Neunundsechzig Jahre und einundsiebzig Tage, nachdem die Jüdin Else Hecht aus ihrer Wohnung in der Motzstraße abgeholt wurde, bekommt der Lehrling Andreas Wünsch den Auftrag, für sie einen Gedenkstein in den Berliner Bordstein zu schlagen. Es ist kurz vor Schichtende, Wünsch hat den ganzen Tag auf dem Lehrbauhof in Marienfelde Pflastersteine verlegt, in der Reihe, im Kreis, im Mosaik, als ihm Herr Saager, sein Ausbilder, mitteilt, morgen werde er mal nicht in der Halle arbeiten, sie würden in die Stadt fahren, Stolpersteine verlegen, 13 Stück.

Dirk Saager zeigt ihm eine Pappkiste, in der ungefähr ein Dutzend kleine quadratische Betonsockel liegen, auf denen Metallplatten befestigt sind. In die Platten sind Namen, Daten und Orte eingraviert. Andreas Wünsch hat noch nie von diesen Steinen gehört. Er kennt nur alte Kriegsdenkmäler aus den Dörfern in Brandenburg, wo er aufgewachsen ist, sagt er später. Er ist 19, ein schmaler Junge mit rasiertem Kopf, weichem Lächeln und unruhigen Augen. Er kommt aus Wildau in der Nähe von Königs Wusterhausen. Andi nennt er sich, seine Freunde sagen Neger oder Kanake zu ihm, weil sein Vater aus Saudi-Arabien kommt und er gerne HipHop-Hosen trägt. Stört ihn aber nicht, sagt er. „Ich bin ein aufgeschlossener Mensch, der mit allen klarkommt, auch mit Türken.“ Wenn er überhaupt Probleme habe, dann „mit irgendwelchen Möchtegerntürken oder anderen Ausländern, sonst respektiere ich jeden Menschen.“ Juden respektiere er auch, sagt Andreas Wünsch. „Ich kenn zwar keinen, aber wenn, hätt ich kein Problem mit.“

Von Tränen durchnässt

Ruth Rotstein schläft nicht viel in dieser Nacht, sie ist spät ins Bett gegangen und wird immer wieder wach in ihrem Hotelzimmer in der Kochstraße. So lange hat sie auf diesen Moment gewartet, sie ist dafür extra aus Israel gekommen, und jetzt muss sie sich doch immer wieder sagen, dass es gut ist, dass sie das Richtige tut.

Anfang dieses Jahres hat Ruth Rotstein eine Telefonnummer in Berlin angerufen und dem Mann am anderen Ende der Leitung gesagt, sie würde gerne für ihre Großeltern Else und Karl Hecht zwei Steine verlegen lassen, „Stolpersteine“, hat Ruth Rotstein gesagt, sie spricht gut deutsch.

Sie erzählte dem Mann von der Stolperstein-Initiative, was sie über ihre Großeltern weiß: Else und Karl Hecht kamen aus Plauen, wo sie zwei Geschäfte führten, Else eins für Frauen-, Karl eins für Herrenbekleidung. Sie hatten zwei Töchter, denen rechtzeitig die Flucht gelang, nach England und Palästina. Else und Karl Hecht blieben. Wahrscheinlich fühlten sie sich zu alt für einen Umzug in ein fremdes Land. Oder sie ahnten nicht, wozu die Nationalsozialisten in der Lage waren. Ruth Rotstein weiß nicht viel über ihre Großeltern. Sie wurde erst in Palästina geboren und hat sie nie kennengelernt. Ihre ältere Schwester Inge kann sich noch daran erinnern, wie sich ihre Großmutter vor der Flucht aus Deutschland von ihr verabschiedet hat, wie sie sie auf den Arm nahm, fest an sich drückte und wie nass ihre Oma war, nass vor Tränen, aber das hat Inge erst viel später verstanden.

Ein Stein als letzte Verbindung

Es gibt Unterlagen, die belegen, dass Karl Hecht im Januar 1942 im Jüdischen Krankenhaus in Moabit an einer Lungenentzündung starb und auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt wurde. Von Else Hecht existieren zwei Briefe an ihre Tochter Eva in London, kurze abgehackte Schreiben, ohne ein negatives Wort – Juden war es verboten, zu klagen und pro Brief mehr als 30 Worte zu schreiben. Eine Nachricht stammt vom 9. August 1942. „Geliebtes Kind“, heißt es darin. „Dies Antwort auf beglückenden Junibrief. Nichts von Kindern? Bin gesund, arbeite, verdiene. Sehnsucht unendlich. Bleibt gesund und stark. Innigste Küsse. Dir, Kindern. Mutter“. Mit Adresse und Datum sind es genau 30 Wörter.

Sechs Tage später, am 15. August 1942, wurde Else Hecht aus ihrer Wohnung in der Motzstraße 82 abgeholt und in ein Konzentrationslager nach Riga deportiert. Am 18. August wurde sie ermordet.

Elses Tochter, die Mutter von Ruth Rotstein und Inge Goldstein, hat nie darüber gesprochen, kein Wort. Sie hat immer nur die wunderschönen deutschen Wälder, in denen man Beeren und Pilze sammeln konnte, erwähnt, und jetzt, da sie und ihre Schwester tot sind, ist es zu spät, Fragen zu stellen. Was bleibt, ist das Bedürfnis, etwas zu tun, eine Verbindung herzustellen zu den vergessenen Großeltern. Dieser kleine Stein aus Messing könnte so eine Verbindung sein.