Experten hierzulande schütteln den Kopf, wenn sie von dem Fall der Berlinerin hören, die dank einer Eizellspende mit 65 Jahren Vierlinge erwartet. Die gesundheitlichen Risiken seien immens, sagt Klaus Diedrich, langjähriger Leiter der Frauenklinik der Universität Lübeck. Zugleich fürchtet er um das Image seiner Zunft.

Herr Professor Diedrich, was sagen Sie zu dem Fall Raunigk?

Schrecklich! Wir machen schon viel, um den Kinderwunsch zu erfüllen, hier wurde aber eine Grenze überschritten. In diesem Alter mit Hilfe einer Eizellspende eine Schwangerschaft zu erzielen. Und noch dazu Vierlinge. Das ist unverantwortlich – sowohl von der Patientin als auch von den Ärzten. Das ist genau das, was uns Reproduktionsmediziner in Verruf bringt.

Gibt es in Deutschland ein Höchstalter für künstliche Befruchtung?

Offiziell nicht. Ich ziehe ab 45 Jahren die Grenze, einige Kollegen bei Ende 40. Die Krankenkassen tragen die Kosten nur bis 40. In Deutschland ist ja die Eizellspende nicht erlaubt. Deshalb gibt es eine natürliche Grenze mit dem Erlöschen der Eierstockfunktion ab etwa 50 Jahren.

Wie riskant ist eine späte Schwangerschaft?

Das Risiko für Bluthochdruck ist extrem hoch, ebenso für eine Schwangerschaftsvergiftung und Diabetes. Auch die Fehlgeburtsrate steigt mit dem Alter stark. Und wenn die Schwangerschaft mit eigenen Eizellen erzielt wurde, auch das Risiko für Chromosomenfehlbildungen.

Und wie gefährlich ist es, mit Vierlingen schwanger zu sein?

Wenn es gut läuft, hält die Frau bis zur 30. Woche durch, dann werden die Kinder per Kaiserschnitt geholt. Den Kindern drohen Hirnblutungen, Atemnotsyndrom, sie kommen mit unreifen inneren Organen zur Welt. Vier komplizierte Frühchen auf einmal.

Annegret R. hat schon 13 Kinder zur Welt gebracht. War das ein Vorteil für sie?

Wenn eine Frau bereits schwanger war, weiß der Körper, wie es abläuft. Und die Gebärmutter auch nach den Wechseljahren empfangsbereit zu machen, ist gar nicht so schwer. Nur in den ersten zwölf Wochen muss die Frau Hormone nehmen, danach produziert die Plazenta die benötigten Hormone.

Beobachten Sie einen Trend zur späten Mutterschaft?

Auch in meiner Praxis stellen sich immer häufiger Frauen vor, die sich noch mit Mitte oder Ende 40 ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Gewiss hat die Möglichkeit, die künstliche Befruchtung zu nutzen, die Nachfrage erhöht. Früher ging es eben nicht. Heute gibt es zumindest eine Chance.

Wie lässt sich Missbrauch der Reproduktionsmedizin verhindern?

In Deutschland ist das durch das Embryonenschutzgesetz recht gut geregelt. Man bräuchte aber auch in anderen Ländern strengere Gesetze. Zumindest müssten die Ärzte Leitlinien auferlegt bekommen, an die sie sich zu halten haben. Ich wäre sehr für eine solche internationale Regelung. In Spanien oder einigen osteuropäischen Ländern sehe ich jedoch wenig Chancen. Dort wird viel Geld mit den Grenzüberschreitungen in der Reproduktionsmedizin verdient.

Interview: Anne Brüning