem neu bepflasterten Plateau über der Stadt thront, vom Großteil der serbischen Bewohner bevorzugt. Aus Bequemlichkeit? Oder aus Angst vor möglichen Konflikten im Süden?

Dass seine Gemeinde eher klein ist, sei eine Sicherheitsfrage, bestätigt der Priester. Trotzdem habe sich die Situation in den vergangenen Jahren stark verbessert. „Heute haben die Menschen verstanden, dass sie sich arrangieren müssen“, meint Stojanovic. Seine Vorgänger mussten noch mit einem gepanzerten Fahrzeug in den Norden gebracht werden, wenn sie dort Liturgien abhielten. Damals waren fünf KFOR-Soldaten für die Bewachung seiner Kirche zuständig. Heute ist es nur noch ein Polizist der kosovarischen Einheit. Zu einem Vorfall kam es in den Jahren, in denen Stojanovic hier lebt, nie.

Während der Ausschreitungen 2004 wurden rund 35 orthodoxe Klöster, Kirchen oder Gedenkhäuser niedergebrannt oder schwer beschädigt, davon mindestens 19 mit Schutzstatus. Laut Stojanovic soll sich die Zahl bis 2011 um weitere 156 Attacken erhöht haben.
Auf der anderen Seite wurden während des Krieges über 200 Moscheen und damit ein Drittel aller islamischen Einrichtungen im Kosovo zerstört. Einzelne Vertreter der serbisch-orthodoxen Kirche heizten die Repressionen gegen die albanische Bevölkerung unter dem Milosevic-Regime zusätzlich an. Sie forderten eine Rückeroberung Kosovos mit Hilfe von Russland. Nenad Stojanovic  möchte die Politik aus seiner Kirche raushalten. Sein Wunsch ist es, dass seine vier Kinder in einem sicheren Kosovo aufwachsen.   Dieses Ziel sieht er allerdings durch bewusst geschürte Propaganda auf beiden Seiten getrübt.

Seit Anfang des Jahres hat sich die Rhetorik zwischen Belgrad und Pristina verschärft. „Aus meiner Sicht gibt es derzeit keinen realen Dialog“, sagt der Politikwissenschaftler Vedran Džihic. Grund für die Spannungen war unter anderem ein Propagandazug mit der Aufschrift „Kosovo ist Serbien“, der in Richtung Mitrovica entsandt wurde. Im Inneren befanden sich Ikonen aus serbisch-orthodoxen Kirchen. Pristina schickte Spezialeinheiten an die Grenze, Belgrad drohte mit dem Einsatz der Armee. „Aktuell scheinen die serbischen Nationalisten zu testen, wie weit sie gehen können,“ sagt der Politikwissenschaftler Tobias Spöri. Ein weiterer Grund für die schlechten Beziehungen ist der serbische Haftbefehl gegen den ehemaligen UÇK-Führer und früheren Kosovo-Premier Ramush Haradinaj. In der Nähe der Brücke, vom serbischen Teil klar sichtbar, prangert in diesen Tagen ein Plakat mit seinem Bild. Darunter der Hashtag: #ourman.

Seit dem Kosovokrieg ist die Stadt Mitrovica in zwei Welten geteilt. Der Süden wird überwiegend von Albanern, der Norden zum Großteil von Serben bewohnt. Die Brücke, welche die beiden Viertel miteinander verbindet, wurde zum Symbol für den Konflikt zwischen den beiden ethnischen Gruppen. Aus Sicherheitsgründen wird sie von Soldaten der KFOR, der militärischen Nato-Mission im Kosovo, bewacht. Bis heute darf sie nur von Fußgängern überquert werden und ist noch immer nicht für den Verkehr freigegeben.
„Ich fürchte mich vor dem Moment, wenn die Brücke entsperrt wird“, gesteht Velko. Der junge Mann fährt mit seinem klapprigen VW Polo zum Abendessen mit Freunden. Die meisten Autos, die ihm entgegenkommen, haben kein Nummernschild. „Hier macht jeder, was er will“, sagt Velko. Er passiert ein Wahlplakat des serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vucic. Während im Süden die albanische Flagge weht, ein schwarzer, zweiköpfiger Adler auf rotem Hintergrund, sieht man im Norden an jeder zweiten Ecke das Rot-Blau-Weiß der serbischen Trikolore.

Belgrad kommt der im Nordkosovo lebenden Bevölkerung mit Vergünstigungen entgegen. Velko muss weder seine Strom- noch seine Wasserrechnung bezahlen. „Für mich ist es eine Beleidigung, Kosovare genannt zu werden“, sagt er.
Velko wünscht sich die Etablierung eines serbischen Gemeindeverbandes, das im Kosovo hitzig diskutierte Kapitel des im April 2013 unterzeichneten EU-Abkommens. Viele Kosovo-Albaner fürchten, dass dadurch eine Art Staat im Staat nach dem Vorbild der Republika Srpska in Bosnien entstehen könnte. Die Oppositionspartei Vetevendosje, im Ausland für ihre Tränengasattacken im Parlament bekannt, wirft den Regierungsparteien vor, mit einem solchen Verband die Souveränität des Kosovos zu verkaufen. Sowohl Belgrad als auch Pristina interpretieren den Gemeindeverband auf ihre Weise.

Velko hat klare Vorstellungen, wie Gemeinden mit mehrheitlich serbischer Bevölkerung in Zukunft organisiert werden sollten. „Wir möchten eine eigene Flagge, Verfassung, Polizei und einen eigenen Präsidenten“, sagt er. Wichtig ist ihm auch, dass Serben ihr Gesundheitssystem und Erziehungswesen selbst und autonom verwalten können. Am vergangenen Freitag, als  in der Hauptstadt Pristina Paraden zum neunten Unabhängigkeitstag abgehalten wurden, hat er nicht mitgefeiert. 

Fast Food für den Frieden

Zumindest die Mauer, die Kosovo-Serben im Norden Mitrovicas errichtet hatten und die Kosovo-Albaner als Blockade und Abschottungsversuch kritisierten, wurde neulich abgerissen. Was vielerorts als Annäherungsversuch interpretiert wurde, ist allerdings nur von kurzer Dauer. Die Kommunalverwaltung im Norden hat angekündigt, an der selben Stelle einen neuen Betonwall zu errichten, der zwar nur 80 Zentimeter hoch sein soll, aber nach wie vor als politisches Zeichen gedeutet wird.
Wer vom Norden in den Süden will, der kann das  problemlos tun. Im Februar 2017 sieht man Menschen in beide Richtungen die Brücke überqueren, in ein Gespräch miteinander verwickelt, mit Apple-Kopfhörern im Ohr oder den Soldaten zunickend. Vasko ist einer von den Flaneuren. Der serbische Student erzählt, dass er regelmäßig in Bars und Cafés im Süden geht, um dort Freunde zu treffen.

Gerade wird im Südviertel eine Kentucky-Fried-Chicken-Filiale eröffnet. „Der Fast-Food-Laden wird mehr zum wechselseitigen Austausch beitragen als so manche NGO“, sagt Vasko, der 19-Jährige. Langsam wächst die Stadt doch wieder zusammen.
Und dann gibt es immer noch junge Männer wie Velko, der ein Taxi und nicht den Bus nimmt, wenn er in die Hauptstadt Pristina fährt; er fürchtet, von Albanern schief angeschaut zu werden. Gleichzeitig bleiben kosovarische Taxifahrer am Fluss wie an einer unsichtbaren Grenze stehen, aus Angst, Serben könnten ihre Autos demolieren. Und noch immer ist eine hässliche Stacheldrahtrolle über den Zaun von Vater Stojanovic gespannt. Die gute Nachricht lautet: Sie ist seit Jahren nicht mehr erneuert worden.